Iwan Heilbut – „Zugvögel“

„Werden wir jemals wieder ins Helle kommen?“

Ende Dezember 1940 geht der Autor Iwan Heilbut mit seiner Frau Charlotte und seinem kleinen Sohn Francis in Lissabon an Bord des Schiffes „Serpa Pinto“. Wie viele der Passagiere flüchtet er als Jude vor Krieg und Verfolgung. Am 9. Januar 1941 erreicht er in New York das rettende Ufer. Nach Jahren des Exils und des Lagerlebens. Seine traumatischen Erfahrungen hat er in seinem Roman „Zugvögel“ verarbeitet, das nun nach seiner Wiederentdeckung erstmals in einer deutschen Ausgabe gelesen werden kann.

Anfeindungen vs. Beistand

Aus Iwan und Charlotte werden Edvard und Rahel. Schon vor einigen Jahren sind sie aus Deutschland nach Paris geflohen. Rahel ist schwanger. Das Paar lebt in einer kleinen Wohnung. Mit Kriegsbeginn wandelt sich für Exilanten aus Deutschland jedoch schlagartig das Klima. Sie sind Anfeindungen und Ausgrenzung ausgesetzt. Auch Edvard und Rahel, wenngleich sie von anderen Beistand erfahren wie beispielsweise vom Concierge-Paar des Hauses, den Aubiers. Mit Fortschreiten des Krieges und letztlich den Angriff der Wehrmacht auf Frankreich spitzt sich die Lage zu. Paris wird Ziel von Bombenangriffen.

Die Geburt des Kindes steht an, der kleine Francois, von beiden nur „Môme“, Kleiner, genannt, kommt auf die Welt. Edvard muss trotz aller Bemühungen bei Ämtern und Behörden, trotz aller Beweise für seine Frankreichliebe wie Tausende Exilanten aus Deutschland und Österreich, darunter viele Intellektuelle, aber auch Handwerker, in ein Internierungslager, während Rahel mit dem Kind allein zurückbleibt. Die rettende Flucht in die unbesetzte Zone wird ihnen verwehrt.

Nach einiger Zeit im Buffalo-Stadion am Pariser Stadtrand kommt Edvard in das Lager „La Macabre“, in den auch einige seiner Freunde und Bekannte unter schrecklichen Bedingungen festgehalten werden. Vorbild für den fiktiven Ort war das Camp de la Braconne. Nach der Kapitulation Frankreichs herrscht unter den Internierten die Angst, dass sie den Deutschen übergeben werden. Lichtgestalt und Hoffnungsträger ist für Edvard und Rahel indes indes ihr gemeinsamer Sohn. Wie Heilbut die Zuneigung des Helden zu seinem Kind, das Kind selbst beschreibt, sind unvergleichlich anrührende Passagen.

Ein Netzwerk rettet unzählige Leben

Edvard ist der Ich-Erzähler des Geschehens, das von der Zeit in Paris handelt, später ausführlich vom Lagerleben berichtet. Die ersehnte Entlassung und die spätere Flucht von Frankreich über die Berge der Pyrenäen über Spanien nach Portugal, wo sie das rettende Schiff besteigen, wird eher kurz abgehandelt. Die Schilderungen der lebensbedrohlichen Reise vom Lager nach Marseille erinnert an den unvollendeten und ebenfalls entdeckten Roman „Suite francaise“ von Irene Nemirovsky, die 1942 im KZ Auschwitz ermordet wurde. Wie letztlich die Heilbuts nach Amerika kamen, erzählt Verleger und Publizist Peter Graf in seinem ausführlichen wie erhellenden Nachwort am Ende des Buches.

Die Familie zählt zu jenen gefährdeten Künstlern und Intellektuellen, denen letztlich die Organisation um den US-amerikanischen Journalisten Varian Fry (1907-1967) wohl das Leben rettete. Darunter Berühmtheiten wie Heinrich und Golo Mann, Lion Feuchtwanger, Anna Seghers, Hannah Arendt, Max Ernst und Franz Werfel. Uwe Wittstock hat über das in Marseille angesiedelte Netzwerk ein großartiges Buch mit dem Titel „Marseille 1940“ geschrieben.

