Der Grenzgänger – Thomas Brasch „Die nennen das Schrei. Gesammelte Gedichte“

Naumburg hat Eingang auf Seite 676 gefunden. „Weil ich das Eigene verloren habe“ heißt das Werk. 18 Zeilen voller Furcht und seelischem Schmerz. Keine guten Erinnerungen sind es wohl, die der Dichter, Dramatiker und Regisseur Thomas Brasch (1945-2001) von der Domstadt besaß. Der kurze Text aus dem Nachlass des 2001 verstorbenen Künstlers, vermutlich in den 80er Jahren verfasst, zählt zu den gesammelten Gedichten, die als Band mit dem Titel „Die nennen das Schrei“ nun in einer limitierten Sonderausgabe vom Suhrkamp-Verlag veröffentlicht wurde. 

Von einem Internat ist da die Rede und einem Weg, „der mich wegtrieb“, schreibt Brasch. Die Naumburger Jahre sind eine bekannte Episode im Leben des Dichters und kann unter anderem auch in dem Schlüssel-Roman „Die Kinder der preußischen Wüste“ von Braschs Freund Klaus Pohl nachgelesen werden. Von 1956 bis 1960 besucht er als Schüler die Kadettenanstalt der Nationalen Volksarmee. Elfjährig und gerade mal 1,49 Meter groß lässt er die Familie hinter sich und tauscht die Kinderkleidung gegen die Uniform ein. Notgedrungen, auf Wunsch des Vaters. Die vier Jahre werden die prägendste Zeit. Das Schreiben wird Flucht und Hoffnung zugleich. Er glaubt, dass sie ihn dafür rauswerfen, aus der Schule „mit der hohen Mauer und den Wachposten“, wie er in einem Interview später berichten wird. Erst mit der Auflösung des Elite-Internats wird Brasch „entlassen“. Das Schreiben bleibt. Für den Rest des allzu kurzen Lebens.

„Als meine Mutter meine Hand nahm im Auto am Tag bevor ich ins Internat abfuhr und ich wußte im gleichen Moment, daß ich in einen Weg einbog, der mich wegtrieb und wollte zurück aber da ging es nicht mehr“

Auch sein Rebellentum und die Kritik am undemokratischen System verschwinden über die Jahre nicht. Er überwindet Hürden und Grenzen. 1976 schließlich die der DDR. Nachdem er in diesem Land Verbote und eine Haft erlebt hat. Auch die aktuelle Gesamtausgabe „Die nennen das Schrei“ belegt, dass Brasch ein Grenzgänger ist, in keinem festen Genre verortet werden kann, bekannte Gattungen vermischt. Der Band vereint alle lyrischen Werke aus dem 40 Jahre währenden Schaffen Braschs – die bekannten und veröffentlichten sowie die bisher noch unveröffentlichten, aus dem Nachlass nun posthum herausgegeben. Der Leser kann sich sowohl in die einzige DDR-Ausgabe, in der Reihe „Poesiealbum“ erschienen (1975) als auch in den längst vergriffenen Band „Kargo 32. Versuch auf einem untergehenden Schiff aus der eigenen Haut zu kommen“ (1977) vertiefen. Auch die beiden zu Lebzeiten erschienenen Gedicht-Bände „Der schöne 27. September“ (1980) und „zwei offne Fenster ODER ein liebes Paar“ (1990) fanden Eingang.

Kadette

Die Kadette in Naumburg, 1900 als kaiserliche Kadettenanstalt eingeweiht, ist heute Sitz einer Außenstelle des Bundessprachenamtes sowie einer Bundeswehr-Fachschule.

Grenzenlos erscheint auch die Themenwelt. Brasch schreibt über das Leben in der DDR, wo die Politik den Alltag bestimmt hat. Oft sind da ein Eingesperrt- und Ausgeliefertsein zu spüren. Es finden sich Verweise auf den Bauernkrieg, die verschiedenen Gesellschaftsklassen, das schwierige Verhältnis zwischen Arbeitern und Intellektuellen. Das Stadtleben, die Liebe, Beziehungen und Trennungen, das Menschsein, der Tod – auch darüber schreibt Brasch. Oft in freien Versen, ohne Reim und Rhythmus, manchmal zeigen sich seine Gedichte auch als dramatische Szenen in Dialogform oder als kurze Prosa-Stücke. An vielen Stellen finden sich Verweise auf schreibende Kollegen der Weltliteratur, so Goethe, Heine, Brecht, oder Anspielungen auf bekannte Kinderverse und Märchen sowie auf Helden der Zeit von Jimi Hendrix bis Che Guevara.


Der Band ist mit über 1 000 Seiten ein dicker Wälzer. Einen großen Teil nehmen Hinweise zu den Gedichten, biografische sowie bibliografische Notizen ein. Eine solche Sammlung ist mit sehr viel Aufwand, mit einer akribischen Suche, Forschungsarbeit und Aufbereitung verbunden. Ein Engagement, das sehr viel Respekt erhalten sollte. Die Herausgeber Martina Hanf und Kristin Schulz haben einen Schatz gehoben und ans Tageslicht gebracht. Damit der große Rebell und begnadete Sprachartist wiederentdeckt und weiterhin gewürdigt wird. Am 19. Februar wäre Brasch 70 Jahre alt geworden.

PS: Noch einmal zurück zu Naumburg: Nicht nur der Fall Brasch bietet die spannende Möglichkeit, auf den Spuren bekannter Literaten zu wandeln. In der Domstadt an der Saale wurde Botho Strauß 1944 geboren, der in seinem jüngsten Band mit dem Titel „Herkunft“ (bei Hanser erschienen) über die Kindheit berichtet. Hans-Christian Andersen hat Naumburg 1844 und 1846 während seiner Reisen durch Mitteldeutschland besucht. Und dann ist noch Friedrich Nietzsche (1844-1900), der große Denker hat hier einige Jahre seines Lebens verbracht, ging im nahe gelegenen Schulpforte, wo heute die Landesschule, ein Elite-Internat, beheimatet ist, zur Schule. Neben dem Nietzsche-Museum gibt es seit dem Jahr 2010 in Naumburg das Nietzsche-Dokumentationszentrum, das eine der kostbarsten Sammlungen mit Sekundärliteratur über Nietzsche, die sogenannte Krummel-Sammlung beherbergt – benannt nach dessen Eigentümer, dem amerikanischen Germanisten und Nietzsche-Experten Richard Krummel.

Der Band „Die nennen das Schrei. Gesammelte Gedichte“, herausgegeben von Martina Hanf und Kristin Schulz, erschien als limitierte Sonderausgabe im Suhrkamp-Verlag.

1029 Seiten, 28 Euro