Annelies Verbeke „Dreißig Tage“

„Es gibt immer Licht, immer Schatten.“

Alphonse ist ein dufter Typ. Mit ihm ist gut Kirschen essen, womöglich auch Pferde stehlen. Er ist einer, den man sich als Nachbarn wünscht, mit dem man gern ein Bierchen, Weinchen oder ein großes Glas Fassbrause trinken würde. Doch es gibt auch Menschen, die ihn scheel anschauen würden – mit einem Blick der Verachtung, des Hasses. Denn Alphonses Haut ist dunkel, er stammt aus dem Senegal. Dass er in der tiefsten Provinz Flanders lebt, empfindet er als Glück, doch das ist nur von kurzer Dauer. Die flämische Schriftstellerin Annelies Verbeke hat mit „Dreißig Tage“ einen Roman geschrieben, der das Herz des Lesers bricht.

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Heine Bakkeid „Triff mich im Paradies“

„Alle brauchen einen Ausweg.“

In der Kriminal- und Thrillerliteratur gibt es in der jüngsten Vergangenheit wohl kaum einen so kaputten Ermittler wie Thorkild Aske. Er ist ein Wrack, von körperlichen wie seelischen Wunden und Narben gezeichnet. Mit „Und morgen werde ich dich vermissen“ aus der Feder des Norwegers Heine Bakkeid hat er vor wenigen Jahren die Bühne der Spannungsliteratur betreten. Der erste Fall führte den Ermittler in den hohen, unwirtlichen Norden Norwegens, und auch im zweiten Fall kommt Aske nicht herum, den von ihm ungeliebten Teil des Landes erneut aufzusuchen. Denn ein Serienkiller treibt sein Unwesen, und es gilt, eine junge Frau aufzuspüren, die verschwunden ist. Heine Bakkeid „Triff mich im Paradies“ weiterlesen

Backlist #11 – Richard Flanagan „Der schmale Pfad ins Hinterland“

„Denn wenn die Lebenden die Toten loslassen, zählt das Leben nichts mehr.“

Viel ist über den Zweiten Weltkrieg geschrieben worden, unzählige Bücher sind erschienen; Romane, Zeitzeugenberichte und wissenschaftliche Literatur. Doch immer wieder stößt man als Leser auf Ereignisse, von denen man wenig oder noch nichts weiß. War mir persönlich die Brücke am Kwai zwar vom Namen bekannt, auch durch den gleichnamigen Film, wurden mir die Geschehnisse beim Bau der sogenannten Todeseisenbahn in Thailand und Burma erst mit dem Roman „Der schmale Pfad durchs Hinterland“ umfassend nahe gebracht. Für sein Werk erhielt der Australier Richard Flanagan im Jahr 2014 den renommierten Man Booker PrizeBacklist #11 – Richard Flanagan „Der schmale Pfad ins Hinterland“ weiterlesen

Tom Rachman „Die Gesichter“

„Ein Künstler, Charlie, sieht die Welt anders als normale Menschen (…).“

Der Vater – ein berühmter und gefeierter Künstler, die Mutter – nicht minder begabt, aber erfolglos. Mittendrin – der Sohn. Charles, von allen meist nur Pinch genannt, steht zwischen beiden, blickt zu seinem Vater hinauf, während er seiner Mutter, die ihm die meiste Liebe gibt, weitaus weniger Beachtung schenkt. Tom Rachman hat mit seinem neuen Roman „Die Gesichter“ ein bewegendes und kluges Buch geschrieben, in dem jeder Leser seine Geschichte findet und eine besondere Seite mögen wird.

