Alice Horáčková – „Geteiltes Haus“

„Weißt du, man hat immer eine Wahl.“

Benetzko – im malerischen Riesengebirge gelegen. Nur wenige Seelen, Deutsche wie Tschechen, leben hier in der Grenzregion. Aus nachbarschaftlicher Verbundenheit wird mit der Zeit indes erbitterte Feindschaft, nachdem die Deutschen im Herbst 1938 in das Sudetenland einmarschieren. Zahlreiche Einwohner werden die kommenden dunklen Jahre nicht überstehen beziehungsweise von ihnen für immer gezeichnet sein – egal auf welcher Seite sie sich stellen, zu welcher Identität sie sich bekennen.

Deutsch und tschechisch – Zwei Familien im Fokus

Dabei beginnt der dickleibige Wälzer namens „Geteiltes Haus“ von Alice Horáčková fast wie ein idyllischer Heimatroman, der in der Zeit ansetzt, als die Region noch zur K und K-Monarchie, zum Großreich Österreich-Ungarn, zählt. Die tschechische Autorin stellt auf den ersten Seiten den Ort und seine Menschen nach und nach vor, ein umfangreiches Ensemble – dankenswerterweise gibt es ein Personenverzeichnis – wird sie im Laufe der Handlung aufbauen, die vor allem um zwei Familien kreist: die deutschen Hollmanns und die tschechischen Honcůs, die mit der Zeit mehr oder weniger verbandelt sind.

Alles beginnt mit Zdenkas tragischer Geburt, die ihre Mutter nicht überleben wird. Zdenka wird später Hans Hollmann lieben, aber dessen Bruder Vinzenz heiraten, mit ihm zwei Kinder großziehen. Ihre beste Freundin Anežka wird indes Hans ehelichen, der als umtriebiger wie skrupelloser Textilfabrikant zu einigem Vermögen kommt, schließlich sich auch an jüdischen Bewohnern bereichert. Beide Frauen werden keine erfüllte Ehe erfahren und sich nie aus den Augen verlieren.

Mehrere politische Systeme werden das Zusammenleben beeinflussen, der Roman reicht von der Jahrhundertwende bis in die Nachkriegszeit, als schließlich die Dritte Republik begründet wird und drei Millionen Sudetendeutsche vertrieben werden, von denen sich viele in Bayern niederlassen. Dazwischen liegen zwei verheerende Weltkriege und einige Jahre Frieden, die nicht unbedingt nur friedlich sind. Das Dorf war eine gewisse Zeit geteilt, um letztlich vom Dritten Reich komplett einverleibt zu werden.

„Der Krieg beraubte alle, sogar den lieben Gott, dachte Zdenka, während sie dabei zusah, wie oben im Oberstepanitzer Kirchturm Zimmerleute mit Seilen, Balken und Rollen hantierten. Sie waren gekommen, um die größte Kirchenglocke, den Schutzengel, zu holen.“

In meist kurzen Kapiteln – reich bestückt mit lebendigen Dialogen – erzählt die Autorin vom Alltagsleben, von der Arbeit, von der Freude am Skifahren und von illegaler Wilderei, von Liebe und Hass, von Treue, Untreue und Denunziation, von Zwistigkeiten und Schicksalsschlägen sowie letztlich von den großen Lebensereignissen von der Geburt bis zur Beerdigung. Gasthaus, Fabrik, Schule, Friedhof, der Sitz der Gemeinde – das sind die maßgeblichen Orte des Dorfes. Trotz zahlreicher Hauptfiguren verliert die Autorin keine aus den Augen. Horáčkovás Roman ist eindrucksvoll konstruiert. Doch nicht nur diese intelligente, Spannung erzeugende Struktur lässt den Leser das Buch nicht aus der Hand legen.

Berührende Schicksale

Es sind auch die Menschen mit den unterschiedlichen Lebensläufen und Charakteren, deren Schicksale berühren. Wie das des Dorflehrers und Ortschronisten Alois Tomek, der verhaftet wird und ins Zuchthaus kommt. Wie das von Jirina, Enkelin des jüdischen Fabrikanten Leopold Steiner, die als Zwangsarbeiterin schuftet und ihren kleinen Sohn Karel beschützt. Entsetzen entsteht hingegen, wenn man von Hans Hollmanns Kontakten zu NS-Größen wie Heydrich und Himmler liest oder von überzeugten Nazis, die nach Kriegsende nicht zur Rechenschaft gezogen worden sind, ihr Leben weiterleben konnten, ohne jemals etwas bereut zu haben.

Es sind dabei vor allem die Frauen, die gegen Unmenschlichkeit aufbegehren, im Hintergrund die Fäden still und leise ziehen, um die Kinder zu beschützen und die Familien so gut es geht zusammenzuhalten. Aber auch die jungen Menschen wie Arnost, Zdenkas Sohn, der sich dem Dienst an der Front verweigert und als Postbote Todesnachrichten und Blechschachteln mit den letzten Überreste überbringt. An mehreren Personen stellt Horáčková den Wahn dar, für Hitlers Ziele zu kämpfen – selbst noch nach dem Zusammenbruch des Regimes.

„Man sollte sein Glück nicht auf dem Unglück anderer errichten.“

Der Roman basiert auf der eigenen Familiengeschichte der Autorin und ihrer intensiven Recherche, die vor allem auch Privatarchive mit ihren Dokumenten und Fotos zum Ziel hatte. Zahlreichen Unterstützern dankt sie deshalb am Ende des Buches und nennt zudem große Archive als Quelle, darunter das tschechische Nationalarchiv und einzelne regionale Sammlungen. Horáčková, 1980 in Prag geboren, studierte Sozialwissenschaften an der Karls-Universität. Ihr erstes Buch über die Beatdichterin Vladimíra Čerepková (Argo, 2014) wurde für den Josef-Škvorecký-Preis und den Magnesia Litera 2014 für die Entdeckung des Jahres nominiert. „Geteiltes Haus“ ist ihr zweites belletristisches Buch und das erste, das auf Deutsch erscheint.

Mitläufer, Täter oder Opfer?

„Geteiltes Haus“ ist ein großartiger Roman, vielschichtig wie ergreifend, über die Menschen und ihre Leben – mitgerissen von den großen dramatischen Ereignissen ihrer Zeit. Er hinterfragt, wie Menschen sich verhalten: Sind sie Mitläufer, Täter oder Opfer? Was setzen sie einem unmenschlichen System entgegen? Die Autorin erzählt, ohne zu werten, lässt darüber hinaus noch einen feinen Humor mitschwingen, der nicht verlacht oder demütigt. Die Aufgabe der moralischen Einordnung obliegt dem Lesenden, der ein opulentes Panorama dieser aufwühlenden Zeit innerhalb des 20. Jahrhunderts verdauen muss. So wirkt der Roman lange nach.


Alice Horáčková: „Geteiltes Haus“, erschienen im Diogenes Verlag, in der Übersetzung aus dem Tschechischen von Sophia Marzolff; 880 Seiten, 28 Euro

Bild von Mirosław i Joanna Bucholc auf Pixabay

Ein Kommentar zu „Alice Horáčková – „Geteiltes Haus““

  1. Vielen Dank für die Rezension, Constanze. Da mich nach langer Leseblockade das bibliophile Fieber jetzt wieder voll in seinen Fängen hat, kommt dieser Titel doch gleich auf den Merkzettel! :-)

    Hab noch einen schönen Sonntagabend. LG aus der kriminellen Gasse

    Stefan

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