„Trauer durchfuhr ihn in Dunkelgeschwindigkeit.“
Es ist eine ruhige Gegend. Wenige Menschen leben hier. Die Polizei hat in Sachen Gewaltverbrechen wenig zu tun. Doch dann werden Kommissar Björling und sein jüngerer Kollege Håkansson in ein Waldstück gerufen. In einem Fluss liegt die furchtbar zugerichtete Leiche einer jungen, noch unbekannten Frau. Ihr Körper ist ausgemergelt und mit Hämatomen übersät, der Kopf rasiert. Noch kann Björling nicht ahnen, dass dieser Fall ihn an die Grenzen bringen und sein Leben für immer verändern wird.
Schwedischer Krimipreis
Der Schwede Carl-Johan Vallgren führt in seinem Kriminalroman in das Jahr 1993 und nach Falkenberg, eine Kleinstadt in der Grenzregion zwischen Småland und Halland im Süden des Landes. Letztere ist ein wenig bekannt geworden durch die Krimis von Vallgrens sehr erfolgreichen Landsmann Christoffer Carlsson. Und vielleicht ist dem einen oder anderen der Name Vallgren nicht ganz unbekannt. Für seinen Roman „Geschichte einer ungeheuerlichen Liebe“ erhielt er 2002 den August-Preis, den renommiertesten Literaturpreis Schwedens. In den vergangenen Jahren schrieb er an der Krimireihe um Ermittler Danny Katz und Staatsanwältin Eva Westin. Für „Deine Zeit wird kommen“ – außerhalb diese Reihe – heimste er den Schwedischen Krimipreis ein. Man kann also sicher sein, nicht irgendein Krimi in der Hand zu halten.

Lange tappt die Polizei bei ihren Ermittlungen nach dem Täter im Dunkeln, schon allein die Suche nach der Identität der toten Frau erweist sich als schwierig. Der Kommissar ist sich sicher, dass das Opfer eine lange Zeit irgendwo gefangen gehalten wurde. Die Suche nach dem Gefängnis ist ob der menschenleere Weite des Landes nahezu aussichtlos. Björling holt sich schließlich Hilfe an seine Seite: Johanna von der Rikskrim, eine Ermittlerin mit besonderer Ausbildung, gesellt sich zur Ermittlergruppe. Ihr Äußeres ist speziell, ihre Lebensgeschichte nicht minder. Sie stammt aus Falkenberg – und aus einem prekären familiären Umfeld. Schuldgefühle treiben sie um.
Es ist nicht die einzige Nebengeschichte, die Vallgren mit dem Blick aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Im Mittelpunkt steht Björlings Trauer um seine an Krebs verstorbene Frau Maria. Mit ihr und der gemeinsamen Tochter Malin war er vor wenigen Jahren von Göteborg, wo er im Dezernat für Gewaltverbrechen tätig war, in die Heimat gezogen. Im Verlauf der Ermittlungen erscheint ihm Maria geisterhaft. Sie bittet ihn, auf Malin aufzupassen, die allerdings wenig später von einem heimlichen Campingausflug mit ihrem Freund nicht zurückkehrt. Für Björling bricht eine Welt zusammen. Die Zeit vergeht, und von Malin fehlt jede Spur.
Über Trauer und Verlust
Viele hadern damit, wenn in Krimis das Privatleben der Ermittler allzu breit ausgestaltet wird. Ich sehe das allerdings etwas anders. Auch ein Kommissar ist ein Mensch. Mit Stärken und Schwächen, besonderen Eigenheiten, mit einem Privatleben. Und selten habe ich einen Kriminalroman gelesen, in dem mir ein Polizist und seine Schicksalsschläge so nahe gekommen sind. Ohne dass die Spannung des Romans darunter leidet.
„Erbe und Milieu, dachte sie, die unerbittlichen Begleiter der Menschheit.“
Vallgren gelingt es meisterhaft, in seinem Roman eindrücklich über Trauer und Verlust zu schreiben und gleichzeitig einen Krimi-Plot mit all seinen Wendungen und Überraschungen aufzubauen. Es wird dauern, bis die Polizei wirklich eine heiße Spur verfolgt. Bis dahin vergehen Wochen und Monate, ist aus Björling ein anderer geworden, der sich in eine verlassene Hütte zurückgezogen hat und sich mit einem Hund tröstet, der ihm Gesellschaft leistet. Johanna hat die Provinz mittlerweile verlassen und ist wieder nach Stockholm gegangen. Ein einstiger Fall aus den 70er-Jahren bildet letztlich eine Brücke zur Lösung des Falls.
„Die Zeit nutzte alles ab. Die Erinnerungen wurden immer unschärfer, bald würde nichts mehr übrig sein. Nicht in der Erde wurden Menschen begraben, sondern in der Zeit.“
Neben der Hingabe zu den Figuren, die fast gänzlich von dunklen Familienepisoden verfolgt, von verschiedenartigen Schicksalsschlägen getroffen sind, überzeugt Vallgrens düsterer Pageturner auch in anderer Hinsicht: „Deine Zeit wird kommen“ ist im weiten Feld der Krimi- und Thriller-Literatur sprachlich wohltuend anders, herausragend – sowohl in der Schilderung von Gefühlen und Gedanken als auch in der detail- wie bildhaften Beschreibung der Landschaft samt ihrer mannigfaltigen Elemente – inklusive zahlreicher Pflanzenarten.
„Deine Zeit wird kommen“ ist ein meisterhafter weil packender wie gedankenreicher Thriller, von dem man nicht lassen kann und der einen emotional sehr bewegt. Es ist letztlich ein Buch über die Opfer, ihre Schmerzen und ihr Leiden, nicht so sehr über die Täter, die eher im Hintergrund in der zweiten Reihe stehen. Und trotz der ganzen Traurigkeit und Düsternis hofft man, da kommt noch mehr. Denn Björling und Johanna sind markante Figuren, die man so schnell nicht loslassen möchte.
Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „Buch-Haltung“.
Carl-Johan Vallgren: „Deine Zeit wird kommen“, erschienen im Suhrkamp Verlag, in der Übersetzung aus dem Schwedischen von Hanna Granz; 352 Seiten, 18 Euro
Foto von Oleh Holodyshyn auf Unsplash

