Patrick Ryan – „Buckeye“

„Die Welt drehte sich weiter, sammelte die Trümmer auf.“

Manchmal kann ein Unglück später auch ein Glück bedeuten. Cal Salt kommt mit einem fünf Zentimeter kürzeren Bein zur Welt. Es wird ihn Spott, Demütigung und Mitleid einbringen. Doch er bleibt 21 Jahre später verschont, als die USA in den Zweiten Weltkrieg eintritt, Millionen junger Männer zur Waffe gerufen werden, um an den Fronten in Europa, Asien und Afrika, auf dem Land, zu Wasser und in der Luft zu kämpfen. Wie Felix Jenkins, der den Untergang eines vom Torpedo versenkten Versorgungsschiffes als einer der wenigen Besatzungsmitglieder überlebt – aber für immer versehrt bleibt.

Tragödien einer Kleinstadt

Patrick Ryan erzählt in seinem Roman „Buckeye“ die Geschichte beider Männer, die nicht unterschiedlicher sein können, aber miteinander zusammenhängen. Denn beide lieben dieselbe Frau: Margaret, die als Baby vor einem Waisenhaus abgelegt wurde und dort aufwuchs, mit 18 Felix kennengelernt und ihn später heiratet. Beide ziehen ob seines gut bezahlten Jobs in die verschlafene Kleinstadt Bonhomie in Ohio, wo Cal, mittlerweile Ehemann von Becky und Vater des gemeinsamen Sohnes Skip, im Werkzeugladen seines Schwiegervaters arbeitet. Am Tag der Kapitulation der Wehrmacht, die im Radio verkündet wird, kommt Margaret in das Geschäft. Eine Begegnung mit Folgen. Eine Affäre nimmt ihren Lauf. Margarete wird schwanger zu der Zeit, als ihr Mann Felix aus dem Krieg zurückgekehrt ist. Neun Monate später kommt Tom zur Welt.

So weit die Basics in dieser weitverzweigten und generationsübergreifenden Familiengeschichte, die von den 1920er bis in die 1980er reicht und mehr als ein halbes Jahrhundert umfasst, in dem sich Krieg und Gewalt wie ein roter Faden durchzieht. Drei Generationen von Männern werden davon heimgesucht: Bereits Cals Vater Everett, ein ruppiger und zerzauster Kerl, der in seiner eigenen Welt lebt, kehrte als Veteran aus dem Ersten Weltkrieg zurück. Felix erlebt die Abgründe des Zweiten Weltkriegs, in dem er seine große Liebe verliert – by the way es ist nicht Margaret – und davon für immer gezeichnet bleibt.

Cals Sohn Skip wird sich schließlich freiwillig für den Vietnam-Krieg melden. Diese Zwangsläufigkeit des Plots ahnt der Leser schnell, der trotz alledem davon erschüttert wird. Und einmal mehr führt ein großer amerikanischer Roman vor Augen, wie ein einzelner Mensch den großen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen ausgeliefert ist, mehrere Generationen von Kriegen mitgerissen werden, kaum eine Familie und keine Beziehung jeglicher Couleur davon verschont bleibt. Auch nicht Freundschaften wie die zwischen Skip und Tom, der von ersterem wegen seiner roten Haare liebevoll Buckeye – Rosskastanie – genannt wird.

„Das Leben ist so einfach, wenn man es auf das Notwendigste reduziert; mehr Zeit, mehr Luft, mehr Duke Ellington.“

Doch es sind nicht nur Krieg und Gewalt, die die Familien erschüttern, die die große Welt in die überschaubare Welt der Kleinstadt holt. Es sind auch die privaten Tragödien und persönlichen und folgenreichen Fehlschläge, Entscheidungen und Geheimnisse, die über lang oder kurz Wirkung haben. An dieser Stelle soll nicht allzu viel verraten werden. Nur soviel: Die beiden Familien, die aus zwei unterschiedlichen Welten stammen, kommen sich näher als jemals geahnt.

Auf „New York Times“-Bestsellerliste

Ryan, 1965 in Washington D.C. geboren und in Florida aufgewachsen, studierte an der Florida State University und absolvierte das Kreative-Schreiben-Programm der Bowling Green State University, Ohio. 2006 debütierte er mit „Send me“, einem Band Kurzgeschichten. Es folgten Bücher für junge Erwachsene sowie ein weiterer Erzählband. Im vergangenen Jahr erschien schließlich „Buckeye“, sein erster Roman für Erwachsene, der sofort auf der „New York Times“-Bestsellerliste landete und viel Lob erhielt. Ryan lebt in Manhattan.

„Die Welt wird deine Perspektive immer wieder ins Lot bringen, wenn du sie nur lässt.“

Zu einem der Fans des Romans zählt – neben zahlreichen Kritikern – kein Geringerer als Schauspieler Tom Hanks. Und mit Blick auf Cal und sein Handicap denkt man unweigerlich an Hanks wohl größte und oscarprämierte Rolle als Forrest Gump. Und auch John Irvings allzu menschlichen Familienromane hat man womöglich irgendwie im Sinn, wenn man „Buckeye“ liest.

Doch eigentlich steht Ryans Roman über die Erschütterungen des Lebens und die ganze Klaviatur menschlicher Beziehungen – von der Freundschaft über enge mal lose Familienbande bis hin zur Liebe in all ihren Schattierungen – wiederum komplett für sich. „Buckeye“, der eher sacht und unspektakulär beginnt, um schließlich mitreißend alle Lebensfäden und Schicksale zusammenzuführen, bereitet eine berührende Lektüre.


Patrick Ryan: „Buckeye“, erschienen im Ullstein Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Thomas Überhoff; 656 Seiten, 26 Euro

Foto von Wally Holden auf Unsplash

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