Amerika – Philipp Meyer „Der erste Sohn“

„Die Menschen verwandeln Erde zu Sand, Obst zu Dornen. Etwas anderes kriegen wir nicht zustande.“ 

Das Land ist weit und unermesslich reich. Es könnte für viele Menschen Heimat bieten, wo sie in Frieden und Eintracht leben. Doch die Gewalt kennt keine Grenzen. Als Eli im Jahr 1836 geboren und der Staat Texas aus der Taufe gehoben wird, liegen im Grenzgebiet die Siedler mit den Mexikanern und den Indianern im Clinch. Blut fließt auf allen Seiten. Er selbst und sein Bruder werden in jungen Jahren von den Comanchen entführt, während Mutter und Schwester während des Überfalls mehrfach vergewaltigt und schließlich getötet werden. Es ist der Beginn eines Lebens voller Erfolge und Verluste, der Beginn einer Familiendynastie, die in den folgenden Jahrzehnten einen unvergleichlichen Aufstieg erleben wird, und die entscheidende Szene zum Auftakt des Romans „Der erste Sohn“ von Philipp Meyer.

Meyer, 1974 in New York geboren, ist bekannt geworden mit seinem Debüt-Roman „Rost“ (2010), für den er viel Lob erhalten hat und der den Abstieg der amerikanischen Arbeiterklasse beschreibt. In seinem neuesten Werk nun widmet er sich den entscheidenden Jahren Amerikas, wo die Grundlagen gelegt werden, für den Aufstieg der USA.  Und diese sind alles andere als ehrenrührig. Mit der Besiedlung des Kontinents werden die indianischen Ureinwohner systematisch vertrieben, an der Grenze zu Mexiko kommt es zu vielschichtigen Konflikten. Jeder kämpft gegen jeden, um das Land zu verteidigen. Drei Jahre bleibt Eli bei den Indianern, wird Teil des Stammes und trotz seiner Herkunft respektiert, bis eine Pocken-Epidemie den Stamm nahezu vollständig vernichtet. Nach der  Rückkehr zu den Weißen schließt er sich den Ranger-Truppen an, später kämpft er im Bürgerkrieg auf der Seite der Südstaaten. Schließlich legt er den Grundstein für sein Vermögen: mit einer Ranch, auf der nicht nur Rinder gehalten werden, sondern auch Öl gefunden und schließlich gefördert wird. Elis Sohn Peter und seine Ur-Enkelin Jeanne führen das Familienerbe der McCulloughs weiter. Ohne indessen wirklich ein glückliches und erfülltes Leben zu führen, auch wenn das Vermögen wächst, in den späteren Jahren die Herden mit Helikoptern zusammengetrieben werden und die Firmenchefin mit einem Privatjet umherreist.

Erzählt wird die Geschichte, die sich vom Geburtsjahr des Staates Texas 1836 bis in die jüngste Vergangenheit erstreckt, aus der Sicht von Eli, Peter und Jeanne. Sie berichten auf unterschiedliche Weise von ihrem Leben, dem Leben als Mitglied einer einflussreichen und vermögenden Familie. Eli, der von allen ehrfürchtig Colonel genannt wird, begleitet der Leser von der frühesten Jugend bis ins Greisenalter, Peter hat seine Erlebnisse in ein Tagebuch geschrieben, an Jeanne ziehen die Erinnerungen vorbei, als sie im Sterben liegt. Mit Ulises Garcia tritt gegen Ende des Buches ein weiterer Protagonist auf, der im Jahr 2011 sich von Mexiko aus zur McCullough-Ranch aufmacht, um das Familienoberhaupt zu treffen. Denn mit dem jungen Mexikaner kehrt auch ein Stück Vergangenheit zurück und der Kreis schließt sich.

