„Es ist unvorstellbar, dass es Zeiten gab, in denen hier keine Wölfe lebten, denn kein anderes Tier passt so sehr in diese Gegend.“
An einem Tag im Dezember 2011 macht sich Slavc auf den Weg. Er verlässt seine Kinderstube im südwestlichen Slowenien. Mehr als 1.000 Kilometer wird er bei seiner Wanderung zurücklegen. Jeder Schritt des Jungwolfs wird per GPS-Tracker für die Wissenschaft aufgezeichnet. Am Ende findet er in Italien, in den Lessinischen Bergen bei Verona, seine neue Heimat, die er vier Monate später erreicht. Etwa zehn Jahre später begibt sich der britische Journalist und Autor Adam Weymouth auf Slavcs Spuren – ebenfalls zu Fuß.
Bergauf und bergab
Berichte über ausgiebige Reisen per pedes gibt es viele. Zu einem Kultbuch schlechthin wurde Hape Kerkelings Bericht „Ich bin dann mal weg“ über seine Tour auf dem Jakobsweg. Raynor Winn schrieb in „Der Salzpfad“ über ihre Wanderung auf dem South West Coast Path. Auf Skiern durchquerte schon der französische Schriftsteller Sylvain Tesson die Alpen und berichtet in „Weiß“ darüber. Doch Weymouth nimmt weder einen festgesteckten Weg, für den es Karten gibt, noch folgt er anderen menschlichen Wandern.
Sein Vorbild, seine Leitfigur ist vielmehr ein Tier, ein zudem gefürchtetes und verhasstes: den Wolf, der in vielen Gebieten Europas mittlerweile wieder Fuß fasst. Weymouths Wege führen ihn bergauf und bergab, durch Wälder, über Weiden hinweg und vorbei an Flüssen und Seen. Er wird sowohl den Winter als auch den Frühling erleben, Tourismusorte als auch menschenleere Gegenden aufsuchen. Er übernachtet im Zelt, in Berghütten, unter den Bäumen. Manchmal wird ihm auch Obdach gewährt.

Zu Beginn trifft Weymouth auf jenen Mann, der Slavc per Soft-Catch-Falle gefangen und mit einem GPS-Halsband ausgestattet hat: den slowenischen Wildbiologen und Wolfsexperten Hubert Potocnik, der an der Universität Lubljana lehrt. Zahlreiche weitere Begegnungen werden folgen. Der Brite trifft indes nicht nur Wissenschaftler und Befürworter einer Ausbreitung des Wolfs. In vielen der Orte zwischen Südslowenien und Norditalien wird er vor allem erbitterte Gegner vor allem Landwirte begegnen, die manchmal eigene Wege gefunden haben, dem Problem Wolf Herr zu werden.
Enorme Anpassungsfähigkeit
Doch Weymouths Blick auf die Beziehung zwischen Mensch und Wolf geht weiter zurück, wofür er Geschichtsbücher und auch Statistiken bemüht. Einst war der Wolf dank seiner enormen Anpassungsfähigkeiten weltweit verbreitet. Doch dann rückte der Mensch dem Raubtier auf den Pelz, so dass er in zahlreichen Ländern als ausgestorben gilt. So auch in der Heimat des Autors bis heute. In anderen europäischen Gegenden kehrt er indes seit einigen Jahrzehnten wieder zurück. Mit teils drastischen Folgen. Zwei Welten prallen aufeinander: ein Tier, das seinen natürlichen Bedürfnissen nachgeht, und der moderne Mensch, der dem Wolf in der von Beweidung geformten Kulturlandschaft keinen Platz zugestehen will. Weymouth räumt mit einigen Mythen auf, darunter dem Irrglauben, dass ein Rudel von einem Alpha-Tier angeführt wird. Wölfe, so der Brite, seien soziale Wesen, ein Rudel wie eine Familie.
„Wenn man zu Fuß unterwegs ist, bekommt man einen Blick für diese Dinge. Dass die Länder keine voneinander getrennten, unerschütterlichen Identitäten besitzen, sondern das Sprache, Kultur, Krankheiten, Flugsamen, Wölfe und das Wetter hin und her fließen.“
Weymouths Blick auf das Thema ist weit gefasst. Vielen Fragen widmet er sich. Nicht nur Naturschutzbelangen, der Bedeutung der Artenvielfalt und den Auswirkungen des Massensterbens und des Klimawandels, sondern auch dem brisanten Thema Politik. Welche Rolle spielt der Wolf, welche Ansichten haben die unterschiedlichen politischen Lager. Vor allem der Konflikt zwischen Stadt und Land und der negative Blick von Migration, beschäftigt Weymouth. An einer Stelle heißt es: „So wie Migranten werden auch Wölfe als Angriff auf die eigene Souveränität dargestellt. Symbolisch steht dafür die Stadt, die dem Landleben das Herz herausreißen will, all jenem, was patriotisch und authentisch ist.“
„Wenn die Wölfe es schaffen, was ist dann noch alles möglich? Wenn wir nach so langer Zeit lernen, das zu lieben, was wir früher verunglimpft haben, können wir dann nicht auch in anderer Hinsicht Mitgefühl empfinden?“
Weymouth, 1984 in Salisbury geboren, schreibt für Zeitungen und Zeitschriften wie „The Atlantic“ und „The Observer“. Für sein Schaffen ist er schon mehrfach ausgezeichnet worden. Sein Debüt feierte er mit seinem Band „Kings of the Yukon“, in dem er seine Reise mit dem Kanu auf dem Yukon schildert. Für „Wolfspfade“ erhielt er den Sherborne Prize for Travel Writing und stand auf der Shortlist des Baillie Gifford Prize, der speziell Sachbuch-Autoren würdigt.
