Zuflucht und Zuhause – Bettina Baltschev „Hölle und Paradies“

„Es klingt fast, als lasse man sich auch im Exil die gute Laune nicht verderben, doch wie viel davon ist Fassade?“ 

Die Reihe der Romane im Anhang des Buches erinnert an eine Lektüre-Liste aus dem Germanistik-Studium, vielleicht aus einem Seminar zur deutschen Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Große Namen werden aufgezählt: Joseph Roth, Klaus Mann, Irmgard Keun, Lion Feuchtwanger, Jakob Wassermann, Arnold Zweig, Alfred Döblin. Sie alle haben nach Hitlers Machtergreifung im Jahr 1933 Deutschland verlassen. Überall auf der Welt verstreut, haben ihre Bücher indes ein gemeinsames Zuhause gefunden: den in Amsterdam ansässigen Querido Verlag, dessen Geschichte und Verdienste Bettina Baltschev in ihrem Band „Hölle und Paradies. Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur“ erzählt.

Und es ist kein Wunder, dass im Titel des Bandes der Name der Stadt zuerst genannt wird. Die Autorin und Journalistin begibt sich vor Ort auf die Spuren des Verlages und der Literatur, besucht auch all jene Schauplätze, die als Schwarz.Weiß-Fotografien Eingang gefunden haben. Einen Stadtplan benötigt Baltschev damals wie heute wohl nicht: Sie kennt sich in der niederländischen Hauptstadt aus. Nach Leipzig, wo sie studierte und arbeitet, ist die für ihre Grachten, die zahlreichen Radler und die reiche Museumslandschaft berühmte Stadt zur zweiten Heimat geworden. Ihre Hingabe für Amsterdam zeigt sich in ihrem konzentrierten Blick für Details und Stimmungen und ihr Vermögen unterschiedliche Zeitebenen auf faszinierende Weise zu verweben. Eine besondere Methode, die an die Werke des niederländischen Autors und Publizisten Gert Maak („In Europa“, „Amerika“, „Das Jahrhundert meines Vaters“) erinnert.

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Baltschevs Zeitreise nun führt in die 30er und 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Um über die Entwicklung der Stadt, den Bau prägender Gebäude sowie die Herkunft und das Leben des Verlagsgründers, Emanuel Querido, zu erzählen, geht es in der Geschichte allerdings noch etwas weiter zurück. Querido (1871 – 1943) entstammte einer jüdischen Familie, die einst von der iberischen Halbinsel geflohen war. Als junger Mann hangelt er sich von Job zu Job, bis er 1915 eine Verlagsgesellschaft gründet, die in der Folgezeit äußerst erfolgreich wird. Ihren fast legendären Ruf erhält sie dank des deutschen Verlegers Fritz Landshoff (1901 – 1988), der nach seiner Flucht aus Deutschland im Querido Verlag einen Ableger für Exilliteratur begründet und dank seiner Kontakte aufbaut. Dieser wird in den kommenden Jahren zu einem Zuhause für zahlreiche Werke deutscher Emigranten. Einige leben zudem zeitweilig in Amsterdam, wie Klaus Mann, Joseph Roth, Irmgard Keun. Ein Netzwerk aus Autoren, eine rege literarische Szene aus den unterschiedlichsten Typen und Charakteren entsteht, Cafés, Theater und Konzertsaal sowie der Strand von Zandvoort werden zu beliebten Treffpunkten.

Doch das Glück, in den Niederlanden Zuflucht gefunden zu haben, ist nur von kurzer Dauer. Noch bevor die deutsche Wehrmacht am 10. Mai 1940 in das Nachbarland einmarschiert, herrscht eine angespannte Stimmung. Die Geflüchteten werden von der hiesigen Bevölkerung oftmals mit Argwohn betrachtet, obwohl das Land sich selbst als liberal betrachtet. Die Zahl der Emigranten steigt, die Wirtschaft steckt in einer Krise. Die Forderung nach einem Limit, gar die Schließung der Grenze, Flüchtlingscamps – einiges erinnert an die aktuelle Zeit und heutige politische Debatten. Es liegt sehr viel Tragik in dieser großen Geschichte und den vielen Lebensgeschichten: Viele verkraften die Heimatlosigkeit, den Verlust der Leserschaft und die Gefahren für die Welt, die sich mit der Annexion Österreichs ankündigen, nicht. Einige begehen Selbstmord, andere trinken sich zu Tode. Der Verleger Querido und andere Literaten werden in die Konzentrationslager verschleppt. Querido stirbt mit seiner Frau Jane im Juli 1943 im Vernichtungslager Sobibor. Landshoff schafft indes den Sprung über England und den großen Teich in die USA.

„Und so ist Amsterdam vor allem Durchgangsstation, ein Ort, an dem die deutsche Exilgemeinschaft der Dichter und Schriftsteller in wechselnder Besetzung zusammenkommt, sich gegenseitig ermutigt und sich von Fritz Landshoff versichern lässt, dass sie und ihr Werk immer noch von Bedeutung sind. Denn dort, wo sie einst Erfolg feierten, sind sie verbannt, verbrannt, verboten und ihre Aufgaben werden inzwischen von anderen übernommen.“

„Hölle und Paradies“ ist ein faktenreiches und ungemein lebendiges Buch über Verleger sowie Autoren und ihre Werke, in denen sich Zeit, Menschen und Orte wiederfinden. Nicht nur die Stadt Amsterdam erweist sich für Bettina Baltschev als wichtige Quelle für ihre Recherchen. Es sind auch die Romane selbst, in denen von den einstigen Ereignissen berichtet wird. So werden in dem Roman „Die Tochter“ von Bruno Frank die Verlagsräume in der Keizersgracht 333 beschrieben, spiegeln  sich die Gedanken und Gefühle der Exilanten in vielen Werken wieder, so in „Exil“ von Lion Feuchtwanger oder auch im Roman „Kind aller Länder“ von Irmgard Keun, der im Februar dieses Jahres in einer Neuauflage bei Kiepenheuer & Witsch erschienen war. Die Liste ausgewählter Werke im Anhang nennt zudem eine Vielzahl Biografien und Sachliteratur.

Doch der Band ist nicht nur reicht gefüllt mit Personen und Ereignissen der Geschichte, mit Menschen und ihrer Leidenschaft für Bücher. Vielmehr beweist er, dass die Literatur jener Zeit nicht vergessen ist, weiterhin Bedeutung besitzt, eine eindrucksvolle Kraft ausstrahlt. Das belegen nicht nur die Verlage, Buchhandlungen und Antiquariate, welche den Besitz und die Lektüre der in jenen Jahren publizierten Titel noch bis heute möglich machen. Es liegt dabei an uns, dass jene Werke nicht in Vergessenheit geraten. „Hölle und Paradies“ trägt dazu bei, dass der Literatur jener Jahre gedacht wird und vor allem der große Verdienst des Amsterdamer Querido Verlages, den man nicht hoch genug schätzen und würdigen sollte, bekannter wird.

 

„Hölle und Paradies. Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur“ von Bettina Baltschev erschien im Berenberg Verlag; 168 Seiten, 22 Euro

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