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Romain Gary „Die Jagd nach dem Blau“

„Im Leben bleiben die Dinge selten heil.“

Sie tragen große Namen: DON QUICHOTE und MONTAIGNE. Manche heißen auch „nur“ WELTFRIEDEN und DICKERCHEN. Über die Grenzen seines Dorfes in der Normandie hinaus ist Ambroise Fleury, ein einfacher Landbriefträger, bekannt für seine selbst gebauten prächtigen Papier-Drachen. Für ihn wird sogar später ein Museum eingerichtet, das von seiner besonderen Leidenschaft erzählt. Über sein Leben berichtet auch sein Neffe Ludo. Im Roman „Die Jagd nach dem Blau“, dem letzten Buch des französischen Schriftstellers Romain Gary (1914 – 1980), ist er Ich-Erzähler und zugleich Held einer berührenden Geschichte über Geradlinigkeit, Hoffnung und eine große Liebe in einer düsteren Zeit. Romain Gary „Die Jagd nach dem Blau“ weiterlesen

Dagny Juel – „Flügel in Flammen“

„In der Seele großem dunklem Saal (…).“

Dagny Juel – Autorin, Femme fatale, Ehefrau, Mutter zweier Kinder. Viele Rollen hat die 1867 in Kongsvinger geborene Norwegerin in ihrem kurzen, durch einen tragischen Todesfall endenden Leben übernommen. Ihr Wirken und Schaffen als schreibend schöpferische Frau hat indes bis vor kurzem hinter ihrer Bedeutung in der berühmten skandinavisch-slawischen Berliner Boheme im ausgehenden 19. Jahrhundert gestanden. Nun versammelt der Band „Flügel in Flammen“ erstmals ihre gesammelten Werke in deutscher Übertragung und gibt auch dank eines Essays des Filmemachers und Autors Lars Brandt Einblicke in das Leben einer faszinierenden Persönlichkeit.

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Mathijs Deen „Über alte Wege“

„Veränderung beginnt damit, dass man einen neuen Weg geht, selbst wenn es nur eine Spur ist.“

Europastraßen: Sie bilden ein dichtes Netz, das sich über Europa und weite Teile Asiens legt. Sie führen von Norden nach Süden, von Westen nach Osten und machen nicht an Grenzen halt. Rund 250 von ihnen gibt es, mal mehr, mal weniger gut gekennzeichnet und ausgebaut. Diese Pisten für Fernfahrer und Touristen sind jedoch keine Erfindung der letzten Jahrzehnte. Ihre Geschichte reicht vielmehr sehr weit zurück. Und immer hatten sie eine besondere Bedeutung. Auf eine wundersame Reise in Raum und Zeit lädt der Niederländer Mathijs Deen mit seinem faszinierenden Buch „Über alte Wege“ ein. Mathijs Deen „Über alte Wege“ weiterlesen

Jocelyne Saucier „Niemals ohne sie“

„Wir haben eine ausgesprochene Begabung für den Schmerz.“ 

Sie sind der Inbegriff der Großfamilie. Die Zahl ihrer ist nahezu unvorstellbar, allerdings nicht unmöglich. 23 Köpfe stark ist die Familie der Cardinals, die Albert und seine Frau schufen. Eine Bande aus nahezu unbezähmbaren 21 Jungen und Mädchen mit einem ganz eigenen Willen. Aufgewachsen in der rauen Gegend rund um die Minenstadt Norcoville, kurz Norco genannt, die sich nach wenigen Jahren an Prosperität zu einer heruntergekommenen und verlassenen Geisterstadt verwandelt. Der Roman „Niemals ohne sie“ der kanadischen Schriftstellerin Jocelyne Saucier ist dabei mehr als nur ein Porträt dieser Familie, deren Mitglieder einzigartig, jedoch seelisch durch eine Tragödie verwundet sind. Jocelyne Saucier „Niemals ohne sie“ weiterlesen

John Lanchester „Die Mauer“

„Wer hat die Welt kaputt gemacht? Sie würden niemals zugeben, dass sie es waren. Und doch ist es direkt vor ihren Augen geschehen.“

Es gibt sie in China, eine solche hat Berlin geteilt, zwischen den USA und Mexico soll eine errichtet werden. Eine Mauer grenzt ab, ist Bollwerk und Verteidigungslinie. England hat eine Anlage mit einer Länge von rund 10.000 Kilometern gebaut. Sie umschließt die Insel und soll verhindern, dass die Anderen in Scharen ins Land kommen. Dieses Szenario bildet den Kerngedanken im neuen Roman des britischen Schriftstellers John Lanchester, der schon mit seinem Werk „Kapital“ auf aktuelle politische wie gesellschaftliche Entwicklungen reagiert hat.  John Lanchester „Die Mauer“ weiterlesen

