Macht der Täuschung – Chris Kraus „Das kalte Blut“

„Täuschung ist meine Währung. Es gibt keine härtere. Wer aber damit zahlt, das sage ich, ist noch lange nicht durch und durch falsch.“

1945, nach mehr als fünf Jahren Krieg, lagen Deutschland sowie weite Teile Europas und der Welt in Schutt und Asche. Bis zu 80 Millionen Menschen verloren ihr Leben, darunter allein sechs Millionen Juden, die während des Holocaust umgebracht wurden. Nur eine recht überschaubare Zahl ihrer Mörder wurde für ihre bestialischen Verbrechen belangt. Nicht wenige indes knüpften an ihre Karriere bei der SS oder der Wehrmacht an. In seinem neuen Roman „Das kalte Blut“ erzählt Chris Kraus eine jener bis heute unvorstellbaren, aber realen Geschichten.

Im Mittelpunkt des knapp 1 200 Seiten umfassenden Wälzers stehen die beiden Brüder Hub und Koja Solm. Im lettischen Riga mit wenigen Jahren Abstand und in eine gut situierte Familie geboren, erleben sie schon als Kinder, was geschichtliche Ereignisse und Umwälzungen für das Leben der Menschen bedeuten können. Ihr Großvater, ein Pfarrer, wird von Bolschewiken ermordet, nach der russischen Revolution und der späteren Gründung des lettischen Staates wird die Familie zwangsenteignet. Die Brüder lernen früh Hunger und Gewalt kennen. Trotz der ärmlichen Verhältnisse nimmt die Familie mit Ev, die ihre jüdischen Eltern verloren hat, eine Adoptiv-Tochter und ein drittes Kind auf. Während Hub Theologie studiert, widmet sich Koja, der auf den Spuren seines Vaters wandelt und Künstler werden will, ohne großem Ehrgeiz der Architektur. Der deutsche Nationalsozialismus findet seinen verheerenden Weg auch ins Baltikum. Hub überzeugt seinen Bruder, wie er dem Sicherheitsdienst beizutreten. Mit den Jahren steigen beide in der Hierarchie auf, werden schließlich Mitglieder der SS – zu Tätern und Teil des umfassenden Kriegs- und Vernichtungsmaschinerie der Nazis. Die Umsiedlung der Bessarabien-Deutschen aus Osteuropa spiegelt sich in dem Roman ebenso wieder wie die Verfolgung und Vernichtung der Juden sowie die dem Krieg an der Ostfront begleitenden Spionage-Aktionen.

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Auch Ev, dessen jüdische Herkunft Koja viele Jahre verheimlichen kann, bleibt davon nicht verschont. Sie arbeitet für einige Zeit als Ärztin im Konzentraktionslager Auschwitz – allerdings nicht, um Menschen zu töten, sondern um ihnen zu helfen. Als sie Zeugin der grausamen Ereignisse wird, wird sie entschiedene Gegnerin der Nationalsozialisten – eine persönliche Entwicklung, die auch Jahre nach dem Krieg Ev sowie ihre Beziehung zu ihren Stiefbrüdern belasten wird. Dabei geht sie mit beiden eine Liaison ein, die vor allem Hub und Koja entzweit. Denn beide lieben Ev, vergöttern sie schlichtweg sogar. Aus der zuerst heimlichen Liebe zwischen Koja und Ev entsteht zudem die Tochter Anna.

