In der Höhle – José Saramago „Hellebarden“

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„Gedanken, die man insgeheim denkt, sollten unausgesprochen bleiben, selbst wenn sie auf der Hand liegen.“

Romanfragmente haben etwas Zwiespältiges an sich. Posthum erschienen, erinnern sie auf besondere Weise an ihren Schöpfer und sind mit dessen Tod eng verbunden. In ihrer Unvollständigkeit sind die Werke für den Leser jedoch keine einfache Lektüre. Ohne den alles erklärenden Schluss fehlt der wichtigste Teil, in dem alle Fäden zusammenkommen. Doch Fragmente haben auch Erfolg. Franz Kafkas Roman „Das Schloss“, Wolfgang Herrndorfs Werk „Bilder deiner großen Liebe“ beweisen es. Mit „Hellebarden“ hat der Verlag Hoffmann und Campe das letzte Werk des Literaturnobelpreisträgers José Saramago in einem besonders liebevoll gestalteten Band der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Bis zuletzt hat Saramago an seinem Roman geschrieben, hat an den ersten Kapiteln, an einzelnen Sätzen mit Akribie gearbeitet. Doch die Kräfte sollten nicht reichen, die Krankheit holte das Leben ein. Der Schriftsteller starb  am 18. Juni 2010 im Alter von 87 Jahren auf Lanzarote. Viereinhalb Jahre später kann der Leser nun seine letzte Geschichte nachlesen, die von Artur Paz Semedo erzählt. Er ist Buchhalter in der Waffenfabrik Belona, benannt nach der römischen Kriegsgöttin. Artur ist schier berauscht vom Anblick großer Waffen – vom Raketenwerfer bis zum Torpedo. Er liebt Kriegsfilme. Dabei hat er noch nie eine Waffe in der Hand gehalten und damit nie einen Schuss abgegeben. Das Militär hat ihn wegen seiner physischen Mängel erst gar nicht aufgenommen. Seine Frau Felicia, eine Pazifistin, hat ihn verlassen.

Doch diese verloren geglaubte Beziehung  erhält neuen Zündstoff als Artur Felicia von einem Buch des französischen Autors André Malraux über den Spanischen Bürgerkrieg erzählt. Seine Gefühle als Angestellter einer Rüstungsfabrik seien verletzt worden, als er darin über einen Sabotageakt von Arbeitern gelesen hat. Seine Ex-Frau überredet ihn, im Archiv nach Verbindungen seines Unternehmens zum Spanischen Bürgerkrieg zu suchen. Was auf den ersten Blick schwierig erscheint, macht der Geschäftsführer indes möglich: Artur erhält die Genehmigung, in das Archiv im Keller der Firma hinabzusteigen, um zu recherchieren. Allerdings nicht ohne seinen Chef über die Funde zu informieren.

„Es kommt immer ein Moment, in dem man etwas wagen muss.“ (Aus „Die Stadt der Blinden“)

Obwohl die Geschichte nur etwas mehr als 80 Seiten umfasst, wird schon mit den ersten Seiten klar, dass dieser kurze Text ein literarischer Schatz ist. Sicher, Saramago zählt zu den herausragendsten Autoren der Welt. 1998 erhielt der Portugiese den Literaturnobelpreis verliehen. Aber auch ohne ein Ende der Geschichte ist das Anliegen des Romans deutlich zu spüren. Auch mit seinem letzten Werk beweist Saramago seine Bedeutung als mahnende Stimme. Hinterfragt er doch, welche Möglichkeiten ein einfacher Mann hat, Verantwortung zu übernehmen und besonderen Einsatz zu zeigen, obwohl er nur ein kleiner Teil im großen Getriebe ist. Während sich Artur zu Beginn sträubt, jegliche Verantwortung und Mitarbeit an Krieg und Gewalt zu haben, setzt mit der Recherche im Archiv der Waffenfabrik sein Umdenken ein.

Stilistisch zeigt Saramago seine Sprachkraft, inhaltlich seine große Weisheit. Seine oft langen Sätze und die Dialoge ohne Zeichensetzung sind Herausforderung und Vergnügen zugleich. Der Humor, der die Geschichte begleitet, bildet einen Kontrast zur Ernsthaftigkeit des Themas, ohne dieses zu verharmlosen oder zu belächeln. Diese auf den ersten Blick einfache und unaufgeregte Geschichte mit einem allerdings schwer gewichtigen Thema im Hintergrund und die Konfrontation zwischen einem einfachen Angestellten und einem großen Unternehmen erinnert ein wenig an Kafkas „Prozess“. Direkt im Text findet sich zudem eine Anspielung auf den Bibel-Mythos des Samson, der in einer Höhle einen Löwen tötete.

„Das menschliche Empfinden ist eine Art unstetes Kaleidoskop.“

An das Romanfragment schließen sich Arbeitsnotizen des Autors an, die einen Einblick in das Schreiben und die Auseinandersetzung Saramagos mit dem Kernmotiv und  der Grundidee aus dem Roman „Die Hoffnung“ von Malraux geben. Den Band  runden zwei weitere Texte ab: Fernando Gómez Aguilera, Philologe und Dichter sowie Vorstandsmitglied der Saramago-Stiftung, ordnet das letzte Werk des Portugiesen in die Vielzahl seiner Werke ein. Roberta Saviona, Autor des bekannten Buches „Gomorra“, erzählt von Menschen, die ihre Stimme gegen Armut, Kriminalität, Unrecht und Unterdrückung erheben trotz der Gefahren der eigenen Verfolgung

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Doch dieser schmale Band hebt sich neben den Texten durch eine weitere Besonderheit hervor: Zeichnungen des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass aus einer Jubiläumsausgabe seines Romans „Hundejahre“ begleiten das Romanfragment. Obwohl diese Arbeiten nicht konkret die Geschichte illustrieren, übermitteln sie mit eindrücklichen Motiven und Gestalten wie Kanonen und behelmten Soldaten eine besondere düstere Stimmung. Unweigerlich erinnert man sich unter anderem an die Lithografien Oskar Kokoschkas, die er an der Front während des Ersten Weltkrieges angefertigt hatte. Und noch eine weitere Besonderheit zeichnet diesen so überaus kostbaren Band aus: An vielen Stellen sind an den Rand der Seite eindrucksvolle Zitate gesetzt worden.

Zusammen ergeben die Texte, Zeichnungen und gestalterischen Besonderheiten eine besondere Erinnerung an einen herausragenden Autor, dessen Werke vor allem eines deutlich machen: Dass Literatur eine große Verantwortung trägt, Menschlichkeit und Werte zu vermitteln sowie die gesellschaftliche Auseinandersetzung und den Kampf gegen Unterdrückung und Unrecht zu unterstützen. Auch darin liegt ihre große Bedeutung.

Das Romanfragment „Hellebarden“ von José Saramago erschien bei Hoffmann und Campe, in der Übersetzung aus dem Portugiesischen von Karin von Schweder-Schreiner

144 Seiten, 20 Euro