Dörte Hansen „Mittagsstunde“

„Es ging hier gar nicht um das bisschen Mensch.“

Er hätte um die halbe Welt reisen, die chinesische Sprache erlernen können. Doch Ingwer Feddersen entscheidet sich, sein Nest, seine Wohlfühl-Dreier-WG in Kiel,  zu verlassen und sein  Sabbatjahr in seinem Heimatort Brinkebüll hoch oben im Norden zu verbringen; an der Seite seiner Großeltern, im vertrauten Gasthof, der schon bessere Zeiten erlebt hat. In ihrem neuen Roman „Mittagsstunde“ erzählt Dörte Hansen von einem kauzigen Heimkehrer und einem Geest-Dorf, in dem die Veränderungen der vergangenen Jahren vieles genommen haben.  Dörte Hansen „Mittagsstunde“ weiterlesen

Linde Hagerup „Ein Bruder zu viel“

„Aber manchmal muss man Dinge tun, von denen man nicht gewusst hat, dass sie möglich sind.“

Manchmal kann die Welt furchtbar gemein und doof sein. Nämlich dann, wenn sich alles und jeder sich gegen einen verschworen hat. Sara hat dieses Gefühl. Dabei war doch bis vor Kurzem alles prima, ja bestens. Mit ihren Eltern, ihrer älteren Schwester Emilie und in der Schule. Doch dann tritt der kleine Steinar in ihr Leben und das ihrer Familie und krempelt dieses von Grund auf komplett um. Die Norwegerin Linde Hagerup hat mit ihrem Kinderbuch „Ein Bruder zu viel“ ein warmherziges, mal heiteres, mal melancholisches Werk geschrieben – für sowohl jüngere als auch ältere Leser.

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Backlist #10 – Gila Lustiger „Die Schuld der anderen“

„Waren sie wirklich dabei, sich eine Gesellschaft ohne Gewissen heranzuziehen (…)?“

Es müssen 27 Jahre vergehen, bis der Mord an Emilie aufgeklärt wird. 27 Jahre, in denen unklar war, von wem die junge Frau auf brutalste Art und Weise vergewaltigt und getötet wurde. Doch der Pariser Journalist Marc Rappaport hegt Zweifel, als in einer kurzen Nachricht über die Klärung des Verbrechens, die nur mit Hilfe eines DNA-Tests möglich wurde, berichtet wird. Denn der Mörder der jungen Edel-Prostituierten ist ein unbescholtener Bürger. Rappoport macht sich auf die Spur und stößt bei seinen intensiven Recherchen auf ein enges Geflecht aus Korruption und kriminellen Machenschaften von Industrie und Politik, wobei Emilie nicht das einzige Opfer ist.  Gila Lustigers Roman „Die Schuld der anderen“ ist deshalb mehr als nur ein spannendes Buch über ein längst vergangenes Verbrechen und seine Aufklärung.  Backlist #10 – Gila Lustiger „Die Schuld der anderen“ weiterlesen

Juan Gómez Bárcena „Kanada“

„Alle schuldig. Alle würden sie alles tun, um zu überleben (…).“

Man möge mir verzeihen, dass dieser Band, der innen wie außen so voller Trauer und Schmerz ist, nach meiner Lektüre mit bunten Fähnchen übersät ist. Es gibt viele Passagen, die sich einprägen, die neben der Handlung und der Botschaft des Buches unvergesslich bleiben. Sicher: Es gibt viele Bücher über das Leiden und die Verbrechen, schlichtweg das Unfassbare, im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Doch der neue Roman des Spaniers Juan Gómez Bárcena mit dem eigenartigen Titel „Kanada“ ist wohl eines der anspruchsvollsten.

