Gesellschaftsinseln – Ulla-Lena Lundberg „Eis“

„Tatzen und Schnauzen, Felle und Pelze, Flüstern und Schreie. Eine Eisente, eine Eiderente, eine Bachstelze, eine Himmelsziege. Ein Flügel streicht über eine Stirn, ein runder Robbenschädel durchstößt die Oberfläche. Ein Lächeln über allem, schnell verschwunden, ebenso schnell wieder da. Ohne zu kategorisieren und zu moralisieren.“

Ihre neue Heimat ist abgelegen, so weit abgelegen, dass sie abseits der bekannten Schiffsrouten auf kaum einer Karte vermerkt ist.  Die Öras, eine Inselgruppe in der Ostsee zwischen Finnland und Schweden, wird das neue Zuhause des Pfarrers Petter Kummel, seiner Frau Mona und der kleinen Tochter Sanna. Es ist für den jungen Mann die erste eigene Pfarrstelle. Doch allen Befürchtungen zum Trotz fühlt sich die kleine Familie von der ersten Minute an, nachdem sie ihre Füße von der Fähre auf das Eiland gesetzt hat, willkommen und pudelwohl. Die Gemeinde kümmert sich rührig um Petter und seine Frau, die sogleich am ersten Tag das Pfarrhaus einrichtet und im Stall die Kühe melkt. 

Die Familie will und muss Selbstversorger sein. Nach dem Krieg sind die Zeiten hart und Lebensmittel rar. Die Einwohner ernähren sich hauptsächlich von der Ernte aus dem weiten Meer. Viele fischen und angeln. Manch einer geht zudem auf Robbenjagd. Und der Norden und das karge Land fernab großer Siedlungen hat andere Gesetze und Gebräuche und manchen Irrglauben. So findet denn auch Post-Anton gleich zu Beginn Eingang in Ulla-Lena Lendbergs Roman „Eis“. Der Fährmann hat das sogenannte „zweite Gesicht“, ahnt voraus, was in Kürze geschehen wird, und erzählt Petter von den mysteriösen Letesgubbar, Gestalten in Leder, die vorm Sturm warnen. Wissen und Gedanken, für die der junge Pfarrer ein offenes Ohr zeigt, obwohl er mit seinem Amt eher ein offizieller Vertreter der evangelischen Religion ist. Doch Petter gelingt es gerade wegen seiner Offenheit und Menschlichkeit, von allen geschätzt und verehrt zu werden – vom Kantor und Küster, die dem Pfarrer zur Seite stehen, über die engagierte Adele, die den Genossenschaftsladen führt, bis zur Hebamme Irina, die einst aus Russland geflohen war und ein trauriges Geheimnis birgt. Mit dem neuen Pastor füllen sich wieder Gottes- und Pfarrhaus, erklingen zu den Gottesdiensten die Choräle in voller Lautstärke. In Frederik Berg, dem Pfarrer der Nachbargemeinde, findet Petter nicht nur einen geschätzten Kollegen, sondern einen guten Freund. Neue Projekte werden angeschoben und verwirklicht – trotz der Befindlichkeiten zwischen den Einwohnern des West- und des Ostteils der Inselgruppe. So soll ein modernes Gesundheitszentrum errichtet und eine Brücke gebaut werden. Die Gemeinde rückt näher. Vor allem im bitterkalten Winter, wenn der Sturm über dem zugefrorenen Meer tost.

„Man sollte ein Leben wie dieses hier führen, ein normales. Für mich ein kostbares.“

Die Zeit könnte sich hier zur Ruhe setzen und im gleichmäßigen Takt fließen. Wenn nicht große und kleine Herausforderungen und Tragödien der Idylle zusetzen. Petter wird getrieben vom kommenden Pastoral-Examen, als kurz zuvor noch eine eher missliebige Person aus der Vergangenheit überraschenderweise bei ihm auftaucht und ihn in Bedrängnis bringt. Ein amerikanisches Schiff kentert in einer stürmischen Nacht, mehrere Seeleute kommen zu Tode. Der Pastor kümmert sich um die ehrenvolle Bestattung eines gefundenen Matrosen. Auch die Beerdigung eines kleinen Mädchens, das nach schwerer Krankheit stirbt, fordert den Gottesglauben heraus.

Ich hatte mich an dieses ruhige Dasein auf den Öras schon gewöhnt und erlebte den oft hektischen, immer jedoch bescheidenen Alltag bei den Kummels. Ich freute mich, als Petter und Mona mit der kleinen Lillus ein zweites Kind bekommen haben, war Gast der großen Feiern bei Kaffee, belegten Broten und Zimtschnecken, genoss diese einmalige Naturlandschaft und bekam Gänsehaut, als Petter und die kleine Sanna gemeinsam Zeugen des Nordlichtes wurden, das ich erst selbst im hohen Norden erleben durfte. Die Jahreszeiten und die Jahre vergehen. Doch dann der große Schock, die größte Tragödie. Wer an jener Stelle nicht unweigerlich zusammenzuckt und verharrt, ist kein Herzensmensch. Ulla-Lena Lundberg lässt den Leser wie dich und mich leiden – nach all den schönen Stunden voller Leben, Menschlichkeit und so viel Humor kommt das unendlich Traurige.

Diese plötzliche Wendung bringt dem vielstimmigen Roman – neben einem allwissenden Erzähler tritt Post-Anton mit seiner Sicht auf die Dinge als Berichterstatter auf – schließlich jene Tiefe, von der bereits zuvor mehrmals zwischen den Zeilen zu lesen ist. Auf den ersten Blick erscheint der immer wiederkehrende Bericht des Alltags und des Gemeindelebens banal und mit dem wunderbaren Humor auch auf eine besondere Art heiter. Doch wir vertrauen der Beständigkeit des Lebens, ohne an dessen Unbeständigkeit zu denken. Nichts ist sicher. Das ist die größte Lektion, die dieser wunderbare, so überhaus menschliche und anrührende Roman, bereit hält. Dass das einfache Leben pure Schönheit offenbart, in den kleinen Dingen großes Glück und Zufriedenheit liegen – das ist die zweite große Erfahrung der Lektüre.

Ulla-Lena Lundberg, 1947 als Finnland-Schwedin geboren, führte mit diesem Buch die Bestseller-Liste ihrer finnischen Heimat an und wurde für dieses Werk mit dem Finlandia-Preis. der höchsten literarischen Auszeichnung ihres Landes, geehrt. Ihr Roman ist ein reiches Geschenk an die Leser, die dieses Buch, die liebevollen Helden, jene einmalige literarische Landschaft und die epische Kraft der Geschichte nicht vergessen werden.

Der Roman „Eis“ von Ulla-Lena Lundberg erschien im mare-Verlag, in der Übersetzung aus dem Schwedischen von Karl-Ludwig Wetzig. 528 Seiten, 24 Euro

4 Comments

  1. Das ist sehr schön und sehr treffen beschrieben. Mir gefiel das Buch auch außerordentlich gut – und obwohl es schon letzten Sommer las, trage ich immer noch sehr viele und sehr intensive Bilder davon in mir.

    Herzliche Grüße

    Sonja

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    1. Vielen Dank, Sonja, für Deinen Kommentar. Das Buch hat einen großen Zauber. Mich fasziniert, wie sie vom einfachen Alltag der Gemeinde und der Familie schreibt, ohne dass Langeweile aufkommt. Dann dieser wunderbare Humor dazu. Die plötzliche Wendung hat mich dann tief getroffen. Ich war wie gelähmt. Viele Grüße

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