Charles Derennes – „Ungeheuer am Nordpol“

„Wir waren nicht allein.“

1926 überquerte der norwegische Polarforscher Roald Amundsen (1872-1928) mit dem Luftschiff „Norge“ den Nordpol. Drei Jahre später wird er auf einer Rettungsmission für den Italiener Umberto Nobile, dessen Luftschiff in der Arktis abgestürzt war, ums Leben kommen. Die eisige menschenleere Welt und besondere Reisen haben die Menschen seit jeher fasziniert. Ob real oder nur in unserer Fantasie. Jules Vernes Roman „In 80 Tagen um die Welt“ gilt heute als Klassiker – genauso seine Bücher „20.000 Meilen unter dem Meer“ und „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“.

Wie sieht intelligentes Leben aus?

Im Jahr als Verne stirbt, nämlich 1905, spielt der zwei Jahre später erschienene Roman „Le Peuple du Pole“ seines Landsmanns Charles Derennes (1882-1930). Nicht nur wiederentdeckt, sondern erstmals ins Deutsche übersetzt hat ihn nun der in Heidelberg ansässige Flur Verlag. Ein faszinierender Roman, der zwei spannende Fragen aufwirft: Welche Formen, welches Aussehen kann intelligentes Leben annehmen? Und wie würde der Mensch mit einem intelligenten und ebenbürtigen Vertreter einer anderen Spezies wohl umgehen?

Nur soviel: Derennes stellt in Bezug auf Frage zwei der Menschheit kein gutes Zeugnis aus. Das Ende ist erschreckend, so dass man für die Opfer wenngleich in grausiger Gestalt nahezu Mitleid haben kann. Keine geringeren Geschöpfe als Saurier, die vor etwa 60 Millionen Jahren neben einem Großteil der Flora und Fauna durch einen verheerenden Meteoriten-Einschlag ausgelöscht worden sind, lässt Derennes auferstehen. Mittlerweile bevölkern sie ein Gebiet am Nordpol, in dem die Temperaturen angenehmer sind, sogar einige Vegetation sprießt. Die Saurier leben nicht nur in einer sozialen Gemeinschaft, sie sind zudem intelligent und erbauen Maschinen.

Angst und Zweifel

Im Jahr 1905 also fahren der Abenteurer Jean-Louis de Vénasque und sein einstiger Schulfreund und Ingenieur Jacques Ceintras mit einem Heißluftballon in Richtung Norden. Sie wollen zum Pol. Erste Vorbereitungen ihrer anspruchsvollen Reise führten sie in den Weiten Sibiriens durch. Doch statt eisiger Gefilde finden sie vor Ort eben jene Oase mit ihren ungewöhnlichen Bewohnern vor, die in unterirdischen Gängen leben. Die Reise und auch der Aufenthalt wird zu einer Belastungsprobe, denn beide Männer geraten mehrfach in Streit. Angst und Zweifel beherrschen vor allem Ceintras, schreibt jedenfalls sein Kompagnon in seinem Bericht, den später ein Wissenschaftler einem Verleger in die Hände drückt. Die Lage eskaliert, als beide Männer das Reich der Ungeheuer verlassen wollen. Ceintras fühlt sich von den intelligenten „Ungeheuern“ überrumpelt und richtet ein Blutbad an.

„Doch in dem Augenblick wandte sich eines der Ungeheuer zu uns her, und in seinem Blick lag etwas derart Menschliches, dass ich plötzlich ganz ernst wurde.“

Derennes kam am 4. August 1882 in Villeneuve-sur-Lot, im Südwesten Frankreichs nahe Bordeaux, zur Welt. Seine Vorfahren waren Lehrer. Er selbst begann schon als Kind zu schreiben – mit sieben Jahren einen ersten Roman, später auch Gedichte. Berühmt wurde er vor allem für seine Tiergeschichten. Die Liste seiner Werke umfasst etwa 50 Bücher. Zudem arbeitete er für mehrere Zeitschriften. 1924 bekam er den renommierten Prix Femina verliehen. Im Alter von nur 47 Jahren starb er am 27. April 1939 in Paris. Sein Grab befindet sich in seinem Geburtsort.