Erzählt wird das Geschehen komplett aus der Sicht von Koja, der weder zaghaft noch zurückhaltend anschließend auch von den Nachkriegsjahren berichtet, in denen er und sein älterer Bruder in der Einsatz-Gruppe rund um Reinhard Gehlen, aus der sich später der Bundesnachrichtendienst entwickeln soll, aktiv werden. Gehlen, der sich Doktor Schneider nennt, war ein hochrangiger Wehrmachtsoffizier und Leiter der Abteilung Fremde Heere Ost. Viele Offiziere und SS-Angehörige fanden in der Organisation Gehlen, die eifrig vom CIA unterstützt wurde, eine neue berufliche Heimat. Während jedoch Hub aufgrund einiger Misserfolge die Karriere-Leiter eher nach unten fällt, schafft es Koja, seinen Wirkungskreis zu vergrößern. Er agiert als Doppelagent, zuerst für den KGB, später für den israelischen Geheimdienst Mossad. Dafür schlüpft er in unterschiedliche Rollen, lebt sogar zeitweilig mit der Identität eines Juden in Tel Aviv. Doch Geld und Macht spielen für ihn keine Rolle. Er wäre lieber Künstler geworden. Seine Beweggründe sind eher privater Natur. Er handelt aus Zuneigung, Liebe, Leidenschaft. Für den KGB, um seine Geliebte Maja aus der Gefangenschaft im berüchtigten KGB-Gefängnis Lubjanka zu befreien, für den Mossad, um an der Seite von Ev zu bleiben, die nach Israel auswandert. Doch den Preis, den er für seine Verwandlungen und Täuschungen bezahlt, ist hoch. Er verliert durch tragische Schicksalsschläge geliebte Menschen.

„Das Lügen ist der einzige Schutz der Selbst- und Sehnsüchtigen. Es hält alles Wichtige in Gang. Alle Familien würden untergehen, wenn es in ihnen keine Lügen geben dürfte. Und auch alle Staaten. Eine Welt ohne Lüge gibt es nicht, und eine Welt, in der die Lüge gebilligt würde, kann es ebenso wenig geben.“

Ist Koja Täter oder Opfer? Eine Frage, die den ganzen Roman über im Kopf womöglich vieler Leser spuken wird. Ohne Zweifel: Durch ihn haben Menschen ihr Leben verloren. Basti, ein vom Buddhismus und Esoterik überzeugter Hippie, mit dem Koja in den 70er Jahren ein Krankenzimmer in einer Klinik teilt und dem er seine Lebensgeschichte mit all ihren Höhen und Tiefen erzählt, ist Zuhörer und zugleich Abbild des Entsetzens angesichts der menschenverachtender Brutalität und Berechnung. Spielen die Themen Liebe und Verrat, Wahrheit und Lüge, Identität und Täuschung neben historischen Ereignissen und Entwicklungen aus rund 70 Jahren Weltgeschichte inhaltlich wichtige Rollen, erscheint die Sprache im Gegensatz zum Ernst und der Trauer der Geschehens oftmals allzu gegensätzlich. Denn Koja erzählt seine Lebensgeschichte mit reichlich Sarkasmus und Zynismus, detailfreudigen wie teils überspitzten Szenen- und Personendarstellungen. Man gewinnt an einigen Stellen, vor allem angesichts absurd wirkender Szenen, den Eindruck, einen Monty-Python-Film als Roman zu lesen. Gleichzeitig werden entsetzliche Szenen dem Leser deutlich vor Augen geführt. Man merkt, dass Kraus vorrangig als Drehbuchautor und Regisseur tätig ist, Bilder für die große Leinwand inszeniert. Auch dieses Buch soll die Vorlage für einen kommenden Kinofilm bilden.  

Er führt in einem Nachwort eine Vielzahl an Literatur auf, darunter zahlreiche Sachbücher, die seine Recherche begleitet und bereichert haben. Als literarische Vorbilder nennt er Gabriel García Márquez und Péter Esterházy. Ohne Frage: „Das kalte Blut“ ist auf weiten Strecken ein eindrucksvoller Pageturner, der einen wegen seiner lebendigen Dialoge, überraschenden Wendungen und weisen Worte fesselt. Der Roman erzählt, auf welcher schmutzigen Grundlage, genauer gesagt durch das Treiben der Geheimdienste, die Wege für die große internationale Politik geebnet werden. Im letzten Viertel jedoch scheint sich das Geschehen etwas im Kreis zu drehen, ermüdet das Versteckspiel Kojas, der weiter wie ein Hase Haken schlägt, doch aus seiner Schuld und seinen vielen Täuschungen nicht mehr herauszukommen scheint. Der große Verdienst des Romans liegt in der beharrlichen Recherche seines Autors, mit dessen Werk der Leser viel Stoff zum Grübeln erhält.

Auch Jochen Kienbaum stellt den Roman auf seinem Blog „Lustauflesen“ vor.


Chris Kraus: „Das kalte Blut“, erschienen im Diogenes Verlag; 1200 Seiten, 32 Euro

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