Anna Gmeyner – „Café du Dôme“

„Wir sind die verlorene Generation. Wir werden nur Wurzeln unter der Erde finden.“

Sie sind Gestrandete ohne Aussicht auf eine baldige Rückkehr. Ihr Heimatland hat sich nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in eine menschenfeindliche Diktatur verwandelt. Wie für viele andere wird Paris für Nadia und Peter Schumacher zum Zufluchtsort. Ihre Geschichte und die anderer Protagonisten fiel nahezu der Vergessenheit anheim. Nun kann der großartige Exil-Roman „Café du Dôme“ der österreichisch-britischen Autor Anna Gmeyner dank einer Neuausgabe wiederentdeckt werden.

Beziehungen der Exilanten

Mit dieser Lektüre kommen Erinnerungen an eine ähnliche Wiederentdeckung der letzten Zeit: Iwan Heilbuts Roman „Zugvögel“, der in Teilen ebenfalls in Paris angesiedelt ist und die Geschichte eines jüdischen Ehepaars erzählt. Während dort vor allem die existenzielle Not der Familie und die Angst vor dem Ergreifen nach dem Einmarsch der Wehrmacht im Mittelpunkt steht, werden in Gmeyners Roman vor allem die Beziehungen der Exilanten untereinander beleuchtet. Wie stehen sie zueinander, wer ist Freund, wer aber auch Feind.

Die Handlung spielt binnen eines Jahres – die Feiern zum französischen Nationalfeiertag am 14. Juli 1936 und 1937 bilden eine Klammer. Nadia hofft auf die Entlassung ihres Mannes Peter, der als Kommunist in Dachau inhaftiert ist. Sie sucht nach Unterstützern, führt Gespräche mit einflussreichen Personen, unter anderem mit dem Botschafter Bertrand, um ihren Mann aus der Haft zu holen. Im Café du Dôme, einst 1898 im Viertel Montparnasse eröffnet und beliebter Treffpunkt der Künstlerszene, später auch der Exilanten mit den unterschiedlichsten Lebensläufen, lernt sie inmitten der bunten Schar Martin, einen Kamerad Peters, kennen.

Beide fühlen sich zueinander hingezogen. Als Peter aus dem KZ entlassen wird, bemerkt Nadia, dass er ein anderer geworden ist. Beide werden sich zunehmend fremd, Spannungen entstehen, die Ehe bekommt Risse. Nadia geht auf Abstand. Mit ihrer Freundin Irene, die zwischen Frankreich und Spanien, wo der blutige Bürgerkrieg seinen Anfang nimmt, pendelt, verbringt sie einige Zeit in Nizza. Im Netzwerk der Widerständler geht schließlich das Gerücht herum, dass Peter für die Gestapo arbeitet…

„Die Häuser schienen bloße unbeseelte Hüllen zu sein. Was auch immer in Paris sich bewegte und atmete, war auf der Straße, saß vor den Häusern, spielte, sprang herum, küsste oder tratschte, je nach Alter und Geschmack.“

Um dieses Paar herum stellt die Autorin eine ganze Reihe Nebenfiguren auf. Wie der Philosophie-Professor Glebov, für den Nadia arbeitet, die Familie Schlesinger, deren Töchtern Nadia Nachhilfe gibt, oder auch Pierre, ein charismatischer junger Mann, der wie so einigen Figuren ein trauriges Ende erwartet. Mit Wolfgang Brandt taucht plötzlich auch ein früherer Kommilitone Nadias auf, der Hitler verehrt hat, aber die Seiten wechselte. Durch die Frage nach Peters wahrer Identität und die Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Protagonisten mit ihren unterschiedlichen Haltungen bekommt der Roman eine untergründige Spannung.

Café du Dôme (Foto: Joehawayek/Wikipedia)

Neben der wechselvollen Handlung und dem vielfältigen Figurenensemble überzeugt „Café du Dôme“ vor allem sprachlich. Eindrucksvoll, wie detailliert Gmeyner die Metropole mit ihren Straßen und Plätzen und Stimmungen sowie das Äußere der handelnden Personen beschreibt. Ihre geschliffenen und gedankenreichen Dialoge lassen mehrfach an Theaterstücke denken. Der Roman sollte eine Inszenierung erleben, auf die Bühnen geholt werden, ist doch das Buch ein Zeitdokument mit Bezügen zum Jetzt.

„In jeder Geste, jedem Atemzug lag Furcht, die Sehnsucht, der Qual und der Leere der Hölle zu entkommen.“

Gmeyner, 1902 in Wien als Tochter einer jüdischen Familie geboren, hat als Dramaturgin für den bekannten Theaterintendanten und Regisseur Erwin Piscator (1893-1966) gearbeitet. Ihre ersten Texte waren Bühnenstücke. Sie hielt sich in Paris auf, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Ihre Werke wurden 1933 verboten. Etwa zwei Jahre später zog sie nach London und heiratete dort den russischstämmigen Religionsphilosophen Jascha Morduch. Nie wieder zog sie nach Deutschland zurück. 1991 starb die Autorin in York. Ihre Tochter aus erster Ehe machte sich als Eva Ibbotson als Kinderbuch-Autorin einen Namen. Bekannt wurde Gmeyner zuletzt mit der Wiederentdeckung ihres Romans „Manja“, der, 2014 bei Aufbau erschienen, von fünf Kindern aus unterschiedlichen Familien in den 20er- und 30-Jahre handelt.

Deutsche Originalfassung seit 1940 verschollen

Das Originalmanuskript des Buches sollte wie „Manja“ ursprünglich im Amsterdamer Exilverlag Querido erscheinen. Doch am 10. Mai 1940 marschierte die deutsche Wehrmacht in die Niederlande ein. Der Verlag wurde geschlossen. Lagerbestände wurden konfisziert, Druckplatten und Fahnen zerstört. Die deutsche Fassung von „Café du Dôme“ gilt seither als verschollen, nur die englische Übersetzung blieb erhalten. Sie erschien 1941 bei Hamish Hamilton, London, und bildete die Basis für den editierten Band der Reihe „Exil-Dokumente (Band 9, 2006) und für die nunmehr aktuelle Ausgabe, wie Herausgeber und Übersetzer Armin Strohmeyr in seinem Nachwort schreibt.

Erlebt jetzt nach „Manja“ und „Café du Dôme“ die Rückbesinnung auf Gmeyner ein weiteres Kapitel? Es wäre zu wünschen. Denn es gibt wohl noch einiges von ihr zu entdecken. Und wer weiß, welche Perle der Exil-Literatur demnächst noch ans Tageslicht kommt.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „literaturleuchtet“.


Anna Gmeyner: „Café du Dôme“, erschienen im Verlag ebersbach & simon, herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Armin Strohmeyr, 400 Seiten, 26 Euro

Foto von Rohit Gupta auf Unsplash

Ein Kommentar zu „Anna Gmeyner – „Café du Dôme““

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