Freund und Lehrmeister – Filip Florian „Alle Eulen“

„Ich steige von der Wetterstation hinab in die umliegenden Täler, tauche ein in die Wälder, ins Unterholz, und frage die Vögel, die es wissen.“

Sie gelten in den verschiedensten Kulturen als Symbol für Weisheit. Athene, die griechische Göttin der Weisheit, ist auf vielen Abbildungen mit einer Eule zu sehen. Die Vögel der Nacht mit ihrem eindrucksvollen Äußeren sind das Ziel von Luci und Emil. Der elfjährige Junge und der Senior verbindet eine ungewöhnliche Freundschaft. Der rumänische Autor Filip Florian erzählt in seinem Roman „Alle Eulen“, der rund 70 Jahre umspannt,  von den Kriegsjahren bis in die jüngste Vergangenheit reicht, allerdings auch von zwei Leben, die Gemeinsamkeiten aufweisen.

Emil lernt Luci kennen, als dieser gerade windelweich geprügelt wird. Gemeinsam mit Freunden wollte der Junge etwas Geld verdienen, indem sie Wanderer abkassieren, die ihren sicheren Pfad durch den hohen Schnee nutzen wollten; zum Ärger des Mechanikers der Seilbahn. Emil hindert diesen  daran, weiter auf Luci einzuschlagen. Aus einer ersten Begegnung im Winter wird eine Freundschaft über Jahre. Obwohl beide nicht nur der hohe Altersunterschied von nahezu 50 Jahren trennt. Der einstige Ingenieur hat vor seinem Umzug in die Kleinstadt, in der Luci wohnt, in der Großstadt Bukarest gelebt. Zusammen streifen sie in den Sommernächten durch die dichten Wälder der Karpaten auf der Suche nach den Eulen, zu denen sie eine besondere Beziehung aufgenommen haben.

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Während der Ältere im Jüngeren zudem die Leidenschaft für Literatur und Musik weckt, ihm Bücher ausleiht und sie gemeinsam Schallplatten anhören, weiht Luci den Hinzugezogenen in die Biografien der Einwohner ein, plaudert dabei auch so manches peinliche Geheimnis aus. Emil gewährt seinem jüngeren Begleiter indes Einblicke in seine Lebensgeschichte, die er niedergeschrieben hat.

Dies ist der Lebenslauf eines Mannes, dessen Familie von den politischen Veränderungen in Rumänien nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gezeichnet ist. Denn sowohl der Großvater, ein bekannter und erfolgreicher Juwelier, als auch der Vater, vom Beruf Lehrer, werden inhaftiert, verbringen mehrere Jahre in verschiedenen Gefängnissen, kehren später zerrüttet und gebrochen in ihre Heimat zurück. Oft weiß die Familie nicht, wo sich beide Männer aufhalten. Emil schlägt den Berufsweg des Ingenieurs ein, lernt mit Lia seine große Liebe kennen, beide werden Eltern. Doch unter den stetigen Trennungen da Emil auf großen Baustellen des Landes arbeitet, während seine Frau als Ärztin tätig ist, leidet die Ehe, die schließlich ein tragisches Ende findet. Doch auch Lucis junges Leben in der Provinz bleibt nicht frei von traurigen Momenten: Der Vater trinkt und legt sich allzu oft auf die faule Haut, die Mutter arbeitet hart als Putzfrau und Köchin, zum älteren Bruder gibt es kaum eine innige Beziehung. Er geht seinen eigenen Weg, heuert nach dem Wehrdienst auf einem Kreuzfahrtschiff an. Und die Suche nach einer Freundin gestaltet sich für Luci alles andere als einfach.

„In all der Zeit hat Emil mir die Schrecknisse der Welt nie vorenthalten, sondern mich alles auskosten lassen, damit ich selbst erkenne, was sauer, süß oder bitter ist. Es mag allerdings sein, dass er ein Sieb im Brustkorb versteckt hielt, ein kleines wie für Tee, ein  feines Geflecht, das die Dinge zu mir durchließ oder nicht.“

Doch des Jungen Stärke ist nicht nur die Offenheit und der Respekt für das Leben und die Erfahrungen des älteren Freundes, der sich mit der Zeit als wichtiger Lehrmeister erweist. Luci zeichnet neben der Gabe eines konzentrierten Beobachters vor allem sein augenzwinkernder, schelmischer Humor aus, der ihm zugleich Stärke und Lebensfreude verleiht. Genau wie Emil erzählt auch er von seinen Erlebnissen, wenn er mit Freunden in der eindrucksvollen Berglandschaft mit ihren Tälern und Gipfeln, Klüften und Bächen herumstreift, neckische Streiche plant. Sind die Erlebnisse des Jungen wie bei einer Kette eng aufeinandergereiht, blickt der 60-Jährige indes auf die wichtigsten Lebensetappen und einschneidendsten Erfahrungen zurück. Beide erzählen abwechselnd, ihre Berichte fügen sich eng zusammen wie ein geflochtener Zopf. Neben den großen Fragen und Kapiteln des Lebens stellt sich der Alltag. Und neben den Kapiteln zweier Lebensgeschichten und den Rückblick in die wechselvolle Geschichte des Landes setzt Florian die Natur. Sie ist das Reich für den Rückzug, das neben bekannten Zielen Raum für staunenswerte Entdeckungen bietet. Jene Eulen, zu denen Luci und Emil pilgern, verbinden die beiden Freunde als ihr gemeinsames Geheimnis. Sie geben der Lebenserzählung, die Luci später als junger Mann von Emil als Niederschrift erhält, ihren Namen. Welchen Anteil der eine am Leben des anderen hat, wird in dieser letzten berührenden Szene besonders deutlich.

Florian, geboren 1968 in der rumänischen Hauptstadt Bukarest, kam über Umwege, genauer gesagt nach einem Studium der Geophysik und Geologie, zum Schreiben. Für sein Schaffen wurde er bereits mehrfach mit Preisen geehrt. Mit „Alle Eulen“ hat er einen stillen Roman mit großer Ausdruckskraft geschrieben, der ohne Frage den Titel Herzensbuch verdient. Es gibt nur wenige Bücher, die auf so unvergleichliche menschliche Weise Melancholie mit Humor verbinden können, ohne dass der berührende wie tiefgründige Inhalt des Romans an Wirkung verliert.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog von Marina Büttner „literaturleuchtet“.


Filip Florian: „Alle Eulen“, erschienen im Verlag Matthes & Seitz, in der Übersetzung aus dem Rumänischen von Georg Aescht; 213 Seiten, 19,90 Euro

Foto: pixabay