Vermittler zwischen zwei Welten
„Wolfspfade“ bereitet eine faszinierende weil lehrreiche wie fesselnde Lektüre. Was den Lesenden vor allem beeindrucken wird, ist die Offenheit des Autors für Land und Leute sowie seine völlige Hingabe für seine Reise und sein eigene Rolle als Wanderer und Vermittler zwischen den beiden Welten. Darüber hinaus ist „Wolfspfade“ ein großartiges Reisebuch über die Alpen und ihre landschaftliche wie kulturelle Vielfalt. Mit Mattia und Sofia, einem jungen Schafbauer-Paar nahe Verona, wird er im Übrigen Landwirte kennenlernen, die den Wolf nicht als Gegner sehen, sondern Möglichkeiten gefunden haben, mit ihm zusammenzuleben.
PS: Slavc wird mit Julia eine Familie gründen und viele Nachkommen habe. Beide sterben im selben Jahr: 2022 mit zwölf Jahren, für Wölfe ein hohes Alter, beide waren Migranten und Pioniere und haben dazu beigetragen, dass ihre Art in den Lessinischen Bergen zurückgekehrt ist.
Adam Weymouth: „Wolfspfade. Eine Spurensuche im Herzen Europas“, erschienen im btb Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Felix Mayer; 416 Seiten, 25 Euro


Klingt total interessant. Kann ich das Buch von dir ausleihen?Liebe GrüÃe von Anke Wir sitzen gerade im Dom Gleich beginnt das Kirschfestkonzert.–Gesendet mit der GMX Mail AppAdam Weymouth â âWolfspfadeâ
LikeLike
Ich stelle mir den Weg als nicht einfach vor. Ein großes Abenteuer!
Gab es auch gefährliche Situationen für ihn? Der Wolf hat vier Monate gebraucht. Wie lange hat denn Adam Weymouth für die 1.000 Kilometer benötigt?
LikeGefällt 1 Person
Ja, das finde ich auch. Der Autor ist allerdings die Strecke in Etappen gelaufen und hat einige Orte später für Recherchen und Gespräche erneut besucht. All das hat ihn rund zwei Jahre beschäftigt. Er ist meist mehrere Wochen am Stück gewandert, da er damals Vater zweier kleiner Kinder war. Mit Touren wie dieser kennt er sich aus: Er hat den Yukon bereist und ist auch in Schottland ausgiebig gewandert. Liebe Grüße nach Mainz
LikeLike
Ok, das sind andere Rahmenbedingungen. Immer wieder bewundernswert wie intensiv solche Projekte durchgeführt und danach noch in ein Buch gegossen werden. Hochachtung!
LikeGefällt 1 Person
Danke für die interessante Buchrezension.
LikeGefällt 1 Person
Sehr gern und vielen Dank für das Lob.
LikeLike
Liebe Constanze,
vielen Dank für die wunderbare Rezension. Ich lese das Buch auch gerade, da wir uns in meinem Buch-Club im Augenblick mit Büchern beschäftigen, die sich mit der Beziehung zwischen Mensch und Tier beschäftigen. Ich bin nicht sicher, ob mein Interesse deshalb nur intensiver auf Bücher mit diesem Inhalt gerichtet ist oder ob tatsächlich in der letzten Zeit viele Bücher mit diesen Inhalten erschienen sind. Bislang war eigentlich immer Sy Montgomery´s „Rendezvous mit einem Oktopus“ mein all-time-favourite – aber die „Wolfspfade“ kommen nah heran.
LikeGefällt 1 Person
Vielen Dank für das Lob, was mich freut. Ich mochte den „Oktopus“ auch sehr. Ich denke, dass mittlerweile das Interesse an der Natur gewachsen ist oder auch wiedererweckt wurde. Das erklärt vielleicht auch, dass seit einiger Zeit auch das Genre des Nature Writing zunehmend gefragt ist. Viele Grüße
LikeLike