„Die Franzosen feiern das Nationale, in dem sie ihre Großen verehren; wenn die Deutschen sich national fühlen wollen, verbrennen sie ihre Kultur.“

Zwischen die Schilderungen des Alltags und der traumatischen Erlebnisse mischen sich ausführliche wie sprachmächtige Beobachtungen und Gedanken, die sich mit dieser furchtbaren Zeit, der nackten Existenzangst sowie den Unterschieden zwischen Frankreich und Deutschland auseinandersetzen, was die Lektüre durchaus herausfordernd werden lässt. Heilbuts seitenstarker Roman mit seinen auch zahlreichen Figuren ist kein Buch zwischendurch. Schon allein auch wegen seines Inhalts, seiner Botschaft und seiner Hintergrundgeschichte, die Graf in seinem Nachwort aufarbeitet und die wieder einmal vor Augen führt, wie literarische Werke trotz ihrer Qualität in Vergessenheit geraten können.

1943 in den USA erschienen

Graf hatte in der Vergangenheit schon einige Schätze heben können – wie Ernst Haffners Roman „Blutsbrüder“ und Ulrich Boschwitz‘ Werk „Der Reisende“, das er im Deutschen Exilarchiv in Frankfurt/Main einst entdeckt hatte. Heilbuts Sohn Francis übergab dem Archiv den Nachlass seines Vaters. Die sehr umfangreiche Sammlung umfasst Korrespondenzen und Lebensdokumente aus den verschiedenen Zeiten sowie Fotografien und Typoskripte seiner Werke, darunter verschiedene Fassungen von „Zugvögel“. Erstmals erschien der Roman 1943 unter dem Titel „Birds Of Passage“ im Verlag Doubleday, Doran and Company. Das Buch wird zu einem großen Erfolg, begleitet von begeisterten Besprechungen in großen amerikanischen Zeitungen und auch dank der Unterstützung Stefan Zweigs.

„Der Trojanische Krieg ging um Troja – dieser Weltkrieg geht um Recht und Entrechtung der Menschheit.“

1950 kehrte Iwan Heilbut nach Deutschland zurück. Nie wieder erlebte er einen ähnlichen literarischen Erfolg. Zunehmend schrieb er für Zeitungen, Zeitschriften und den Rundfunk als Literaturkritiker und Feuilletonist. 1965 erschien sein letztes Buch „Höher als Mauern“ mit Erzählungen. Was sein Werk ausmacht, beschreibt Graf so: „Nicht nur der Dreiklang aus Faktualität, Fiktionalität und Literarizität macht das Schreiben Heilbuts aus, immer wieder verweist ein Text auf einen anderen (…).“ Am 15. April 1972 starb Heilbut im Alter von 73 Jahren bei einem Zwischenaufenthalt in Bonn.

Es stimmt mich immer wieder traurig und nachdenklich, wie große Literatur aus dem Gedächtnis verschwindet. Dass Heilbuts herausragender Exilroman wiederentdeckt werden konnte, ist ein großes Geschenk. Nicht nur für und wegen unsere(r) heutige(n) Zeit, in der die dunkle Vergangenheit wieder spürbarer wird, sondern auch darüber hinaus und ganz allgemein. Dieser Roman, der zugleich ein bedeutsames Zeitzeugnis darstellt, das deutlich vor Augen führt, welche Folgen Hass, Krieg und Menschenfeindlichkeit mit sich bringen, darf nicht mehr vergessen werden.


Iwan Heilbut: „Zugvögel“, erschienen bei Claasen im Ullstein Verlag, editiert, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Peter Graf; 656 Seiten, 28 Euro

Foto von Adlan auf Unsplash

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