William Heinesen – „Noatun“

„Noatun ist unser Ort, dort wohnen wir, dort werden wir leben und sterben.“

Dødmansdal – von Gott verlassen, von den Menschen gemieden, ein fast verrufener Ort auf einem der Eilande der Färoer. Dennoch wagt hier eine Gruppe Frauen und Männer einen Neuanfang. Sie pachten Land, roden es, um es urbar zu machen. Die Männer ziehen monatelang auf Fischfang mit mal mehr mal weniger Erfolg. Aus Dødmansdal wird Noatun. Ein Name, der auf den Palast des nordischen Meeresgottes Njörðr aus der Edda verweist.

Familien und Einzelgänger

Dennoch, trotz aller mythologischer Verweise, ist der 1938 im dänischen Verlag Ejnar Munksgaard erschienene gleichnamige Roman des Färingers William Heinesen (1900–1991) ein Buch aus jener Zeit, wenngleich diese für heutige Verhältnisse archaisch wirkt. Doch das dortige Leben auf dem Archipel, im Nordatlantik zwischen Island und Norwegen gelegen und aus 18 Vulkaninseln bestehend, ist hart; die Verhältnisse sind rau und besonders fordernd. Mittendrin: Familien und manch Einzelgänger. Wie Niels Peter mit seiner Frau Sunneva und ihrer Schar Kinder, Angelund, der Alte, das kinderlose Paar Tilda und Sanson, das windige Schlitzohr Ole oder auch Bernhard, der die große Liebe sucht und dabei oft scheitert.

Ihr Leben wird durch den Rhythmus der Jahreszeiten bestimmt. Ihr Fleckchen Erde ist den Elementen ausgesetzt. Stürme, Eis und Schnee herrschen, aber auch wärmere Tage gibt es. Heinesen gibt Einblicke in das einfache Leben auf den Färöern und in diese bunte Gemeinschaft, diesen zusammengewürfelten Haufen, den der eine oder andere freiwillig oder auch unfreiwillig verlässt. Menschen kommen und gehen, werden geboren und sterben. Der Glauben wird gelebt durch private Andachten. Neben den Herausforderungen des Lebens als Bauer und Fischer prägen Schicksalsschläge jeden Einzelnen, aber auch das Zusammenleben. Allgemein haben die Neusiedler keinen guten Ruf und werden belächelt. Unglücksfälle, Krankheiten und schwindende Vorräte nach erfolglosem Fischfang, Missernten und dem Bankrott des nahe gelegenen Kaufmanns setzen ihnen zu.

Hartes Leben ohne Sicherheit

Bei aller Tristesse enthält Heinesens Roman indes auch ein Fünkchen Hoffnung. Die Schar wird größer, ein Leuchtturm wird errichtet. Neben dem Ackerbau werden vor Ort die Anfänge für die Tierhaltung gelegt. Man könnte meinen, all die Mühen, all die Strapazen werden eines Tages belohnt. Wenngleich am Ende der nächste Schicksalsschlag um die Ecke kommt. Sicherheit – das kennen die Noatuner nicht. Aber sehr wohl eine Gemeinschaft, in der Hilfsbereitschaft groß geschrieben wird, der eine für den anderen einsteht. Was wohl die Grundlage ist, um an diesem Ort zu überleben. Vor allem den Frauen fällt da eine wichtige Rolle zu.

„Rings umher sangen Goldregenpfeifer und Brachvögel, das gewaltige Meer war scheckig durch Strömungen und und raue Seen, es glich einer flachen Landschaft mit Wegen, Teichen und mächtigen Kartoffeläckern.“

Heinesen, am 15. Januar 1900 in der färingischen Hauptstadt Tórshavn als Sohn eines Kaufmanns geboren, war einer der bedeutendsten Künstler der Färöer. Obwohl er zeitlebens auf Dänisch schrieb, fing er wie kaum ein anderer die raue Natur, die Kultur und die Seele seiner Heimat ein. Er war ein Multitalent: Denn neben seinem literarischen Schaffen arbeitete er darüber hinaus als Maler, Grafiker und Musiker. Heinesen debütierte in den 1920er-Jahren zunächst als Lyriker, erlangte jedoch internationale Anerkennung vor allem durch seine Romane und Erzählungen. Für seinen Roman „Det gode håb“ („Das gute Hoffen“) erhielt Heinesen 1965 den renommierten Literaturpreis des Nordischen Rates. Nach dem Erzählband „Hier wird getanzt!“ veröffentlicht der Guggolz Verlag mit „Noatun“ nun ein zweites Buch Heinesens, das zudem einen herausragenden Anhang enthält.

„Eine neue Welt zu gründen, braucht seine Zeit.“

„Noatun“ ist ein Roman, der einen gefangen nimmt und so leicht nicht loslässt. Sei es durch die markanten Figuren, sei es durch die poetische Sprache. Heinesen ist stets nah an den Menschen – und an der Natur, die ihresgleichen sucht. Er beschreibt eine Welt, die fast aus der Welt gefallen zu sein scheint, und löst Respekt und Demut aus. Dass dieses Werk wiederentdeckt und großartig von Inga Meinecke und Verena Stössinger ins Deutsche übertragen wurde, ist ein großes Geschenk. Mögen weitere Titel des Färingers erscheinen, um auch die Literatur einer Gegend ins Rampenlicht zu holen, die sonst eher eine kleine Nebenrolle spielt.


William Heinesen: „Noatun“, erschienen im Guggolz Verlag, in der Übersetzung aus dem Dänischen von Inga Meinecke und Verena Stössinger; 380 Seiten, 26 Euro

Foto von Jake Hinds auf Unsplash

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