Lea Korsgaard – „Das Jahr der Schmetterlinge“

„Was ich da sah, war die Ewigkeit.“

Fast jeder von uns hat sie: die berühmt-berüchtigte Bucket List. Die einen wollen eine neue Sprache lernen, die anderen ein Instrument. Reisen in ferne exotische Länder stehen auch oft ganz weit oben. Die dänische Journalistin und Autorin Lea Korsgaard hat sich vor wenigen Jahren ein ganz anderes Ziel gesetzt. Sie will alle tagaktiven Schmetterlinge Dänemarks, die teils wunderliche Namen tragen wie Braun-Dickkopffalter und Großer Sonnenröschen-Bläuling, binnen eines Jahres sehen. Noch ahnt sie zu Beginn nicht, dass das ein ziemlich schwieriges und nervenaufreibendes Unterfangen ist.

Alarmierende Zahlen

Ein gewichtiger Grund dafür ist sicherlich vielen klar. Es ist der massive Artenschwund. Von 1989 bis 2016 untersuchten Hobby-Insektenkundler des Krefelder Entomologen-Vereins mittels Standard-Fallen die Entwicklung der Insektenbestände. Ihr Ergebnis war und ist noch immer erschreckend – und alarmierend. Die Bestände in Schutzgebieten sind um mehr als 70 Prozent zurückgegangen. Die Ergebnisse, die unter dem Namen Krefelder Studie bekannt geworden sind und auch von Korsgaard erwähnt werden, wurden später durch andere Studien bestätigt.

Die Ursachen sind vielfältig und einschneidend, reichen von der Überdüngung, Pestiziden und dem Anbau von Monokulturen durch die intensive Landwirtschaft bis hin zu naturfeindlichen Gärten und zur Lichtverschmutzung. Trotz dieses Wissens macht sich die Dänin auf die Suche. Sie nutzt Internetseiten und Foren und holt sich vor und während ihres „Projekts“ Helfer an ihre Seite, Experten, die ihr wertvolle Hinweise zu wichtigen Fragen geben können. Wo finde ich die Falter? Weshalb sind sie gerade dort vor Ort? Wie lange sind sie unterwegs? Viele Arten stellen hinsichtlich Nahrung und Vermehrung besondere Bedürfnisse an ihre Umgebung und sind nur in einem kleinen Zeitfenster von wenigen Tagen anzutreffen.

Reise durch das Land

Korsgaard plant genau. Sie erstellt eine Liste mit den wichtigsten Angaben, dann geht es los. Sie macht Ausflüge in die nähere Umgebung, reist aber auch quer durch das Land. Unter anderem nach Nordjütland und auf die Ostsee-Insel Møn. Die Mutter dreier Söhne ist allein oder mit ihrer Familie unterwegs. Ihr Großvater, KZ-Überlebender und Theologe, stand der Natur sehr nah. Seine Gedanken hat er in Tagebüchern festgehalten, die für die Autorin zu einer prägenden Lektüre wurden. Wie viele andere Bücher, die erwähnt werden beziehungsweise auch im Anhang aufgeführt werden. Elizabeth Kolberts preisgekrönter Band „Das sechste Sterben“ oder Rachel Carsons Klassiker „Der stumme Frühling“ aus dem Jahr 1963. Sie widmet sich Aristoteles und Vladimir Nabokov, der Schmetterlinge sammelte, der britischen Illustratorin und Entomologin Margaret Fountaine sowie dem niederländischen Naturforscher Jan Swammerdam.

„Ich war berauscht von der Sonne, dem endlosen Himmel und den Lebewesen um mich herum, während mich gleichzeitig ein quälender Gedanke beherrschte – nur ein einziger: Ich hatte den Kleinen Würfel-Dickkopffalter nicht gesehen.“

Entstanden ist ein Buch, das reich ist an weiterführenden Informationen zu den verschiedensten Bereichen wie Theologie und Naturwissenschaft, Wirtschaft und Kultur. So farbenprächtig wie das Cover des Buches, so bunt ist dank zahlreicher Post-its der Schnitt meines gelesenen Exemplars. Die Autorin setzt sich ausführlich mit dem Phänomen der Metamorphose sowie Leben und Tod auseinander, erzählt aber auch von ihren ganz persönlichen Gedanken, Begegnungen und Erfahrungen. Korsgaard erlebt Rückschläge, zweifelt an dem, was und wie sie es tut. Ihr Projekt ist eine besondere Erfahrung, die sie bereichert, aber auch an ihre Grenzen bringt.

„Ich kniete mich ebenfalls hin, lehnte mich vor und hatte das tiefe Bedürfnis, das Wesentliche einzufangen und diese beiden Tiere nicht nur als Vertreter ihrer Art zu sehen. Sondern als das, was sie waren: einzigartig und außergewöhnlich.“

Ihre Botschaft an die Lesenden ist keine, die unbedingt neu ist. Der fatale Einfluss des Menschen auf die Natur, Umweltverschmutzung und Artensterben, wird in vielen Büchern beschrieben – und das seit Jahren. Doch Korsgaards Mahnung mit all ihrer Vehemenz erwächst aus ihrer eigenen persönlichen Erfahrung und nicht aus statistischen Zahlen. Ihr Buch ist zugleich eindrucksvolles Nature Writing, das einen dazu inspiriert, Bekanntes in der Natur neu zu entdecken, Flora und Fauna konzentriert und mit wachem Geist wahrzunehmen. Und dank der Zeichnungen von tagaktiven Faltern, die Korsgaard auf ihren Touren gefunden hat, kann man sich selbst auf die Spur der Schmetterlinge machen.


Lea Korsgaard: „Das Jahr der Schmetterlinge“, erschienen im Ullstein Verlag, in der Übersetzung aus dem Dänischen von Kerstin Schöps; 336 Seiten, 22,99 Euro

Foto von Manuel Rheinschmidt auf Unsplash

Ein Kommentar zu „Lea Korsgaard – „Das Jahr der Schmetterlinge“

  1. Ich habe neulich schon einen Artikel über das Projekt der Autorin gelesen, aber dank Deiner Vorstellung ist das Buch auf der Wunschliste nun noch ein Stückchen weiter nach oben gewandert.

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