Das Böse – Ian McGuire „Nordwasser“

„Wunder geschehen. Wenn das große Böse existiert, warum nicht auch das große Gute.“

Zu Beginn ein Geständnis. Ich bin kein Freund von Horrorfilmen. Wenn ein solcher zur Sneak Preview im Kino läuft, verlasse ich trotz der Vorfreude hastig den Saal. Es bringt bekanntlich nichts, sich hinter dem Sessel der Vorreihe zu verstecken, um die blutig-grausigen Szenen nicht sehen zu müssen. Kinobesuch bedeutet nunmal, auf die Leinwand zu schauen. Und auch in drastischen Krimis blende ich für mich so manche Bilder der Gewalt aus, in dem ich die Augen schließe oder auf der Couch sitzend mir ein Kissen vor’s Gesicht halte. Wenigstens vorübergehend. Und dann kommt „Nordwasser“. Ein Buch in Blau und Weiß gehalten mit der Schwanzflosse eines Wals auf dem Cover als Blickfang, für dessen Lektüre man starke Nerven braucht und man nicht gar so ängstlich sein sollte.  Doch obwohl furchtsam gegenüber exzessiven Gewaltszenen habe ich trotzdem den Roman des britischen Schriftstellers Ian McGuire gelesen, weil es sich einem speziellen Thema widmet, das mich seit einigen Jahren ungemein fasziniert: dem ewigen Eis.

Kapitän mit perfidem Plan

Schon wenige Szenen auf den ersten Seiten machen klar, wohin die Reise führt, sowohl inhaltlich als auch stilistisch. Im Hafen von Yorkshire finden sich die ersten Männer für eine besondere Schiffsfahrt zusammen. Die „Volunteer“ soll Kurs nehmen in die Arktis, genauer gesagt in die Baffin-Bucht, zwischen Grönland und den arktischen Gefilden Kanadas gelegen. Das Ziel: Wale fangen, Robben schlachten. Zur Mannschaft zählt auch der Harpunier Henry Drax, der noch vor der Fahrt im Hafen seinen gewalttätigen und gewissenlosen Charakter in einer furchtbaren und grausamen Tat offenbart. Der Leser weiß zu diesem entsetzlichen Moment bereits, dass ein eiskalter Mensch auf dem Schiff unter Kapitän Brownlee anheuert, das Böse in persona von Drax zur Mannschaft zählen wird. Gewalttätige Auseinandersetzungen sind also vorprogrammiert. Zumal mit dem irischen Schiffsarzt Sumner, der zuvor in Indien diente, eine weitere geheimnisumwitterte Person der Crew angehört. Und selbst der Kapitän sticht mit einem perfiden Plan in hohe See, der erst später ans Tageslicht kommen soll.

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Es ist die Zeit eines Umbruchs: Die Segelschiffe werden von den moderneren Dampfschiffen allmählich abgelöst, das Tran als Lichtquelle von Petroleum. Der traditionelle Walfang steht nahezu vor seinem Ende. Die Männer an Bord erleben nicht nur einen harten Kampf mit den Elementen, ausgesetzt der Kälte, dem Eis und Schnee, sowie mit den Walen und Robben, die für kostbares Tran, Walbein und Fell ihr Leben lassen müssen. Auch untereinander kommt es zu Zwist, die Crew zerbricht. Vor allem dann, als ein Schiffsjunge tot in einer Tonne aufgefunden wird, später das Segelschiff ins Eis gerät, die Mannschaft schließlich auf sich gestellt ist – in einer lebensfeindlichen Gegend und ohne geeignete Ausrüstung sowie ohne das wichtige Wissen und den Willen zum übermenschlichen Einsatz, um zu überleben. Viele Männer der Besatzung werden diese Fahrt mit ihrem Leben bezahlen. Vor und nachdem sich die ersten helfenden Ureinwohner der untätigen und verzweifelten Mannschaft nähern.

„Worte sind alles, was wir haben, sagt er. Wenn wir sie aufgeben, sind wir nicht besser als Tiere.“

„Nordwasser“ ist ein Roman, der die unerbittliche, barbarische und von Gier getriebene Gewalt des Menschen zu seinesgleichen sowie zu den Tieren blutreich und in erschütternden Details schildert. Das Buch verhandelt indes zudem, was das Menschliche im Menschen im Gegensatz zu seinen negatischen Eigenschaften ausmacht. Eine spannende Frage, die dem Roman seine Tiefe gibt und von zwei weiteren interessanten Themen begleitet wird. Der Brite beschäftigt sich in seinem Werk wie andere Autoren, die bereits über das Leben und die Entdeckungen der Arktis geschrieben haben, mit der Konfrontation zwischen Europäern und den Ureinwohnern, die, obwohl perfekt an die Gegegebenheiten angepasst, oft wenig Respekt, vielmehr Herablassung und Häme von den „privilegierten Weißen“ erfahren. Eine Szene, in der die Schiffsmannschaft Karten spielt, anstatt sich um Nahrung und eine lebensnotwendige Behausung zu kümmern, während die Inuits bezahlt werden, um auf Jagd zu gehen, zeigt das sehr deutlich.  Interessant auch die Diskussionen zwischen Sumner, der sich intensiv mit Homers „Ilias“ beschäftigt, und dem bibelgläubigen Deutschen Otto, den ein entsetzlicher Albtraum mit Sumner und einem Eisbären als Protagonisten quält.

Einzigartige Landschaft mit herber Schönheit

McGuires spannender wie erschütternder Roman wird von einer barschen und raubeinigen Sprache getragen, die auch nicht Halt macht vor drastischen Ausdrücken, die gut und gerne in der damaligen, derben Welt der Walfänger zu finden waren.  Als Kontrast erscheinen dazu die wundervollen Beschreibungen der arktischen Landschaft. Der Brite, der für dieses Buch für den renommierten Man Booker Prize nominiert war, findet Worte und Wendungen für eine einzigartige Gegend, deren herbe Schönheit von bisher nur wenigen Menschen gesehen wurde. Diese nahezu poetischen Szenen eignen sich wunderbar, um sich von den Strapazen der dramatischen Seereise zu erholen – bis zur nächsten Nerven aufreibenden Szene und letztlich zum Showdown, der es wirklich in sich hat.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „Masuko13„.


Ian McGuire: „Nordwasser“, erschienen im mare Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Joachim Körber; 304 Seiten, 22 Euro

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