Hass – Omar El Akkad „American War“

„Im Krieg kämpft man mit Waffen, im Frieden mit Geschichten.“

Amerika ist geteilt in Nord und Süd, ein erbitterter Krieg herrscht. Einst so schillernde Küstenstädte sind vom Meer überspült, das vom Sturm zerzauste Washington hat seinen Hauptstadt-Titel und den Regierungssitz an die früher einst unbedeutende Stadt Columbus (Ohio) verloren. Zwischen dem heutigen Jetzt und diesem erschütternden Zukunftspanorama des Amerikaners Omar El Akkad liegen nur wenig mehr als 60 Jahre. Sein Roman-Debüt „American War“ erweckt den Eindruck einer Warnung, denn viele darin beschriebene Katastrophen haben ihre Ursachen in der aktuellen Gegenwart.

Zerrüttetes Land

Ist der steigende Meeresspiegel Ursache für die verheerenden Überschwemmungen, die trotz Dämme und Deiche die Westküste und Florida verschwinden und den gewaltigen Mississippi zu einem noch gewaltigeren Binnenmeer anschwellen lassen, löst ein Umweltgesetz und das Verbot, Benzin und Diesel als Kraftstoff für Fahrzeuge zu nutzen, den Bürgerkrieg aus. Denn eine Hand voll Bundesstaaten wehrt sich dagegen, spaltet sich vom Rest des Landes ab und erklärt sich zu den Freien Südstaaten. Es kommt zum Krieg. Selbstmord-Attentäter, Rebellengruppen und unkontrollierbare Drohnen sorgen für Tod und Verwüstung. Der Staat South-Carolina wird infolge einer von Menschenhand gemachten Seuche zu einem riesigen Quarantäne-Gebiet.

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Im Mittelpunkt dieses drastischen Szenarios steht die Familie Chestnut. Benjamin Chestnut, ein gebürtiger Mexikaner, und seine Frau Martina leben mit ihren drei Kindern, dem ältesten Sohn Simon und den beiden Zwillingsschwestern Dana und Sarat, in St. James/Louisiana. Als der Vater während eines Selbstmord-Attentates ums Leben kommt und die nähere Umgebung bombardiert wird, fliehen Martina und ihre drei Kinder in das Flüchtlingslager Camp Patience. Die Grenze zum Norden ist in Reichweite. Viele Tausende Menschen aus den unterschiedlichsten Bundesstaaten sind in dieser riesigen Zeltstadt untergebracht und leben in widrigen Verhältnissen. Doch die Familie weiß sich zu behaupten, vor allem dank der Tatkraft der Mutter. Jahre vergehen. Simon schließt sich als Jugendlicher den Rebellen an. Sarat wird ob ihrer Größe und ihrer Unerschrockenheit ebenfalls gefürchtet. Gaines, ein Bewohner des Camps und eine recht fragwürdige Gestalt, wird zu ihrem Mentor: Er macht sie nicht nur mit Kunst und Kultur vertraut, er sät in ihr auch den Samen des Hasses, der sie nach weiteren tragischen Schicksalsschlägen zu einer unerbittlichen und später auch berühmten Kämpferin für den Süden werden lässt.

Mit Sarat hat Omar El Akkad eine sehr markante Anti-Heldin erschaffen, die sich grundsätzlich von ihrer eher mädchenhaften Schwester unterscheidet, schon in der Kindheit neugieriger und unerschrockener wirkte als andere Kinder. Werden ihr Schicksal und die entsetzlichen Lebensumstände Mitgefühl im Leser auslösen und diesen emotional an das Mädchen binden, beginnt mit den ersten Taten Sarats als Rächerin indes wohl ein geistiger Abnablungsprozess. Man verfolgt eine unbarmherzige Heckenschützin, die ohne Gewissensbisse agiert. Nur eine spätere Begegnung mit dem Sohn ihres Bruders, den sie nach ihrer späteren jahrelangen Inhaftierung in der berüchtigten Gefängnis-Insel Sugarloaf, ein Guantanamo der Zukunft, kennenlernt, bringt in ihr wieder positive menschliche Gefühle zum Vorschein – bevor sie zu ihrer letzten Rachetat mit verheerenden Folgen in Richtung Norden aufbricht.

„Und sie verstand etwas, das keine von denen, die kamen, um Simons Stirn zu berühren, verstand – nämlich dass das Leid des Krieges die einzige wirklich universale Sprache der Menschheit war. Man sprach und verstand sie an allen Enden der Erde, nicht wie die Gebete, die überall verschieden waren, nicht wie der leere Aberglaube, an den sie sich so verzweifelt klammerten. Diese Sprache hingegen, die hatten sie alle gemein. Der Krieg zerbrach sie überall auf dieselbe Art, machte sie überall ängstlich und wütend und rachsüchtig.“

Dieser Sohn, der nach dem Vater von Simon, Dana und Sarat Benjamin genannt wird, ist es auch, der die Geschichte der Familie, von Krieg und Seuche, Leid und Zerstörung erzählt. Mit einem Prolog lernt der Leser ihn kennen, am Ende wird seine Identität und auch die Quelle seines Berichtes, der vom Jahr 2075, als sein Vater noch ein Kind war, bis weit in sein eigenes Leben als Erwachsener reicht, schließlich deutlicher. Zugleich bindet der Autor fiktive Zeitzeugnisse wie Zeitungsartikel und Zeugenberichte in die Erzählung der Rahmenhandlung ein, um auch politische und gesellschaftliche Hintergründe zu beleuchten.  Sein Blick ist dabei nicht nur auf die Geschehnisse auf dem Gebiet der USA, die sich von einer Führungsnation auf der Erde zu einem durch Krieg und Naturkatastrophen zerrütteten, unbedeutenden Land zurück entwickelt hat, beschränkt. Mit einigen wenigen Andeutungen skizziert Omar El Akkad, Sohn ägyptischer Einwanderer und renommierter Journalist, eine Welt, die ein anderes Gesicht trägt, als wir es kennen: China und das sogenannte Bouazizi-Reich, ein Zusammenschluss nordafrikanischer Länder und Staaten des Nahen Ostens, haben die politische und wirtschaftliche Vorherrschaft auf der Welt. Sie unterstützen das von Krieg und Katastrophen gepeinigte Land mit Hilfslieferungen, verfolgen allerdings auch eigene Interessen. Ist gegenwärtig Europa ein Ziel vieler Flüchtlinge aus Asien und Afrika, werden in Omar El Akkads Vision die Europäer nach Afrika fliehen, weil auch ihre Heimat zerstört ist.

Voller Düsterkeit

„American War“ ist eine eindrucksvolle tiefgründige wie spannende Dystopie voller Düsterkeit und eindrucksvoller Bilder. Eine Vision, die für Optimismus und Hoffnung wenig Platz findet, es sei denn in den engen Bindungen von Familie und Freundschaft. Dass in dieser Zukunftsgeschichte der Samen aufgeht, den wir in diesen gegenwärtigen Jahren legen oder schon gelegt haben, sorgt für Betroffenheit und sicher auch für ein beklemmendes Gefühl. Ob es dieser unbändige Hass in einem geteilten Land, das zur Kriegszone wird, oder die Auswirkungen des Klimawandels sind, der von vielen noch immer müde belächelt wird. Man kann wirklich nur hoffen, dass diese Vision in all ihrer Dramatik und Tragik nur Fantasie bleibt.

Weitere Besprechungen des Romans auf den Blogs „Kaffeehaussitzer“ und „masuko13“ 


Omar El Akkad: „American War“, erschienen im S. Fischer Verlag, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié, 448 Seiten, 24 Euro

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