Ingeborg Arvola – „Zeit der Wale“

„Wir werden jetzt bestraft, aber sie können uns nicht bis in alle Ewigkeit bestrafen.

Sie sitzt im Gefängnis und ist schwanger. Es gibt nur Wasser und Brot. Eisige Kälte herrscht. Brita Caisa und ihre große Liebe Mikko müssen für ihre Gefühle und den Versuch eines gemeinsamen Lebens fern gesellschaftlicher Normen büßen. „Zeit der Wale“, der zweite Band der Eismeer-Trilogie der norwegischen Autorin Ingeborg Arvola, beginnt im Gefängnis von Vesisaari und spinnt die Geschichte der Frau mit den besonderen Heilkünsten weiter.

Zeitreise ins 19. Jahrhundert

Teil zwei bietet wieder eine faszinierende Zeitreise in die Finnmark, in den äußersten Norden Norwegens, einen Landstrich, der die Menschen angesichts harter Bedingungen vor extreme Herausforderungen stellt. Wir schreiben das Jahr 1862. Norwegen ist da noch kein eigenständiges Land und befindet sich in einer Personalunion mit Schweden. Während zahlreiche Menschen ihre Heimat für ein besseres Leben verlassen und gen Amerika aufbrechen, zog es Brita und Mikko einst aus Finnland an die nordnorwegische Küste. Davon erzählt der Auftaktband „Der Aufbruch“ – auch wie sich beide kennenlernen und verlieben. Obwohl Mikko mit Gretha verheiratet ist und einen eigenen Hof sein eigen nennt, zieht es ihn zu Brita, die bereits Mutter zweier Söhne ist.

Nach der Entlassung aus dem Gefängnis hoffen beide auf ein gutes und sicheres gemeinsames Leben. Die kleine Marja kommt zur Welt. Mikko plant, an der Eismeerküste eine Hütte für seine neue Familie zu errichten. Ein Unterfangen, dem immer wieder Steine in den Weg gelegt werden. Auch von der Obrigkeit. Der Lehnsmann will nicht, dass Mikko auf diesem Land baut. Das Paar ist Anfeindungen ausgesetzt, findet zugleich allerdings auch treue Helferinnen und Helfer. Wie Tante Elsi, die Brita mit den Kindern nach der Haft aufnimmt. Brita und Mikko verdienen sich ihren Lebensunterhalt mit dem Fischfang – er während des Fischens, sie in der Fischfabrik, wo der Fang mühevoll verarbeitet wird. Darüber hinaus kümmert sich Brita im Frühjahr und Sommer um das Kartoffelfeld.

Heldin als Heilerin

Erneut stellt die Autorin die besonderen Fähigkeiten ihrer Heldin in den Mittelpunkt. Brita sieht nicht nur gut aus, sie kann heilen, wird immer wieder gerufen, wenn es Mensch und Tier schlecht geht oder eine Geburt ansteht. Vorbild für die charismatische wie charakterstarke Frau war Arvolas Urururgroßmutter. Die Autorin stammt selbst vom Volk der Kvenen, deren Leben sie in ihrer Trilogie beschreibt, ab. Zahlreiche Kvenen waren ab dem 16. Jahrhundert nach Nordnorwegen gekommen; die meisten im 18. und im 19. Jahrhundert, vor allem in Krisenzeiten wie Hungersnöten. Das Kupferwerk in Alta und das wachsende Fischaufkommen an der Küste, die im Winter dank des Golfstroms eisfrei blieb.

„(…) der Sommer bedeutet nicht nur gutes Wetter und Mitternachtssonne, nicht, wenn es nach dem Meer geht, für das Meer sind wir alle Moltebeeren, die es nur zu pflücken braucht.“

Arvola, 1974 als Tochter der Lyrikerin Liv Lundberg (1944-2022) in Honningsvåg in der Provinz Nordkapp geboren, studierte Theaterwissenschaft und Literaturwissenschaft. Mit „Korellhuset“ erschien 1999 ihr Debüt, das 2002 unter dem Titel „Am Ende der Sehnsucht“ auch ins Deutsche übertragen wurde. Ihr Schaffen ist vielfältig, umfasst neben Romanen auch Bücher für Kinder und Jugendliche, Erzählungen sowie Theaterstücke.

Dritter und letzter Band im Sommer 2027

Die drei Bände der Eismeer-Trilogie erschienen in Norwegen von 2022 bis 2025, der letzte Teil mit dem Titel „Ulvespor“ kam im Herbst vergangenen Jahres heraus, die deutsche Ausgabe ist für Sommer 2027 geplant. Arvola erhielt für Band eins den renommierten Brageprisen und erfuhr in ihrem Heimatland eine riesige positive Resonanz von sowohl Lesern als auch Kritikern.

„Ich kann das in etwas Gutes wenden, denke ich, dieser Hunger, den sie da in sich trägt, wird sie weit bringen, ich werde sie nicht bremsen, nicht aufhalten, sondern ihr lieber zeigen, wonach sie sich strecken kann, sobald sie so weit ist.“

Erneut gelingt der Norwegerin ein vielschichtiges Werk, das sich zahlreichen Themen widmet. „Zeit der Wale“ erzählt erneut sowohl vom beschwerlichen Leben der einfachen Menschen als auch von ihrem Glauben. Neben dem Christentum bekommen dabei alte Mythen ihren Platz. So ist mehrfach vom kleinen Volk die Rede, dem die Menschen kleine Opfergaben bringen. Zwei große historische Ereignisse stellt Arvola darüber hinaus besonders heraus: der Walfang und die zunehmende Entwicklung der Fangtechnik. Ein Thema, für das Norwegen mit seinem kommerziellen Walfang weiterhin heftig kritisiert wird. Bis heute sterben laut der Stiftung Meeresschutz vor der Küste Norwegens jedes Jahr Hunderte Zwergwale.

Hunderttausende zieht es nach Übersee

Zudem erzählt der Band zwei der Trilogie von der Auswanderungswelle in Richtung Übersee. Britas ältester Bruder Pehr besteigt wie Hunderttausende auch mit seiner Familie ein Schiff nach Amerika. Seine Schwester wartet vergeblich auf Post, derweil ihre Hoffnung auf ein gutes sicheres Leben sich erneut zerschlägt.

Wenngleich Band zwei eine etwas ruhige Handlung Szene für Szene entfaltet, trägt die starke Erzählstimme Britas mit einer sehr klaren und einfachen Sprache den Lesenden wieder durch das Geschehen. Erneut webt die Autorin, die für ihr Werk umfangreiche Recherchen betrieben hat, Einsprengsel der finnischen und kvenischen Sprache ein. Neben einer historischen Karte der nordnorwegischen Region enthält der Band auch eine Liste mit finnischen Begriffen. „Zeit der Wale“ öffnet ein Fenster in eine faszinierende Zeit und zu einem speziellen Ort und erzählt ein großes Kapitel norwegischer Geschichte, über das wohl bisher keine Autorin, kein Autor so bildhaft und fesselnd beschrieben hat.


Ingeborg Arvola: „Zeit der Wale“ erschienen im btb Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Katharina Martl; 480 Seiten, 24 Euro

Foto von Felix Rottmann auf Unsplash

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