Keine Gnade – Rebecca Hunt „Everland“

„Die Antarktis kennt gegenüber dem menschlichen Körper keine Gnade (…).“

Es sind die Jahre 1911 und 1912, als ein besonderer Wettlauf die Schlagzeilen beherrscht: Robert Falcon Scott und der Roald Amundsen wollen als erste den Südpol in der Antarktis erreichen. Der Norweger geht als Sieger hervor. Am 14. Dezember 1911 pflanzt er die Flagge seines Heimatlandes in den südlichsten Punkt der Erde. Sein Rivale und zwei seiner Männer sollen den Einsatz im ewigen Eis mit dem Leben bezahlen. Im April 1913 setzt der neue Roman von Rebecca Hunt, der den Leser in die Antarktis führt, ein. Eine Expedition soll die Insel Everland erkunden, die dem Buch auch seinen Namen gibt. Knapp 100 Jahre später machen sich Wissenschaftler erneut auf den Weg dorthin. 

Drei Mitglieder in jeder Crew

Beide Unternehmungen sind gut auf das Abenteuer vorbereitet, aber doch verschieden in der Art ihrer Ausrüstung. Während die frühere Expedition drei Männer mit einem Beiboot auf das Eiland schickt, kommt die ebenfalls dreiköpfige spätere Mannschaft aus einem Mann und zwei Frauen mit Hilfe eines Flugzeugs an. Nichts hindert die Crew um den Leiter namens Decker daran, das Wagnis einzugehen, obwohl sie wissen, dass die frühere Expedition tragisch gescheitert war. Ihre Vorgänger Dinner, Millett-Bass und Napps kamen ums Leben; Dinner allerdings erst später auf dem Mutterschiff „Kismet“ in der Obhut des Arztes. Er war der einzige, den der Suchtrupp ausfindig machen konnte.

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Beide Zeiten des Geschehens wechseln sich ab. Der Leser springt während der Lektüre zwischen den Jahrhunderten und den Schauplätzen. Er findet sich mal auf der Insel Everland, mal auf dem Dreimaster „Kismet“ wieder. Die englische Autorin treibt in jeder der Handlungsfäden die Spannung voran und erhöht mit einer Reihe Cliffhanger vor einem Zeitsprung die Dramatik ungemein. Außerdem verknüpft sie an einigen Stellen beide Geschichten sehr geschickt. Doch ein kluger Aufbau macht bekanntlich noch keinen lesenswerten Roman. Und „Everland“ kann man zweifellos in diese Kategorie einordnen.  Worin die Engländerin in ihrem neuesten Werk sich besonders auszeichnet: die Charakteristik und Psychologie der Figuren.

Übermenschliche Leistungen

Nahezu jeder Hauptperson schreibt sie Eigenschaften und Fähigkeiten sowie eine interessante Vorgeschichte zu, die sich auf die Familie, persönliche Erfolge und die jeweiligen Beziehungen zu anderen Crewmitgliedern bezieht. In jeder Gruppe gibt es eine Person, die nicht so recht den Anforderungen gewachsen ist, die sich letztlich jedoch behaupten wird. Hinzu kommen Streitigkeiten, Machtkämpfe. Und die Antarktis, die menschenleere und eisige Ödnis mit unvorhersehbaren Wetterunbilden wie Stürmen oder Vulkanaktivität, fordert den Menschen heraus. Jede falsche Entscheidung, jeder Fehler, jede noch so kleine Schwäche kann tödlich sein. Das bekommen alle Protagonisten zu spüren. Und sie alle werden zu übermenschlichen Leistungen herausgefordert, um den Hauch einer Überlebenschance zu haben.

Das war 1913 so, das ist 2012 nicht anders. Auch hier kommt es zu einem Desaster. Hunt geht es in ihrem Buch vor allem um eine ganz spezielle Frage: Wie entscheiden sich Menschen, wenn andere in Not sind und zudem das eigene Leben in Gefahr ist? Geht man das Wagnis auch in einer hoffnungslosen Lage ein, um den anderen zu retten? Hat Hilfsbereitschaft ihre Grenzen? Dabei streut sie etwas kühnen Optimismus in ihre sonst tragische Geschichte ein: Denn ab und an überwinden die Protagonisten ihre eigenen, bereits eingefahrenen Einstellungen zu anderen Mitstreitern, entsteht überraschenderweise aus Feindschaft beziehungsweise erbitterter Konkurrenz ein Gefühl der Verbundenheit und Verantwortung.

„Das Bewusstsein der verstreichenden Sekunden war zu einer deutlichen, fast körperlichen Empfindung geworden. Jedes Sechzigstel einer Minute wurde zu einer neuen Quelle des Elends, während es nutzlos verstrich.“

Der Schauplatz Everland und die Geschehnisse entspringen der Fantasie der Autorin, die mit ihrem Debüt „Mr. Chartwell“ (ebenfalls Luchterhand) über die Depression des britischen Premierministers Winston Churchill sehr viel Beachtung fand. Das Geschehen ihres neuesten Romans ist also reine Fiktion. Nichts lässt sich im weltweiten Netz bei einer Suchanfrage mit dem Stichwort „Everland“ finden, ausgenommen sind Seiten und Beiträge zum Buch und der Autorin selbst. Doch diente vermutlich eine Vorlage oder eine Recherche als Grundlage für Hunts Buch. Denn sie beschreibt die Auswirkungen der für nicht angepasste Wesen lebensfeindlichen Bedingungen sehr genau, die von jedem menschlichen Körper, selbst den trainierten, ihren Tribut einfordern. Eine ungenügende Körperhygiene ist da nur der Anfang. Kleinste Verletzungen oder harmlose Erkrankungen können Risiken bergen. Zudem kann die sinnliche Wahrnehmung im ewigen Eis gefährliche Täuschungen erfahren. Auch das Zusammenwirken von Kälte, Eis und Licht manifestiert sich in atmosphärischen Szenen. Hinzu kommt das Wissen, das sie zu heimischen Tierarten vermittelt. Es wäre deshalb interessant zu wissen, welche Quellen Hunt womöglich genutzt hat. Eine Liste oder Anmerkungen in einer Danksagung am Ende des Bandes gibt es nicht.

„Everland“ ist ein spannender und bilderreicher Roman über die Herausforderungen des Menschen in einer menschenfeindlichen Umgebung und dessen Überlebenskampf, auf körperlicher wie psychischer Ebene. Für all jene, die sich für diesen Landstrich und die zahlreichen Expeditionen ins Eis interessieren, ist der Roman schlichtweg Pflichtlektüre. Doch auch wer mit diesem  faszinierenden Teil unserer Erde bisher wenig anfangen kann, wird in das Buch eintauchen.  Und das zum Glück ohne Erfrierungen, dagegen höchstens mit müden Augen nach einer durchwachten Lesenacht.

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs „Astrolibrium“ und „Die Leserin“.


Rebecca Hunt: „Everland“, erschienen im Luchterhand Literaturverlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von pocacio; 416 Seiten, 22 Euro

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