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Katrine Engberg „Blutmond“

„An manchen Tagen war die Menschheit ein Verein, in dem man nur ungern Mitglied war.“

Ein Toter macht noch keinen Mord. Das scheint die Kopenhagener Polizei zu denken, als im Ørstedpark die Leiche eines Mannes gefunden wird. Er wird zuerst als Obdachloser gehalten, der vermutlich die kalte Januarnacht nicht überlebt hat. Doch die Obduktion bringt Überraschendes ans Tageslicht: Bei dem Toten handelt es sich um keinen Geringeren als den berühmten und glamourösen Modezaren Alpha Bartholdy, der qualvoll an den Folgen einer Säure gestorben ist. Die beiden Ermittler Jeppe Kørner und Anette Werner nehmen ihre Ermittlungen auf. Und auch in ihrem zweiten Fall aus der Feder der dänischen Autorin Katrine Engberg müssen die beiden bei der Suche nach dem Mörder um mehrere Ecken denken.

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Jáchym Topol – „Ein empfindsamer Mensch“

„Überall wo es Menschen gibt, gibt es auch den Teufel“.

Wenn der stämmige französische Star-Schauspieler Gérard Depardieu in einer Nebenrolle, als Geisel und wohlgemerkt als kein Geringerer als sich selbst, auftaucht, kann es sich wohl nur um eine Satire handeln. In diesem Fall ist es keine Filmkomödie, sondern ein Roman. Der tschechische Schriftsteller Jáchym Topol erzählt in seinem neuesten wahnwitzigen Streich von einer Schausteller-Familie, die quer durch Europa reist, um am Ende in den heimischen Gefilden Tschechiens in die Taten einer umtriebigen Bande verwickelt zu werden. Jáchym Topol – „Ein empfindsamer Mensch“ weiterlesen

Susan Hill „Stummes Echo“

„Und so saßen sie da, versammelt um das kleine, schreckliche Ding (…).“

Oft wird ja die Ansicht belächelt und als naiv abgetan, dass Bücher eine gewisse Macht haben, Leben verändern können. Doch warum sollte es nicht so sein? In ihrem Roman „Stummes Echo“, der bereits 2008 im Original mit dem Titel „The Beacon“ erschienen ist und nun in deutscher Übersetzung vorliegt, erzählt die Engländerin Susan Hill über eine Familie, deren Leben durch ein Buch und fragwürdige Erinnerungen auf den Kopf gestellt wird und das für erhebliche Verwirrung sorgt; inklusive eines Gefühlschaos. Susan Hill „Stummes Echo“ weiterlesen

Carsten Jensen „Der erste Stein“

„(…) Afghanistan ist eine Erdbebenzone, eine Herausforderung für die menschliche Vernunft.“

Wer über ein Land schreiben will, muss es bereisen. Carsten Jensen besuchte in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten mehrfach Afghanistan. Ein Aufenthalt führte den dänischen Autor 2009 in das Militärcamp Price in Helmand, im Süden des Landes an der Grenze zu Pakistan gelegen, wenig später verfolgte er ein Training dänischer Soldaten, die später in das von Krieg und Krisen geschüttelte Land entsendet werden sollten. Seine umfangreichen Recherchen, seine Informationen und Beobachtungen, mündeten schließlich in den Roman „Der erste Stein“, der über einen Zug dänischer Soldaten und ihre schrecklichen Erlebnisse erzählt.

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„Det er den draumen me ber på“ – Norwegens Weg zum Ehrengast

Nach der Leipziger Buchmesse mit Tschechien als Ehrengast geht es nun in den Norden. Norwegen ist das Gastland in Frankfurt. Ein Blick in den Veranstaltungskalender der Frühjahrsmesse erweckte den Eindruck, dass die Skandinavier bereits volle Fahrt aufgenommen haben für ihren großen Auftritt im Oktober. Allein 18 norwegische Autoren waren zu 40 Veranstaltungen in der sächsischen Messestadt zu erleben. Das schon traditionelle Nordische Forum in Halle 4 war größer, da Norwegen auf der Buchmesse mit einem eigenen Stand präsent war. „Det er den draumen me ber på“ – Norwegens Weg zum Ehrengast weiterlesen