Erling Kagge „Stille“

„Die Stille ist eher eine Idee. Ein Gefühl. Eine Vorstellung.“

Wenn ich gerade in diesen Momenten diesen Beitrag schreibe, ist das leise Klacken der Tasten meines Notebooks zu hören, der Lüfter des mobilen Computers, der auf meinem Schoss liegt, rauscht. Ich sitze auf dem Sofa, das leise knarrt, wenn ich mich bewege, um mich über das Buch zu beugen, das neben mir liegt und Inhalt dieser Besprechung ist. Der Umschlag des Bandes ist bis auf die dünnen schwarzen Lettern, die auf Titel, Autor und Verlag verweisen, ganz in Weiß gehalten. Befreit man das Buch von seiner äußersten Papierhülle, wird ein buntes Bild sichtbar: der Blick auf eine stark befahrene Kreuzung. Eine besonders gelungene Umsetzung des Inhalts. Denn in seinem Band „Stille“ berichtet Verleger und Weltenbummler Erling Kagge, dass Stille nicht nur die Abwesenheit von Geräuschen ist. Sie ist auch dort zu finden, wo es niemals leise ist. 

Ein kostenloses Luxusgut

Denn an welchen Orten ist es denn wirklich still? Obwohl ich das Gefühl habe, mich umgibt beim Schreiben eine abendliche Ruhe, ist trotzdem der eine oder andere Laut zu vernehmen. Selbst als der Norweger die menschenleere Antarktis bereiste, gab es in der Welt des ewigen Eises die vollkommene Stille nicht, obwohl er sie für sich selbst gerade dort gefunden hat, wie Kagge in seinem Buch schreibt. Dieses fügt sich aus einleitenden Erklärungen zu Beginn und Anmerkungen zu Quellen zum Schluss, allerdings vor allem im Hauptteil aus 33 Versuchen, um das Thema mit Worten zu fassen, zusammen.

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Das sind kurze Texte, in denen Kagge von seinen eigenen Erfahrungen und Erlebnissen an verschiedenen Orten der Welt berichtet und seine Gedanken zur Stille äußert, die er als ein „kostenloses Luxusgut“ bezeichnet – gerade in der modernen, hektischen Zeit, in einer Welt, in der 7,5 Milliarden Menschen leben, Rückzugsräume in der Natur rar geworden sind, nach und nach weitere verschwinden. Doch es muss eben nicht die ferne kalte Antarktis sein, um Stille zu erfahren: Jeder ist seiner eigenen inneren Stille Schmied, ist sich der Norweger gewiss, der auch verrät, wie diese kostbaren Momente an sogar von Hektik und Lärm geprägten Orten gefunden werden können. Gedanken, die das gerade sehr aktuelle und präsente Feld der Achtsamkeit streifen.

„Die Stille um dich herum kann viel enthalten, aber für mich ist die interessanteste Stille diejenige, die in mir ist.“

Doch Kagge, der nicht nur an den beiden Polen der Erde stand, sondern auch den Mount Everest bestiegen und damit als erster Mensch alle drei Extrempunkte unseres Planeten erreicht hat, belässt es nicht nur bei seinen eigenen Gedanken, die sehr persönlich sind. An vielen Stellen zitiert er Philosophen, Autoren, große Namen, auch die seines Landes, wie beispielsweise den  Schriftsteller Jon Fosse und den Polarforscher Fridtjof Nansen. Auch auf Immanuel Kant, Ludwig Wittgenstein, Blaise Pascal und Martin Heidegger wird verwiesen. Dieses Werk ist reich an den verschiedensten Gedanken, aber auch an unterschiedlichen Themen. Denn Kagge beleuchtet zudem die Verbindungen zwischen der Stille in der Literatur, der Philosophie, der Kunst und in zwischenmenschlichen Beziehungen.

Kritik an digitaler Welt

Der Norweger erhebt indes nicht den Zeigefinger, um nun ein bewusstes Leben einzufordern. Er regt vielmehr zum eigenen Nachdenken an, er gibt quasi dem Leser einen kleinen Schubser, sich mit Fragen der Stille und ihrer Bedeutung zu beschäftigen. Kritisch wird er indes dann, wenn er auf die moderne digitale Welt zu sprechen kommt. An einer Stelle schreibt er: „Aber leider werden wir nicht zu einer Ressource füreinander, sondern zu etwas weniger Angenehmen. Zu einer Ressource für Organisationen wie Apple, Facebook, Instagram, Google, Snapchat und den Staat, denen es dank unserer eigenen, freiwilligen Hilfe gelingt, sich ein genaues Bild von uns zu machen, das sie verkaufen oder selbst verwenden können. Es schmeckt nach Ausbeutung.“

Ein Band als Gesamtkunstwerk

Begleitet werden die 33 Antworten von sowohl Fotografien des Autors als auch modernen Werken zeitgenössischer amerikanischer Künstler wie Ed Ruscha, Catherine Opie und Doug Aitken. Der Band schenkt deshalb nicht nur des Inhalts wegen dem Leser eine besondere Erfahrung und hätte durchaus mit Blick auf das spannende Thema einen größeren Umfang verdient. Das Buch ist per se ein Gesamtkunstwerk, das sich durchaus als ein spezielles Geschenk für all jene eignet, die sich für dieses Thema bereits interessieren oder sich damit neu beschäftigen wollen, weil sie vielleicht auf der Suche nach Veränderung in ihrer Bewertung von Lebensqualität und Lebenszeit sind. Und „Stille“ eignet sich womöglich sogar dafür, ins Rennen um den Preis der Stiftung Buchkunst entsendet zu werden.

Eine weitere Besprechung gibt es auf den Blogs „aus.gelesen“ und „Elementares Lesen“.   


Erling Kagge: „Stille. Ein Wegweiser“, erschienen im Insel Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenfeld; 144 Seiten, 14 Euro

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