„Nichts hat, seit unvordenklichen Zeiten, die Stille, die sich über diese Ödnis breitet, je gestört, und zum ersten Mal wird diese Natur vom hochmütigen Eindringen des Menschen belästigt (…).“

„Ungeheuer am Nordpol“ wird zum sogenannten Steampunk gezählt, der als Begriff  auf den US-amerikanischen Science-Fiction-Autor Kevin Wayne Jeter zurückgeht. Bücher dieses Genres setzen sich mit einer technisch hochentwickelten Zukunft auseinander. Jules Verne gilt als Begründer, H.G. Wells als weiterer bekannter Vertreter. Häufige Elemente sind dampf- und zahnradgetriebene Mechanik, ein viktorianischer Kleidungsstil nebst Wertemodell dieser Zeit und eine gewisse Abenteuerromantik.

Maßlose Selbstüberschätzung des Menschen

Der Reiz des Romans „Ungeheuer am Nordpol“ lässt sich auf vielen Ebenen finden. Es ist die ästhetische Sprache, die nicht nur die Orte bildhaft und die Gefühle der Helden detailreich einfängt, als auch der raffinierte Aufbau, was ungemein fasziniert. Zugleich verbindet Derennes‘ Buch Fiktion mit realen Fakten wie historische Expeditionen sowie wirkliche Saurierarten wie Pterodactylus und Iguanodon. Und der Roman lässt sinnieren über die Frage nach der Existenz anderen intelligenten Lebens und den Folgen für uns Menschen. Allerdings nicht nur mit Blick auf außerirdisches Leben, sondern angesichts von Existenzen auf unserer Erde. Denn wer weiß, was oder wer sich noch finden lässt. So gilt bisher nur ein winziger Bruchteil des Meeresbodens vor allem der der Tiefsee als erforscht.

„Ungeheuer am Nordpol“ ist nicht nur eine große Entdeckung für alle Fans der phantastischen Literatur und kommt in einer ansprechenden Ausstattung nebst Karte, Illustrationen und Nachwort daher. Letztlich bringt uns das Buch dazu, sich generell mit philosophischen Fragen auseinanderzusetzen. Vor allem auch mit jener, was macht uns Menschen aus. Die Hybris, die maßlose Selbstüberschätzung, ist ebenfalls eines der großen Themen dieses wunderbaren Buches, für deren Entdeckung man sehr dankbar sein sollte.


Charles Derennes: „Ungeheuer am Nordpol“, erschienen im Flur Verlag, in der Übersetzung aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Dieter Meier; 256 Seiten, 22 Euro

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Erling Kagge – „Mein Nordpol“

„Bei minus fünfzig Grad gibt es nur einen Gedanken: Es ist kalt.“

Manch große Geschichte beginnt mit einem Geschenk. Erling Kagge ist sieben, als er von seinen Eltern einen Globus zum Geburtstag erhält. Mehr als die Ozeane, Meere und Kontinente faszinierte ihn ein winziger Punkt auf der Weltkugel: der Nordpol. 20 Jahre später erreichte der Norweger mit seinem Landsmann, dem Polarforscher Børge Ousland, den nördlichsten Punkt der Erde. Über seine Reise, aber auch die Geschichte früherer Polarexpeditionen und die Faszination des „ewigen“ Eises hat er ein großartiges Buch geschrieben.

