„Das Gefühl jetzt, dass sie in einem anderen Land lebt, das Gefühl, dass sich ein Chaos auftut, das sie alle in sein Maul ruft.“
Manche Bücher brauchen ihre Zeit, den richtigen Moment. Kaum etwas anderes ist geduldiger. Lange hat Paul Lynchs preisgekrönter Roman „Das Lied des Propheten“ ungelesen auf einem der unzähligen Stapel in meinem Zuhause gelegen. Irgendwie tauchte eine Empfehlung des Romans in meinem Insta-Feed auf. Nichts ist mittlerweile zufälliger als ein solcher Post. Es war rund um die Landtagswahlen hier in Sachsen-Anhalt.
Passivität und Schweigen
Das Ergebnis kennen wir, seine Folgen sind im Moment nicht abzusehen. Gefühlt hängen wir hier in einer Blase, in der die Zeit stillsteht. Eines ist indes schon seit einiger Zeit spürbar: eine Verrohung, Respekt- und Empathielosigkeit und – trotz aller Proteste und Bekundungen rund um den Wahltag und darüber hinaus – ein Schweigen und eine Passivität für etwas einzutreten, wo Einsatz gefragt wäre. Für etwas, das uns hier seit mehr als 30 Jahren ein für viele sehr gutes Leben ermöglicht hat, das andere wiederum verhöhnen und belächeln, weil sie ein neues autoritäres System erhoffen, egal welche Folgen es für uns alle mit sich bringen wird.

Kipppunkte gibt es nicht nur in Umwelt und Klima, sondern auch in Politik und Gesellschaft. Eine der von rechtsextremen Kreisen ersehnten, von vielen befürchteten Szenarien ist der Tag X – der Zusammenbruch der freiheitlich demokratischen Ordnung. Lynch beschreibt in seinem Roman in Form einer Dystopie eine solche dramatische Entwicklung anhand eines fiktiven Irland, in dem sich der Staat zu einer tyrannischen Herrschaft verwandelt und letztlich sich ein blutiger Bürgerkrieg Bahn bricht.
Militär greift zur Waffe
Eines Tages klopfen zwei Polizisten der Geheimpolizei an die Haustür der Familie Stack. Ihr Ziel: Vater Larry, der als stellvertretender Gewerkschaftssekretär bei der Lehrergewerkschaft arbeitet. Mutter Eilish ist hingegen als Wissenschaftlerin in einem Labor tätig. Gemeinsam haben sie vier Kinder: Mark, Molly, Bailey und den nur wenige Monate alten Ben. Zudem kümmert sich Eilish um ihren dementen Vater. Larry verschwindet nach einer Verhaftung, seine Frau ist mit den Kindern fortan allein auf sich gestellt, während die ihr bekannte Welt weiter zerbricht, nachdem die rechtspopulistische National Alliance Party (NAP) an die Macht gekommen war und eine Notverordnung erlassen hat, um Recht und Gesetz auszuhebeln. Oppositionelle verschwinden, während andere die Partei feiern und stützen. Das Militär greift bei Demonstrationen zur Waffe. Eilishs ältester Sohn Mark soll für den Wehrdienst in der Armee eingezogen werden. Europa zeigt sich empört, schaut allerdings nur tatenlos zu.
„Sie sieht vor sich das Bild einer zerschlagenen Ordnung, wie die Welt in ein dunkles, fremdartiges Meer abdreht.“
Schritt für Schritt wird aus einem demokratischen Land ein autoritärer Polizeistaat, in dem sich jegliche Sicherheiten auflösen und das Militär einer Rebellen-Armee gegenübersteht. Es herrscht Bürgerkrieg. Mit der Zeit werden Lebensmittel knapp, der Strom fällt zeitweise aus, es gibt kein Wasser mehr. Dublin verwandelt sich in ein Schlachtfeld. Das Haus der Stacks wird Teil der Kampfzone. Unzählige fliehen aus dem Land. Eilish versucht unermüdlich und mit letzter Kraft, ihre Kinder zu schützen und den Rest der Familie zusammenzuhalten, während sie selbst gemoppt, ausgegrenzt, beschimpft wird. Das Bitten und das Angebot ihrer Schwester, doch nach Kanada zu kommen, schlägt Eilish vorerst aus. Eine Entscheidung, der später erhebliche Schuldgefühle folgen werden.
