Petra Klabouchová – „An der Moldauquelle“

„Das stärkste Band war das Schuldgefühl.“

Es ist ein Januartag. Ein besonderer Tag. Es ist der 27. Januar, der Holocaust-Gedenktag. Ein kleiner Junge verschwindet. Als die Suche eingestellt wird, weil das Kind glücklicherweise wieder auftaucht, stoßen die Suchmannschaften derweil im Böhmerwald nahe der Kleinstadt Vimperk auf die Leiche eines Mädchens. Nicht nur der tote Körper inmitten der Kälte lässt die Leute erschauern. Das Mädchen trägt einen gestreiften Pyjama, der an die Kluft von KZ-Häftlingen erinnert. An der Kleidung des Kindes befindet sich darüber hinaus ein Davidstern.

Spannung trifft auf Geschichte

Auch jene Gegend unweit der deutsch-tschechischen Grenze blieb von den Ereignissen der dunklen wie grausamen NS-Zeit nicht verschont. Die tschechische Autorin und Journalistin Petra Klabouchová ist bekannt dafür, in ihren Büchern Spannungselemente mit historischen Stoffen und regionaler Erinnerung zu verbinden. Ihr preisgekrönter Kriminalroman „An der Moldauquelle“ erzählt vom hartnäckigen Schweigen der Zeitzeugen, aber auch davon wie vergangene Ereignisse das Leben späterer Generationen beeinflussen können.

Dass es rund um Vimperk ein Konzentrationslager sowie eine verborgene unterirdische Fabrik der Nazis unter dem Tafelberg gegeben hat, gilt als offenes Geheimnis. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich Spione unterschiedlicher Geheimdienste hier die Klinke in die Hand gedrückt, um Spuren aufzudecken oder zu verwischen. Selbst die Stasi mischte mit. Jahrzehnte sind ins Land gegangen. Den Ostblock gibt es nicht mehr, statt Sozialismus herrscht der Kapitalismus. Der große erhoffte Aufschwung hat einen großen Bogen um die Region gemacht. Wer kann, zieht weg. Mit der Durchfahrtsstraße blühen Zigarettenhandel und Prostitution auf.

Rückkehr eines Kommissars

Ein namenloser Polizeikommissar nimmt den anderen Weg – eher notgedrungen. Er kehrt mit seiner Frau zurück in seine Heimat, nachdem er in Prag bei einem früheren Fall in Ungnade gefallen war. Er soll nun den Fall des toten Mädchens aufklären, das als klug und freundlich galt, aber aus einer unbeliebten Familie stammte, die einst Schuld auf sich geladen hatte. Der Polizist, der sich um seine an Parkinson erkrankte Frau Anna kümmert, verdächtigt schon früh den Dorfarzt, der hoch verschuldet ist. Zwei Monate später wird der Hauptkommissar von seinem Kollegen Sucharda verhört. Denn in seinem Auto geschah ein Verbrechen.

„Von wegen Könige des Böhmerwalds. So nennt man die, die von hier abgehauen sind und anderen beim Abhauen geholfen haben. Aber abhauen und sterben, das ist furchtbar einfach. Schwer haben es die, die dann zurückbleiben.“

Sowohl inhaltlich als auch stilistisch ist Klabouchovás Kriminalroman eine komplexe Wundertüte, die mich überzeugt und fasziniert hat und so einige Überraschungen enthält, was auch den Literatur-Preis und die positiven Stimmen erklärt. Nicht nur verwebt die Tschechin geschickt historische Ereignisse mit der Gegenwart und widmet sich der Frage, wie frühere Entscheidungen auf die heutigen Generationen einwirken. Der Plot selbst wartet mit so einigen Kniffen und Wendungen auf.

Auf zwei Zeitebenen – wenige Tage und zwei Monate nach dem Leichenfund – wird von den Ermittlungen erzählt, werden aber auch eines Dorfpanoramas gleich die Beziehungen zwischen den Menschen im Ort, in dem jeder jeden kennt, und ihre Reaktionen auf das Verbrechen aufgezeigt. Mittendrin: eine TV-Reporterin, die die aufgeladene Stimmung mit ihren tendenziösen Beiträgen noch weiter anheizt. Gegen Ende erinnert die Handlung ein wenig an einen Haken schlagenden Hasen, der in gewissen Abständen die Richtung ändert. Und auch sprachlich überzeugt der Roman mit bildhaften wie detailreichen Beschreibungen sowie tiefgründigen Dialogen.

Fesselnd und vielschichtig

Petra Klabouchová, 1980 in Prachatice geboren, studierte Journalismus und Medienwissenschaften in Brünn. Sie arbeitete für Regionalzeitungen und das Fernsehen und veröffentlichte zahlreiche Bücher. Heute ist sie in der Musikbranche tätig und lebt in Italien, den USA und Tschechien. Für „An der Moldauquelle“, 2021 in Tschechien im Original erschienen, wurde die Journalistin und Autorin mit dem Šumava-Litera-Preis ausgezeichnet und beim Jiří-Marek-Preis für den besten tschechischen Kriminalroman lobend erwähnt.

„Er sah ihm direkt in die Augen. Hass bis ins Knochenmark. Merkwürdig, wie für die Deutschen alles Böse erst nach dem Krieg begann. Er war noch nie jemanden begegnet, der darüber sprechen wollte, was davor gewesen ist.“

„An der Moldauquelle“ kann nicht nur als fesselnder wie vielschichtiger Kriminalroman mit historischem Hintergrund gelesen werden. Das Buch enthält einer Matroschka gleich in der großen Puppe eine kleinere versteckt: eben jenen historischen Hintergrund, der schon für sich das Potenzial hat zu einer eigenständigen Geschichte, in der die Tschechin von Vertreibung und unfassbare Verbrechen, aber auch von Verlust und Trauer, Schuld, Verrat und Täuschung anhand realer Ereignisse erzählt.

Es ist ein sehr düsterer Roman, in dem kein Platz für Versöhnung ist. Lesende, die auf wenigstens eine sympathisch wirkende Figur hoffen, werden wohl mit Klabouchovás Buch nicht so sehr warm beziehungsweise enttäuscht werden. Dass es nun im Zuge der diesjährigen Frankfurter Buchmesse mit Tschechien als Gastland mit wenigen Jahren Abstand in einer deutschen Ausgabe zu entdecken gibt, ist nicht nur ein Geschenk für den Leser, sondern auch eine verdiente Würdigung.


Petra Klabouchová: „An der Moldauquelle“, erschienen im Morio Verlag, in der Übersetzung aus dem Tschechischen von Christina Frankenberg; 352 Seiten, 24 Euro

Bild von Eva Langrová auf Pixabay

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