Melania G. Mazzucco – „Vita“

„Wer war ich? Ein Fremder. Ein Ausländer. Ich bin immer wieder fortgegangen – immer wieder aufs Neue.“

Vita und Diamante sind noch Kinder, als sie gemeinsam im Frühjahr 1903 auf dem Schiff „Republic“ New York erreichen. Zwischen ihrer italienischen Heimat und diesem neuen Ort voller Hoffnungen und Sehnsüchte liegen Tausende Kilometer und ein riesiger Ozean. Millionen Italiener sind im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert nach Amerika ausgewandert. Die preisgekrönte Schriftstellerin Melania G. Mazzucco erzählt in ihrem Roman „Vita“ ihre Historie, die gleichzeitig ihre eigene Familiengeschichte ist.

Recherchen in New York und Italien

Denn Diamante, der gerade einmal zwölf ist, als er nach New York kommt, war ihr Großvater. Sie begab sich auf dessen Spuren, recherchierte sowohl in italienischen als auch amerikanischen Archiven, so unter anderem auch im Archiv von Ellis Island – der Insel, die einst über viele Jahre der Sitz der Einreisebehörde und die Sammelstelle für Immigranten war. Auch die Prince Street im heutigen Stadtteil Soho, wo Diamante und Vita zu Beginn bei deren Vater Agnello, einem Gemüsehändler und Pensionsbetreiber, unterkommen, besuchte die römische Autorin, die darüber hinaus auch in ihrer Familie der Vergangenheit nachspürte und Angehörige befragte.

Ihre Erfahrungen und Gedanken lässt sie in der großen Erzählung über Diamante und Vita einfließen, die aus zwei weiteren Erzählebenen besteht. Denn gut vierzig Jahre nach der Ankunft der beiden Kinder begibt sich Vitas Sohn während des Zweiten Weltkriegs als Soldat einer Pioniereinheit nach Italien, wo er das Dorf seiner Mutter kennenlernt und später Diamante sucht – und ihn schließlich auch findet. Mazzucco lässt in ihrem Blick auf die Familiengeschichte ihren Vater Robert dabei nicht unerwähnt, der bei der Eisenbahn arbeitete und nebenbei Bücher verfasste – wie seine Tochter ein Schreibender war.

Menschenverachtende Ausbeutung

Obwohl der Titel des Romans auf Vita verweist und sicherlich auch zweideutig gelesen werden kann – Vita heißt aus dem Italienischen übersetzt das Leben – , wird vor allem das Schicksal Diamantes den Leser berühren. Er steht für all jene jungen Menschen, die voller Hoffnung ausgewandert waren und letztlich an den Bedingungen, vor allem der menschenverachtenden Ausbeutung, zerbrechen.

„Inzwischen gehören auch sie zu den Millionen und Abermillionen Menschen, die dieser Stadt etwas von ihrer Seele, ihren Gedanken, ihren Gefühlen und Träumen gegeben haben – die von dem riesigen Meer aus Stein verschluckt worden sind …“

Diamante arbeitet als Zeitungsjunge, als Lumpensammler, als Leichenwäscher in einem Bestattungsunternehmen, später als Wasserträger beim Eisenbahn-Bau in Ohio, eine kräftezehrende und fast sklavische Arbeit, die seinem noch jungen Körper zusetzt und ihn in ein physisches Wrack verwandelt. Zuvor war er aus New York geflohen, weil er in die Fänge einer kriminellen Vereinigung, die im Viertel unter anderem mit Schutzgeld-Erpressung und Gewalt für Schrecken sorgt, geraten ist. Aber auch Vita wird früh erwachsen, sie kocht, putzt und wäscht. Diamante beschützt sie, im Gegenzug bringt sie ihm Englisch bei. Zum Ärger ihres Vaters. Zwischen beiden Kindern, die mit den Jahren heranwachsen, entspinnt sich eine Liebesgeschichte – allerdings eine ohne Happy End.

Das Passagierschiff „Republic“, das 1909 nach einem Zusammenstoß mit dem Schiff „Florida“ vor der Insel Nantucket sank. (Foto: The White Star Line)

Mazzucco vermischt geschickt Realität und Fiktion und entwirft ein großes, buntes und bildintensives Panorama der Stadt, die niemals schläft und die wie keine zweite Metropole ihrer Zeit die Menschen aus allen Himmelsrichtungen anzieht, wobei die Italiener damals zu den missliebigen Einwanderern zählten und keinen guten Ruf hatten. Auch die verheerenden Kriegsereignisse an der sogenannten Gustav-Linie, an der die Wehrmacht und die Alliierten massive Verluste zu beklagen hatten, ruft die Autorin wieder ins Gedächtnis. Während der Schlachten am Monte Cassino starben in nur wenigen Monaten rund 75.000 Menschen. Wie ein roter Faden durchzieht zudem das Leben und Schaffen des weltberühmten Opernsängers Enrico Caruso (1873-1921), der in einer armen neapolitanischen Familie aufgewachsen war und seinen Durchbruch an der Metropolitan Opera in New York erlebte, die vielschichtige Handlung.

„Wir gehören weniger zu dem Ort, wo wir herkommen, als zu dem, wohin wir unterwegs sind.“

Für den auch sprachlich herausragenden Roman über das Schicksal italienischer Auswanderer gewann Mazzucco 2003 den wichtigsten italienischen Literaturpreis Premio Strega. Nach einer ersten Veröffentlichung in deutscher Sprache erinnert der Folio Verlag nun einmal mehr an das preisgekrönte Buch mit einer überarbeiteten Neuausgabe. Bereits 2024 erschien hier Mazzuccos Roman „Die Villa der Architektin“ , für den die Italienerin mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde, darunter den renommierten Premio Stresa und den Premio Manzoni. Mazzucco lebt und arbeitet in Rom.

Blick auch auf das Heute

Über den historischen Blick und die Erinnerung an das Leben früherer Generationen hinaus lässt „Vita“ indes wohl auch an die jüngere Vergangenheit und das Heute denken, wenn unzählige unbegleitete Flüchtlingskinder sich für ein besseres und sicheres Leben ohne Familie noch immer auf einen oft auch sehr weiten Weg machen – trotz der Ungewissheit und der zahlreichen Gefahren. Und das überall auf der Welt.


Melania G. Mazzucco: „Vita“, erschienen im Folio Verlag, in der Übersetzung aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl; 536 Seiten, 28 Euro

Foto von Bhargav Panchal auf Unsplash

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