Chris Pavone – „Der Portier“

„In dieser Welt gibt es unzählige Gründe, zornig zu werden, und die Straße der Millionäre symbolisierte so viele davon.“

Hier leben die Reichen und Schönen unter einem Dach. 94 Luxus-Wohnungen befinden sich im ehrwürdigen Bohemian. Ein Apartment-Blick auf den nahe gelegenen Central Park – unbezahlbar für die meisten von uns. Wer hier wohnt, weiß oft nicht mehr, wie er sein ganzes Geld ausgeben könnte. Chicky arbeitet seit 28 Jahren als Portier im Bohemian. Er empfängt die Bewohner, kümmert sich um ihre Wünsche. Allzeit pünktlich, freundlich, zuverlässig. Er weiß, wer kommt und wer geht. Die persönliche Welt des hoch verschuldeten Ex-Marine ist allerdings eine ganz andere. Der New Yorker Autor Chris Pavone lässt in seinem Kriminalroman beide Welten aufeinanderprallen und verwandelt Central Park West in ein Pulverfass.

Milliardär mit schmutzigen Geschäften

Denn unruhige Zeiten herrschen. Was Whit Longworth, seines Zeichens Milliardär, nicht daran hindert, in der heutzutage vielbeschäftigten Rüstungsbranche mit schmutzigen Geschäften noch mehr Geld zu verdienen. Seine Frau Emily, die sich vielseitig engagiert und reichlich spendet, zeigt sich darüber schockiert. Ihr Mann, der auch ein privates schmuddeliges Geheimnis verbergen will, widert sie geradezu an. Sie denkt über Scheidung nach, auch wenn diese ihren Wohlstand gefährden könnte. Der angesehene Kunsthändler Julian Sonnenberg, ein Nachbar der Longworths, hingegen hat da ganz andere Sorgen. Er steckt in der Midlife-Crisis und fühlt sich unbeachtet – von seiner Frau, den Kindern, der Kunstszene.

Doch gegen Chickys ganz alltägliche Sorgen sind die Probleme der Bohemian-Bewohner nur Peanuts. Nach dem tragischen Krebs-Tod seiner Frau sitzt er auf einem riesigen Schuldenberg aus Arzt- und Klinikrechnungen. Das amerikanische Gesundheitssystem lässt grüßen. Auch bei der Miete seiner Wohnung in Spanish Harlem ist er deutlich im Rückstand. Chicky arbeitet deshalb nebenbei als Türsteher und kommt eher unfreiwillig mit Berufskriminellen in Kontakt. Unruhen sowie Demos und Gegendemos in dem sonst beschaulichen Viertel sorgen für weitere Anspannung, nachdem zwei Schwarze Opfer von Polizeigewalt geworden sind. So rüstet sich auch Chicky auf.

Hält Gesellschaft einen Spiegel vor

Letztlich die Tat, die den Roman in den Status eines Kriminalromans erhebt, geschieht erst am Ende, auch wenn sich der Plot in Richtung eines blutigen und folgendereichen Finales bewegt. Doch bis dahin erweist sich Pavones Werk als ein spannender Pageturner, der vor allem mit seiner beißenden Gesellschaftskritik nicht hinterm Berg hält und sich dadurch besonders auszeichnet. „Der Portier“ ist sowohl ein Buch über persönliches Krisen als auch ein vielschichtiges Porträt der amerikanischen Gesellschaft, wo das Motto vom Tellerwäscher zum Millionär längst keine Gültigkeit mehr hat.

Mit einer Handvoll Hauptfiguren und einer Reihe Protagonisten am Rande beschreibt der New Yorker soziale Ungleichheit, Armut und die stetig wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, die mit Tech-Milliardären und Mammut-Konzernen sowie eine neoliberale Politik nur noch verschärft werden. Rassismus und Diskriminierung verhandelt er ebenso wie Antisemitismus. Die USA und New York als Sehnsuchtsziel vieler Menschen zeigt er in der Figur von Olek auf. Der Hausverwalter und Chef von Chicky kam aus der Ukraine nach Übersee, hat sich hochgearbeitet und seine ganz eigene Sicht auf die gesellschaftlichen Verhältnisse.

„Doch wie immer in New York wurde die Kultur im Laufe der Zeit vom Geld verdrängt.“

Pavone, Jahrgang 1968, ist in Brooklyn aufgewachsen und studierte Politikwissenschaft an der Cornell University. Vor seiner Autorenkarriere arbeitete er einige Jahre im Verlagswesen. Schon mit seinem Debüt „The Expats“ (2012) sorgte er für einen Bestseller und heimste Preise ein. Es folgten weitere Thriller. Der Umzug in das berühmte wie geschichtsträchtige Dakota-Building und eine Freundschaft mit dem Portier lieferten ihm Stoff und Milieu für seinen neuen Roman.

Ein legendäres Haus als Vorbild

Das zehnstöckige Haus in der 72nd Street war in 1880er-Jahren nach den Plänen des Architekten Henry Janeway Hardenbergh für den Unternehmer Edward Cabot Clark, der mit Isaac Merritt Singer eine Firma für Nähmaschinen begründete, errichtet worden. Traurige Berühmtheit erlangte es am 8. Dezember 1980, als vor dem Eingang des Hauses in der Upper West Side John Lennon ermordet wurde, der dort mit Yoko Ono lebte. Zu den ebenfalls berühmten Bewohnern zählten unter anderem auch Paul Simon, Judy Garland, Leonard Bernstein und Sting.

„Eine Wohnung wechselte für sage und schreibe zweihundertzwanzig Millionen Dollar den Besitzer, eine Summe, die zu erreichen man sechshundert Jahre lang fast tausend Dollar täglich hätte ausgeben müssen. Es war ein Gradmesser, der deutlich zeigte, was alles mit dieser Welt im Argen lag.“

Dieses Hintergrundwissen – Pavone ruft auch immer wieder Fakten und Zahlen auf, ohne den Plot damit zu überfrachten – bereichert den ungemein lebendigen und in den USA viel gelobten Titel in vielen seiner Facetten – als New-York-Roman und als Buch über ein besonderes Haus mit seinen speziellen Bewohnern. Das Ende wird den Lesenden noch eine Weile beschäftigen und wohl auch die allzu deutliche Gesellschaftskritik, die nicht nur leicht durchschimmert, sondern vielmehr dieses aus der Masse der Krimiliteratur deutlich hervorheben lässt.

Eine weitere Besprechung gibt es online auf „Literaturbuffet“.


Chris Pavone: „Der Portier“, erschienen im Kampa Verlag, in der Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Karin Dufner; 560 Seiten, 22,90 Euro

Foto von Zoshua Colah auf Unsplash

Kommentar schreiben

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..