Sonja Sophie Kreis – „Das große Eis“

„Gletscher sind komplizierte Wesen.“

Grönland – größte Insel der Erde, eine kalte, baumlose Welt aus Schnee und Eis. Und seit einiger Zeit angesichts irrwitziger Ansprüche eines US-amerikanischen Despoten häufiger in den Schlagzeilen als jemals zuvor. Selbst Nachrichten zum Klimawandel, vor denen viele die Augen verschließen, geraten da nahezu in Vergessenheit. Grönland ist Sehnsuchtsziel von wohl nur wenigen Menschen. Doch Anna reist in den hohen Norden, um ihrem Bruder ein besonderes Bild zu bringen.

Großen Bruder 40 Jahre nicht gesehen

Anna bildet als Ich-Erzählerin den Dreh- und Angelpunkt des Romandebüts der Schweizer Künstlerin und Autorin Sonja Sophie Kreis. Die Fotografin ist die jüngere Schwester von Alex, der vor einem halben Menschenleben die Schweiz verlassen hat, um in Grönland das Kanu-Bauen zu erlernen. Er kam und blieb dort – Tausende Kilometer von der Familie entfernt. Von den Eltern, von den beiden Schwestern Anna und Moni, die ein Hotel in den Schweizer Bergen führt. Der Kontakt beschränkte sich auf Anrufe, die eine oder andere Weihnachtskarte. Anna hat ihren älteren Bruder 40 Jahre lang nicht gesehen, als sie endlich den Flieger nach Grönland mit einem besonderen Erbstück im Gepäck besteigt.

Die Autorin blickt tief in diese Familiengeschichte, erzählt nicht nur von den drei so verschiedenen Geschwistern, sondern auch von früheren Generationen. Von Mina und Max, Annas Großeltern mütterlicherseits, die auf der deutschen Seite des Bodensees leben, von Annas Eltern Hannah und Paul, die nach der Hochzeit an einem kalten und schneestürmigen Januartag 1951 auf der Schweizer Seite des Sees sesshaft, aber nicht zusammen glücklich werden. Und von Josef, Hannas Großvater, der als Wunderdoktor einen besonderen Ruf pflegt und Paul, den späteren Tierarzt ausbildet. Die Geschichte springt elegant zwischen den verschiedenen Zeiten, die nicht ohne dunkle Jahre und Schicksalsschläge, Bedrohungen und Enttäuschungen bleiben.

Kriegsjahre am Bodensee

Das Geschehen reicht bis in den Zweiten Weltkrieg zurück, in dem Minas Bruder desertiert. Otto, ein befreundeter Maler der Familie, verhilft mit Max‘ Hilfe von den Nazis verfolgten Menschen über den See zur Flucht. Er und ein weiterer Künstler sowie zwei Gemälde, die das Familienleben begleiten, spielen eine nicht ganz unwesentliche Rolle in Kreis‘ Erstling. Große Historie trifft auf das Leben und den normalen Alltag einfacher Menschen. Und es sind oft unspektakuläre Dinge, die das Leben der Figuren beeinflussen: Für Alex ist ein Band über die Endurance-Expedition des britischen Polarforschers Ernest Shackleton ein Schatz, Anna erhält zu ihrem sechsten Geburtstag von ihrem Großvater eine Kamera geschenkt.

„Ich schreibe mit Blick auf die Eisberge, diese Sturzgeburten, geschliffen von Wind und Wetter. Nach ihrer Reise durch den Fjord versammeln sie sich hier vor der Küste, liegen da wie eine wartende Flotte.“

Kreis, geboren 1963 am Bodensee, arbeitet als bildende Künstlerin und lehrt Kunst und Kunstgeschichte. Ihre Arbeit führte sie unter anderem nach San Francisco, Venedig, nach Island und eben auch nach Grönland. Sie hat bisher Erzählungen und Kurzgeschichten veröffentlicht, Mit ihrem Romandebüt, in dem sie ihre eigene Familiengeschichte verarbeitet, ist sie nun für den Schweizer Buchpreis 2026 nominiert – an der Seite von Hayat Erdoğan, Lukas Bärfuss, Yael Inokai und Sarah Elena Müller. Die Preisverleihung findet am 15. November während des Internationalen Literatufestivals in Basel statt.

„Und er sah Schönheit, überall: Spuren von Kufen querten die Risse im Eis, Möwen flogen am Horizont. Als würde die Landschaft neu gezeichnet, direkt vor seinen Augen. Vibrierende Licht. Tanzendes Licht. Man wähnte sich am Ende der Welt.“

„Das große Eis“ fängt einen vor allem mit der poetischen Sprache ein. Es ist ein stiller, aber auch eindringlicher Roman, der seinen ganz eigenen Zauber mit jeder Geschichte seiner Figuren und mit jedem Bild, das die Landschaft so prägnant wie stimmungsvoll einfängt, entwickelt. Statt ihrer vertrauten Kamera, die sie nicht mit nach Grönland nahm, findet Anna in der Sprache ein Mittel, um die Erinnerungen und die besondere Landschaft einzufangen, die nur auf den ersten Blick trostlos erscheint, wenngleich sie auch Herausforderungen und Gefahren birgt. Anna sitzt in Ilulissat wegen eines Sturms fest. Ihr Bruder ist mit Kindern eines Kinderheims auf Schlitten zur Jagd auf das Eis gefahren.

Parallelen zwischen Orten und Zeiten

Nicht nur Freunden weißer Welten wird das Debüt, das ob seiner Erzählkraft, aber auch weißen Flecken im Plot durchaus fülliger hätte ausfallen können, gefallen. Kreis beschreibt überzeugend, wie Menschen eine Leidenschaft für diese auch menschenleeren Welten entwickeln. Aber auch welche Probleme in Grönland bestehen: die hohe Suizidrate, die gefährliche Neigung zum Alkohol, dem auch Paul verfällt. Es gibt immer wieder Parallelen zwischen den beiden doch so verschiedenen Orten und den Zeiten zu entdecken. Die wohl stärkste: Eis, Schnee, Kälte, die diesem Roman mit seiner großen Schönheit eine ganz eigene Stimmung verleihen.


Sonja Sophie Kreis: „Das große Eis“, erschienen bei Rowohlt Berlin; 256 Seiten, 24 Euro

Foto von Visit Greenland auf Unsplash

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