Auf Jagd – Willi Achten „Nichts bleibt“

„Die Zeit, die nach allem greift, letztlich ist sie es, die dafür sorgt, dass nichts bleibt, dass alles sich wandelt.“

Ein Fotograf bleibt hinter der Kamera, ist konzentrierter Beobachter der Geschehnisse vor sich. Seine Passivität macht ihn zugleich auch in gewisser Weise hilflos. Dieses Gefühl erlebt Franz Mathys auf vielen seinen Reisen. Er fliegt als preisgekrönter Kriegsfotograf rund um die Welt, bereist Krisenregionen, in denen ein Menschenleben nicht viel wert ist, von einer Sekunde auf die nächste ausgelöscht wird. Durch Gewalt, durch Katastrophen. Als sein Vater von zwei jungen Männern grundlos zusammengeschlagen wird, sinnt er auf Rache. Willi Achtens Roman „Nichts bleibt“ ist ein spannendes wie tiefsinniges Buch über Verluste und eine fatale Jagd. 

Familie bricht auseinander

Mathys verfolgt die Täter und verliert zugleich die letzten Teile seiner Familie, die schon in der Vergangenheit Risse erlitten hat. Seine Frau Ruth hatte ihn wegen eines anderen Mannes verlassen, den gemeinsamen Sohn verliert er infolge einer schweren Krankheit des Kindes und eines nahezu tragisch endenden Ereignisses im Winter. Karen nimmt das Kind zu sich. Waren Mathys, sein Vater und sein Sohn in dem Hof im Wald eine besondere Gemeinschaft dreier Generationen, bleibt der Fotograf schließlich ganz allein. Sein Vater siecht nach dem schrecklichen Ereignis im Krankenhaus dahin, sein Leben steht auf der Kippe, da sein Körper lebensgefährliche Blessuren davon getragen hat. Gemeinsam mit seinem Vertrauten Noeten verfolgt er die jungen Täter, die grundlos Tiere und Menschen quälen und ihre Exzesse noch auf Video bannen. Sein Innenleben: ein Vulkan vor dem Ausbruch, verbunden mit einer unbändigen Schuld am Zustand seines Vaters. Denn zuvor hatte er die beiden Männer gestellt, nachdem sie mehrere Tiere gequält und getötet hatten. Auch Mathys aktuelle Freundin Karen stößt dessen zunehmend aggressives Verhalten ab. Sie geht auf Distanz.

„Ich habe Veränderungen noch nie gemocht. Zumindest jene nicht, die weit von uns entfernt und unentdeckt ihren Anfang finden. Am gefährlichsten ist die Welle, die man nicht sieht. Sie ist mitunter lange unterwegs.“

Achten hat seinen Roman in zwei Teile gegliedert. Der erste Part erzählt das Geschehen von den schrecklichen Ereignissen im Wald bis hin zur Rache an den beiden Tätern. Im zweiten Teil erlebt der Leser Mathys, wie er zurückgezogen in den Bergen lebt und wiederum auf die Rache der Männer wartet. Der Fotograf ist Held und zugleich Erzähler der dramatischen Geschehnisse, in die sich auch Rückblicke und Reflexionen mischen. Die Erinnerungen an die Einsätze in Kriegs- und Krisenregionen auf mehreren Erdteilen von Somalia über den Balkan bis nach Afghanistan sowie die Ereignisse der eigenen Familientragödie fließen wie bei einem Lichtbilder-Vortrag mit Überblend-Technik ineinander.

Keine Unschärfe, kein Weichzeichner

Denn brutale Gewalt in all ihren Formen ist nicht nur ein Ereignis von Kriegen in weiter Ferne. Sie findet auch ganz in der Nähe statt. Von Menschen verursacht, die ohne jegliche Empathie handeln, keine Grenzen kennen und spüren. Deshalb sind viele der beschriebenen Szenen nur sehr schwer zu ertragen. Achten lässt seinen Ich-Erzähler sehr genau und detailreich vom Leid und der Qual der Opfer berichten. Es gibt keine Unschärfe, keinen Weichzeichner.  Besonders drastisch: eine Steinigungsszene, ein Massaker, die Rache von Mathys. Er ist seiner ganzen Art, gezeichnet von persönlichen Verlusten und den Erlebnissen als Kriegsfotograf, nicht unbedingt ein Protagonist, den man vollends Sympathien zuspricht. Vielmehr wird und kann sich der Leser am Wesen des Helden reiben, der Gewalt mit Gewalt beantwortet, weil er glaubt, es gäbe keine andere Lösung, um Gerechtigkeit zu erlangen. Es entsteht eine unheilvolle Spirale der Gewalt, die kein Ende findet, vielmehr immer wieder in Gang gesetzt wird.

Neben dieser herausragenden psychischen Komponente sticht der Romane, den man aufgrund seines Spannungsbogens zweifellos in die Kategorie Thriller einordnen kann, durch seine Sprache heraus, die durch kurze und schnörkellose Sätze einen ganz eigenen Rhythmus erhält. Nichts soll von den Bildern und der beklemmenden Atmosphäre ablenken, die von der ersten Seite an entsteht.  Hinzukommen nachdenklich stimmende Passagen über die Zeit, Bindungen zwischen den Menschen und die Auswirkungen schmerzlicher Verluste sowie eindrucksvolle Beschreibungen der Berglandschaft im zweiten Teil des Romans. Achten, der seit den 1990er-Jahren als Schriftsteller tätig ist und mittlerweile in den Niederlanden lebt, hat mit „Nichts bleibt“ einen Roman geschrieben, der eine inhaltliche wie sprachliche Wucht erzeugt, die den Leser erfasst und bei ihm Spuren hinterlässt.

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs „Leseschatz“  und „Jargsblog“.


Willi Achten: „Nichts bleibt“, erschienen im Pendragon Verlag; 376 Seiten, 17 Euro

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