„Ich danke dir, Hanne Wilhelmsen, für die Begleitung.“
Nach einem tragischen Polizeieinsatz und einer Schussverletzung vor einigen Jahren sitzt Ex-Kommissarin Hanne Wilhelmsen im Rollstuhl. Sie hat den Dienst freiwillig quittiert. An Polizeiarbeit ist nicht mehr zu denken, auch wenn es der erfahrenen Ermittlerin schwerfällt, endlich loszulassen. Ihr ehemaliger Kollegen Odin Gammelgård hat von oberster Stelle die Weisung erhalten, sie nicht in die Ermittlungsarbeit einzubeziehen. Doch dann wird in Maridalen von einem kleinen Jungen die Leiche einer nackten Frau gefunden, und Odin und seine Kollegen stochern im Dunkeln.
Farvel, Hanne!
Und so kommt es, wie es kommen muss. Hanne Wilhelmsen macht ihr eigenes Ding, ohne nur ahnen zu können – ihre Fans müssen jetzt ganz tapfer sein -, dass es ihr letzter Fall sein wird. Mit Nummer 13 schließt ihre Schöpferin Anne Holt eine der erfolgreichsten Krimireihen ab und verabschiedet sich nach 33 Jahren von Hanne – auch in ihrem Nachwort am Ende des Buches. Mit Holts Debüt „Blinde Göttin“ („Blind gudinne“) fing einst alles an. Es folgten zwölf weitere Bände, Preise, Verfilmungen. Nun heißt es also: Farvel, Hanne! Wenngleich der knifflige Fall zum Abschied es noch einmal in sich hat.

Die Tote ist keine Geringere als Annette Schønn, die als Korrektorin für einen großen Verlag tätig war und unter anderem die Manuskripte namhafter Autorinnen und Autoren bearbeitete. Auch die der erfolgreichen Krimiautorin Kristine Hoff, der Hanne Wilhelmsen zufällig begegnet. Die beiden Frauen sind unwissentlich Nachbarinnen am Viksfjord, wo Hanne mit ihrer Frau Nefis, Tochter Ida und Freundin Ebba in einer Hütte – was die Norweger als Hütte bezeichnen ist eher ein kleines Haus – ihre Sommerfrische verbringen muss. Ja, muss, denn Hanne quält die Langeweile, die ständigen Besucher gehen ihr langsam auf die Nerven und auch die einstige Trennung von Nefis sorgt noch immer für einige Spannungen im Hause Wilhelmsen.
Einblicke in den Literaturbetrieb
Da kommt der Fall ihr schon wieder recht. Auch wenn sie nicht wirklich ermitteln darf, beginnt sie in ihrer unnachahmlichen Art, nach dem Täter oder der Täterin zu suchen. Nach „Das elfte Manuskript“, Band elf der Reihe (2024, „Det ellevte manus“), führen die Ermittlungen und damit das Geschehen einmal mehr in die Abgründe des Literaturbetriebs. Vieles dreht sich um einen handfesten Mobbing-Skandal in den 90er-Jahren, in dem Autoren, die mittlerweile in der Bedeutungslosigkeit versunken sind, und die Presse eine unrühmliche Rolle gespielt haben.
„Das war das dritte Mal in seiner Laufbahn, dass ein Autor dem Verlag den Nobelpreis versprach. Alle drei waren begabt, männlichen Geschlechts und nicht mehr ganz jung. Und allem Anschein nach am Rande des finanziellen Ruins. Und keiner von ihnen hieß Jon Fosse …“
Im Buch finden sich denn auch eine ganze Reihe realer Namen: angefangen von Nobelpreisträger Jon Fosse über Bestsellerautor Lars Mytting und den großen norwegischen Brage-Literaturpreis bis hin zum namhaften Gyldendal-Verlag, der im Übrigen auch Holts Bücher veröffentlicht. Mittlerweile sind davon weltweit zwölf Millionen Exemplare verkauft worden. Mit Selma Falck schickt die Norwegerin, die einst Justizministerin ihres Landes sowie als Juristin und Journalistin tätig war, eine weitere Ermittlerin ins Rennen. Seit 2021 sind bereits drei Bände in deutscher Übersetzung erschienen.
„Es sind schwierige Zeiten, Trond, sehr schwierige. Die meisten Leute lesen keine Bücher mehr.“
Hanne Wilhelmsen zeigt sich in ihrem letzten Fall, der sich auch dem Thema Demenz und den schrecklichen Folgen der Erkrankung für Betroffene und Angehörige widmet, noch einmal in Hochform. Die kluge Ermittlerin mit der besonderen Gabe, gezielt Gespräche zu führen, um an wertvolle und entscheidende Informationen zu kommen, ist allerdings mittlerweile vom Leben und tragischen Schicksalsschläge gezeichnet. Vor allem der Tod ihres jüngeren Kollegen Henrik Holme und die Konflikte mit ihrer Frau setzen ihr merklich zu. Hanne geht den meisten Menschen aus den Weg, hat nur wenige Vertraute an ihrer Seite. Bemerkenswert weil eindrucksvoll, wie Holt ihre markante Heldin und ihre verschiedenen Beziehungen psychologisch ausgestaltet.
Joan-Baez-Song als Titel
Trotz eines düsteren Falls rund um Macht und einem einzigartigen Rachefeldzug – soviel sei an dieser Stelle verraten – ist dem „Diamanten und Rost“ auch ein subtiler wie bissiger Humor anzumerken. Der Titel verweist im Übrigen auf einen gleichnamigen Song von Joan Baez, der 1975 erschienen war und mit dem die Sängerin die damalige Trennung von Sänger Bob Dylan verarbeitete.
Einen kleinen Trost gibt es indes für alle Hanne-Wilhelmsen-Fans: Die erfolgreiche Buchreihe wurde für Amazon Prime adaptiert. Die schwedische Schauspielerin Ida Engvoll, die bereits Ermittlerin Rebecka Martinsson aus der Krimireihe von Åsa Larsson verkörperte, übernimmt die Hauptrolle. Zu sehen ist unter dem Titel „Blind Spot“ Band acht der Wilhelmsen-Reihe mit dem Titel „Der norwegische Gast“.
Anne Holt: „Diamanten und Rost“, erschienen im Atrium Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs; 432 Seiten, 24,70 Euro
Foto von Sandra Seitamaa auf Unsplash