„Die Kriegsseuche war eine Krankheit des weißen Mannes, der weit weg von zu Hause in Heeren kämpfte, für Männer, die er nicht kannte.“

Meyer gelingt es auf eindrucksvolle Art und Weise diese Fäden der Geschichte nicht nur konsequent durch den ganzen Roman zu führen, sondern sie auch so zu verweben, dass die Spannung nie verloren geht. Einmal in diese Familiengeschichte hineingezogen, empfindet man einen ungeheuren Sog und kommt so schnell nicht wieder los. Eindrucksvoll wird nicht nur der Aufstieg der Familie erzählt, Meyer lässt zudem auf atmosphärisch dichte Art das ganze Land mit seiner landschaftlichen Schönheit und seinem unschätzbaren Naturreichtum mit bildhaften Landschaftsbeschreibungen und den vielen Tier- und Pflanzennamen vor den Augen des Lesers entstehen.

Doch auch diese Schätze gehen mit den Jahren und in kürzester Zeit verloren. Bison- und Mustang-Herden verschwinden, mit der Öl-Förderung werden riesige Flächen gerodet. Die Besiedlung und der Reichtum fordern eine Ausbeutung von Mensch und Natur ohnegleichen – dies wird schon im Laufe des Romans deutlich, der keiner für zarte Gemüter ist. Szenen brutalster Gewalt durchziehen das ganze Werk. Ganze Familien werden ausgelöscht – bei den Siedlern, Mexikanern und Indianern, die zu den größten Verlierern zählen, von denen ganze Stämme vernichtet werden. Sowohl mit modernen Waffen als auch durch die Krankheit des weißen Mannes. Es gibt Massaker und Gemetzel, die weder vor Kindern noch vor Frauen und alten Menschen halt machen. Es fließt reichlich Blut, Körper verlieren ihre bekannte Form. Laut Schätzungen sollen die Comanchen 98 Prozent ihrer Bevölkerung bereits in der Hälfte des 19. Jahrhunderts verloren haben, schreibt Meyer in seiner Danksagung am Ende des Buches, das sich mehr durch deutliche Schilderungen, als verschleiernde poetische Beschreibungen auszeichnet. Seinen respektvollen Blick lenkt der Autor vor allem auch auf das einfache, im Einklang mit der Natur geführte Leben der Indianer, das er nach aufwändigen Recherchen lebendig und kenntnisreich schildert.

Einen wirklichen Gewinner gibt es nicht: Selbst die McCulloughs müssen Opfer zahlen. Eli verliert Frau und Sohn, Peters Söhne fallen im Ersten Weltkrieg, Jeannes Brüder im Zweiten Weltkrieg. Reichtum und Ehre scheint wahrlich kein Garant für ein glückliches Leben zu sein. Auch mächtige Dynastien sind der eigenen Historie sowie der markanten Entwicklungen und Ereignisse ausgeliefert. Letztere finden an vielen Stellen Eingang: Von den beiden Weltkriegen, über die Bedeutung der Öl-Vorkommen im Nahen Osten bis hin zur Krankheit AIDS schreibt sich die Zeit in die Familiengeschichte. Deutlich herausgearbeitet hat Meyer auch die Rolle des Öls als Treibstoff des modernen Lebens, Rassismus und Menschenhass sowie die mit Klischees bestückte Geringschätzung der Frau, unter der vor allem Jeanne leidet. Immer wieder zeigen sich schwerwiegende Konflikte zwischen den Generationen. Nur Peter widersetzt sich schließlich der Familie-Bande – der Liebe zu einer Mexikanerin willen.

Am Ende bleibt ein nachdenklicher Leser zurück, der erschüttert ist von dieser breiten Spur der Gewalt, die sich durch die Anfangsjahre einer Nation zieht. Das riesige und kaum zu fassende Ausmaß des Leidens von unzähligen Menschen und die unwiderrufliche Vernichtung von Naturschätzen – es wird in diesem großartigen Familienepos sichtbar. Gerade darin liegt der Erfolg und wertvolle Beitrag dieses Buches, bei dem man jedoch auch hofft, dass es nicht nur gelesen wird, um sich an Gewalt und allzu deutlichen Sex-Szenen zu ergötzen, sondern dass es vielmehr mit seinem kritischen Blick in die Vergangenheit eine Lehre vermittelt. Mit seinem Roman zählte der Amerikaner zu den Finalisten des renommierten Pulitzer-Preises. Ohne Frage eine verdiente Ehre.

Der Roman „Der erste Sohn“ von Philipp Meyer erschien im Knaus-Verlag, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Hans M. Herzog 608 Seiten, 24,99 Euro