Dorf ohne Idylle – Szilárd Borbély „Die Mittellosen“

„Vater sagte, es gibt Zahlen, die man nicht teilen kann. Sie haben keinen anderen Teiler als die Eins und sich selbst. Seither versuche ich jede Zahl zu teilen. Ich mag die, die keinen Teiler haben. Die so sind wie in diesem Dorf wir. Aus den anderen herausragen.“

Ein Junge lebt in einem Dorf. Mit seinen Eltern, der älteren Schwester, einem jüngeren Bruder. Die Familie ist arm und wohnt in einem Erdhaus mit Lehmwänden etwas abseits des Ortes. Der Vater hat oft keine Arbeit und trinkt, die Mutter weiß manchmal nicht weiter und droht, sich das Leben zu nehmen. Eine Spirale der Gewalt setzt sich in Gang: Die Eltern schlagen die Kinder, die Kinder töten kleine Tiere. Auch der Junge, der von seinem Leben erzählt.

Als der Roman „Die Mittellosen“ im Herbst 2014 im Suhrkamp Verlag erschien, lebte sein Schöpfer nicht mehr. Der ungarische Literaturwissenschaftler, Übersetzer und Lyriker Szilárd Borbély, 1963 geboren und Dozent für ungarische Literatur in Debrecen, hatte am 19. Februar 2014 seinem Leben ein Ende gesetzt. Er litt unter posttraumatischen Depressionen. In seinem ersten und einzigen Roman ist er selbst jener Junge aus dem Dorf. Sein Roman sei biografisch grundiert, schreibt der Schriftsteller in einem Text, der im Anhang des Buches zu finden ist.

Schon die ersten Seiten zeigen eine trostlose Kindheit, aus der es kein Entkommen zu geben scheint. Die Familie ist arm, Gewalt verdrängt jegliche Zuneigung, die nur selten gegeben wird. Die Mutter schlägt, der Vater schlägt. Der Junge erzählt sehr konkret, wie er kleine Tiere quält und töt. Wie auch andere Einwohner des Dorfes Tiere quälen und töten. Ob Katzen, Hühner, kleine Krabbeltiere. Während die Mutter hart im Haus schuftet, findet der Vater meist keine Arbeit und trinkt. Oft kommt er eine lange Zeit nicht nach Hause. Diese schrecklichen Szenen beschwören eine beklemmende Atmosphäre herauf, die den Leser verstört. Er findet sich in einem Albtraum wieder, aus dem er sich allerdings nicht befreien will. Im Gegenteil. Das Buch entwickelt einen Sog, aus dem ich mich weder befreien wollte noch konnte.  Aus mehreren Gründen.

Das Geschehen, Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre angesiedelt, wird aus der Perspektive des Jungen erzählt. Er berichtet ehrlich und schonungslos und ist vollkommen auf das Geschehen konzentriert. Gefühle spielen kaum eine Rolle; und wenn, dann nicht mit Blick auf das Erlebte, sondern auf besondere Personen. Als Erwachsener auf die Sicht eines Kindes zu schauen, ist für mich sehr faszinierend. Ein ganz ähnlich konstruiertes Buch, das sich ebenfalls nahezu in das Gemüt des Lesers „eingräbt“ und „festbeißt“, ist der Roman „Wie keiner sonst“ des Dänen Jonas T. Bentsson. Und auch in „Die Mittellosen“ erweist sich der Junge als ein sehr guter Beobachter, die Szenen sind ungemein plastisch, geradezu bildgewaltig. Das Haus, das Dorf, das Geschehen – im Kopf des Lesers entsteht ein Film, der allerdings kein Anfang und kein Ende kennt. Der Bericht, ein nahezu ungeordneter Erinnerungs- und Gedankenstrom, der mit seinen kurzen Sätzen und Satzfragmenten einen ganz speziellen Rhythmus besitzt, springt zwischen den Zeiten, Personen und Orten hin und her.

„Sie können nur Ihresgleichen ertragen. Wer weggeht, ist ein Verräter. Auch wer anders ist. Und wer anders sein will. Sie halten jeden für einen Juden, der seinen Verstand gebraucht. Wer klüger ist als sie, ist Jude.“

Über all dem liegt nicht nur eine bedrohliche Atmosphäre. Da die Familie von den anderen Dorfbewohnern ausgegrenzt wird, fragt der Junge nach seiner Herkunft. Ist er nun Jude oder nicht? Schließlich wird er ja selbst von den anderen Kindern deshalb gedemütigt und gehänselt – und nicht nur, weil er die abgelegten Kleider seiner Schwester tragen muss. Vieles bleibt unausgesprochen, es herrscht ein Misstrauen außer-, aber auch innerhalb der Familie. Nur der Großvater, der Vater der Mutter, erzählt von der Geschichte der Familie, die teilweise aus Rumänien stammt, dem orthodoxen Glauben gepflegt hatte, ehe sie gezwungen wurde, dem griechisch-katholischem Glauben zu folgen. Die Mutter vergleicht ihren Status im Dorf mit dem der Juden, die als „anders“ gelten, ausgegrenzt werden. Sie will das Dorf verlassen, scheitert jedoch daran. Selbst als die Möglichkeit besteht, nach Kanada auszuwandern, wo bereits der Onkel des Jungen lebt, bleibt die Familie in ihrer eigenen Passivität gefangen und den meist unausgesprochenen Gesetzen des Dorflebens ausgeliefert.

Religion spielt in diesem Roman eine ganz wesentliche Rolle. Nicht nur im Gegensatz zur „Staatsreligion“ des Kommunismus, der sich durch die Partei und eine strenge Hierarchie eine Struktur gegeben hat, die vor allem auf Gehorsam und Ausgrenzung basiert. Mit der Religion werden die Menschen verschiedenen Gruppen zugewiesen. Wie die Juden, deren Verfolgung und Vernichtung auch in diesem Roman Eingang findet. Mit Moszi, dessen Familie die schrecklichen Jahre nicht überlebt hat, während er selbst nach dem Arbeitsdienst zurück ins Dorf und in sein Haus kommt, das von den Einwohnern zuvor geplündert wurde. Wer indes keiner Gruppe  zugeordnet werden kann, bleibt ein Außenseiter. Wie der Messias, der die Plumpsklos der Bewohner leert und ebenfalls gedemütigt wird.

Gegen Ende des Romans macht der junge Erzähler erneut die Bekanntschaft mit dem Tod – in einer indes emotionaleren Beziehung: Sein kleiner Bruder stirbt als Kleinkind. Als erwachsener Mann wird der Autor wieder von einem tragischen Erlebnis heimgesucht: Seine Mutter wird 2000 bei einem Überfall auf die Wohnung getötet, sein Vater, damals schwer verletzt, stirbt wenige Jahre später. Auch dies wird in den Texten im Anhang des Bandes erzählt. Am Ende schlägt man das Buch mit Fassungslosigkeit und Entsetzen zu. Einmal mehr stellt man sich die Fragen, was ein Mensch aushalten kann, wenn statt der Empathie Unmenschlichkeit herrscht und wenn die Geschichte und die Lebensumstände mehr Einfluss auf ein Leben eines Menschen haben, als dessen Charakter und sein Streben.

Der Roman „Die Mittellosen. Ist der Messias schon weg?“ von Szilárd Borbély erschien im Suhrkamp Verlag, in der Übersetzung aus dem Ungarischen von Heike Flemming und Lacy Kornitzer. Der Band enthält zudem Texte des Autors sowie der beiden Übersetzer; 350 Seiten, 24,95 Euro

Foto: Mark Berndroth/pixelio.de

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