„Die Vögel werden die Erde immer bewohnen, die Vögel erkunden die Morgendämmerung in den zerfetzten, zerstörten Bäumen, als sie durch die Stadt radelt.“
So wie die Ordnung zerfällt, so zerbricht auch die Familie. Die wohl erschütterndsten Szenen des Romans beschreiben das Schicksal Baileys, der nach einem Bombenangriff verletzt in ein Krankenhaus gebracht wird, und die Reaktion seiner Mutter. Der Anfang eines grauenvollen Endes. Aus einer zunehmenden Beunruhigung des Lesers am Beginn des Romans wird pures Entsetzen. Die Sprache Lynchs – bemerkenswert von Eike Schönfeld in Deutsche übertragen – tut ihr Übriges: Die Handlung mit all ihren Schockmomenten wird im Präsens erzählt, es gibt keine Absätze, keine Interpunktion in den Dialogen – keine Möglichkeit, durchzuatmen, das alles etwas sacken zu lassen. Wir sind mittendrin, können dem Grauen gefühlt nicht entweichen.
Paul Lynch kam 1977 im Limerick zur Welt und wuchs im County Donegal auf. Bereits als Jugendlicher war er ein Vielleser und begann, Kurzgeschichten zu verfassen. Bevor der Ire sich dem literarischen Schreiben zuwandt, war er als Journalist tätig. Mehrere Jahre war er Cheffilmkritiker für die „Sunday Tribune“ und schrieb regelmäßig für die „Sunday Times“. 2013 erschien sein Romandebüt „Red Sky in Morning“, das für mehrere Preise nominiert war. 2014 erschien sein zweiter Roman „The Black Snow“. Für „Das Lied des Propheten“ („Prophet Song“) erhielt er 2023 den renommierten Booker-Prize. Erschienen in einer Welt, in der der Rechtspopulismus an Stärke gewinnt, Despoten an die Macht kommen.
Unvergessliche, eindrückliche Lektüre
Kein Land ist vor solch einem Szenario gefeit, egal welche Ereignisse eben jenen Kipppunkt verstärken. Das zeigt die Geschichte, das bringt auch der Roman uns deutlich und mit klarer Vehemenz vor Augen: Man denke an Jugowslawien in den 90ern, an Deutschland in den 30ern. Der Bürgerkrieg in Syrien soll Lynch zu seinem Roman veranlasst haben. Einen Gedanken, wie solch eine Entwicklung womöglich gestoppt werden kann, gibt dieses unvergessliche Buch indes nicht. Es erzählt von einer gewissen Urkraft: dem Einsatz einer Mutter für ihre Familie, die trotz Verlusten und dramatischen Schickalsschlägen einen Weg sucht – für sich und ihre Kinder. Aber auch davon, was Menschen anderen Menschen antun können. Weil jeder sich selbst der Nächste ist.
Weitere Besprechungen auf den Blogs „Literatur-Reich“ und „Kommunikatives Lesen“.
In der Reihe „Backlist“ werden Romane verschiedenster Verlage vorgestellt, die bereits vor einigen Jahren erschienen und womöglich bereits leicht in Vergessenheit geraten sind, doch die es wert sind, dass an sie erinnert wird. Bisher in dieser Reihe veröffentlichte Besprechungen gibt es zu:
Carmen Laforet „Nada“, Davide Longo „Der aufrechte Mann“, Per Petterson „Nicht mit mir“, Agota Kristof „Das große Heft“ , Michela Murgia „Accabadora“, Robert Seethaler „Der Trafikant“, John Wray „Die rechte Hand des Schlafes“, György Dragomán „Der weiße König“, Einar Már Gudmundsson „Engel des Universums“, Gila Lustiger „Die Schuld der anderen“, James Hanley „Ozean“, Becky Chambers „Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“, Jochen Missfeldt „Solsbüll“, Maylis de Kerangal „Die Lebenden reparieren“, Niccolò Ammaniti „Anna“, Jan Kjærstad „Ich bin die Walker Brüder“, Elizabeth Strout „Mit Blick aufs Meer“, Michael Köhlmeier „Spielplatz der Helden“, Niccolò Ammaniti „Ich habe keine Angst“, Gaito Gasdanow „Nächtliche Wege“ , Anne Berest „Die Postkarte“
Paul Lynch: „Das Lied des Propheten“, erschienen im Klett-Cotta-Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Eike Schönfeld; 320 Seiten, 26 Euro
Foto von Saifee Art auf Unsplash


Tolle Review! Habe „Das Lied des Propheten“ auch (erst) in diesem Jahr gelesen und war davon schwer beeindruckt. Der Roman trifft einen unvorbereitet.
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