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Jon McGregor – „Stürzen Liegen Stehen“

„Viele Jahre. Junger Mann, alter Mann. Viele Schichten. Diese. Diese Geschichte. Ein Tag. Arbeit. Sturm kommt.“

Antarktis – weiße Welten, eine unwirtliche Gegend, in die der Mensch erst spät seinen Fuß gesetzt hat. Eis und Kälte haben den Kontinent in der südlichen Erdhalbkugel fest im Griff. Bereits seit vielen Jahren arbeitet Robert „Doc“ Wright als erfahrener Camp-Leiter in der Antarktis, wo Vermessungswissenschaftler wie Luke und Thomas tätig sind. Ein Sturm trennt die drei Männer voneinander und bringt sie unweit ihrer Station in Lebensgefahr. Die sicher geglaubte und lebenswichtige Funkverbindung fällt zudem zeitweise aus. Plötzlich ist nichts mehr, wie es einst war. Nur zwei werden überleben. Der Engländer Jon McGregor erzählt in seinem neuen Roman eine berührende Geschichte über Hilflosigkeit und die Folgen, wenn Kommunikation scheitert.    „Jon McGregor – „Stürzen Liegen Stehen““ weiterlesen

Florian Wacker – „Weiße Finsternis“

„Jeder schreibt seine eigene Geschichte.“  

Meist erzählt die Geschichte von den Helden, den großen Entdeckern, deren Namen jeder kennt und die ihren festen Platz in der Ruhmeshalle haben. In seinem aktuellen Roman „Weiße Finsternis“ stellt der Frankfurter Schriftsteller Florian Wacker indes die Männer aus der zweiten Reihe ins Rampenlicht und berichtet von einer wahren Begebenheit. Im Mittelpunkt stehen Peter Tessem und Paul Knutsen, zwei Männer aus dem nordnorwegischen Tromsø, die 1918 den berühmten Polarforscher Roald Amundsen (1872 – 1928) als Matrosen auf dessen gefahrvolle Fahrt mit der „Maud“ durch die Nordostpassage nördlich von Sibirien begleiten. Für Tessem und Knutsen, die seit der Kindheit befreundet sind, sollte es eine Reise ohne Wiederkehr werden. 

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Im Duett #3: Mirko Bonné – „Der eiskalte Himmel“ & „Seeland Schneeland“

„Fahr ins weiße Land.“

Unendlich weiße menschenleere Weiten fern der Zivilisation: So präsentieren sich die Regionen rund um die beiden Pole unserer Erde. Sehnsuchtsziel der Forscher und Entdecker, das für einige angesichts der unwirtlichen Bedingungen jedoch zur letzten Ruhestätte wurde. Wenige Jahre nachdem der Norweger Roald Amundsen im Dezember 1911 den Wettlauf zum Südpol gewinnt, sein Kontrahent, der Engländer Robert Scott, mit mehreren Männern stirbt, bricht sein Landsmann Ernest Shackleton wenige Wochen vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Richung Antarktis auf, um den weißen Kontinent zu durchqueren. An Bord der „Endurance“ ist mit Perce Blackborow ein blinder Passagier, der als Merce Blackboro zum Helden in den beiden Romanen von Mirko Bonné „Der eiskalte Himmel“ und „Seeland Schneeland“ wird. „Im Duett #3: Mirko Bonné – „Der eiskalte Himmel“ & „Seeland Schneeland““ weiterlesen

Backlist #18 – Michael Köhlmeier „Spielplatz der Helden“

„(…) für mich ist das Allerhöchste die Natur, da braucht es kein noch Größeres, (…).“

Es ist eine ganz eigenartige Hingebung. Im Winter greife ich gern zu Büchern  über eisige Welten. Über die Arktis oder Antarktis. Über Expeditionen und die einzigartigen, indes bedrohten Landschaften auf unserem Planeten, die ich selbst gern einmal sehen würde. Als ich meinen Blick mal wieder über meine Regale schweifen ließ, fiel mir der Roman „Spielplatz der Helden“ von Michael Köhlmeier ins Auge. Ein Buch über drei Männer und deren abenteuerliche, waghalsige und auf einem realen Vorbild basierende Tour nach Grönland sowie über einen Mann, der sich auf die Spuren dieser Geschichte begibt. „Backlist #18 – Michael Köhlmeier „Spielplatz der Helden““ weiterlesen