Ein Mythos wird enthüllt – Bill Niven „Das Buchenwaldkind“

NivenEr war nur ein Schicksal unter Millionen. In einer Zeit, die bis heute für Entsetzen und Trauer sorgt, die den Rahmen des Begreiflichen sprengt. Der polnische Jude Stefan Jerzy Zweig erlebte im Alter von vier Jahren die Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald im April 1945 durch amerikanische Streitkräfte. Er und sein Vater Zacharias überstanden die Verfolgung und die Schrecknisse in mehreren Lagern und im Ghetto von Krakau. Die Geschichte von Stefan wurde in den folgenden Jahren und Jahrzehnten nicht nur deutschlandweit bekannt. Sie entwickelte sich in der DDR zu einem Mythos, missbraucht für die Propaganda. Denn Stefan ist das Buchenwaldkind und in dem Roman „Nackt unter Wölfen“ von Bruno Apitz, eines der erfolgreichsten Bücher der DDR und zugleich verordnete Schullektüre, die Hauptgestalt.

Der britische Historiker Bill Niven widmet sich in seinem im Mitteldeutschen Verlag erschienenen Buch „Das Buchenwaldkind“ der Geschichte des Stefan Jerzy Zweig und deren Neuschreibung. Denn die wahren Geschehnisse in den Jahren 1944 und 1945 im Lager auf dem Ettersberg nahe Weimar wurden zum Teil unterdrückt, sogar umgeschrieben, um laut Niven das Wirken der Kommunisten im Lager in ein positives Licht zu rücken, die Erinnerungskultur in der DDR in systemtreue Bahnen zu lenken. Denn Apitz‘ Roman, der das Siegel der Authentizität bekam, verschweigt die Bedeutung von Stefans Vater bei der Rettung des Jungen ebenso wie die zwiespältige Rolle der kommunistischen Häftlingen in den Lagern, die nach Augenzeugenberichten in der Hierarchie der Häftlinge weit oben standen und diese Position auch ausnutzten. Zudem legt „Nackt unter Wölfen“ den Fokus nicht auf das Leid und die unmenschlichen Zustände im Lager, sondern berichtet vielmehr vom „heldenhaften“ Wirken der Kommunisten.

Doch Niven setzt nicht nur die realen Vorgänge in dem beiden letzten Kriegsjahren dem neu geschaffenen Mythos gegenüber. Weitere Kapitel des Buches zeigen die Bedeutung dieses Erinnerungskultes fern der Realität und deren Objekte. Dazu zählt Niven die im September 1958 eingeweihte Gedenkstätte Buchenwald, das Denkmal Fritz Cremers auf dem Ettersberg sowie die Romanverfilmung „Nackt unter Wölfen“ unter der Regie von Frank Beyer. Grundlage für das wissenschaftliche Werk des Briten waren Archivrecherchen, Zeitungsbeiträge und letztlich Interviews, die der Autor mit Stefan Jerzy Zweig führte. Dessen Vereinnahmung für eine dem Anspruch des Staates angepasste Geschichtsschreibung nennt er bereits in seinem Vorwort „jahrzehntelange Ausbeutung“. Aber auch der jetzige Versuch der Erinnerung beispielsweise mit der Ausstellung in Buchenwald deckt sich laut Niven nicht hundertprozentig mit dem Umfang der Vergangenheit.

So versammelt diese neue, vor allem interessante und mutige Arbeit nicht nur mehr als ein halbes Jahrhundert deutscher Historie und drei politische Systeme. Sie verbindet auf faszinierende Art und Weise historische Fragen mit Fakten der Literatur-, Film- und Kunstgeschichte und wirft einen erschreckenden Blick auf eine Form des verordneten Andenkens. Deshalb bleibt weiterhin die Frage offen, welcher Generation es schließlich gelingen mag, ein umfassendes Bild dieses dunklen Kapitels zu erarbeiten. Denn die Erinnerung muss lückenlos sein, um die ewig Gestrigen beider Seiten zum Schweigen zu bringen.

„Das Buchenwaldkind – Wahrheit, Fiktion und Propaganda“ von Bill Niven erschien im Mitteldeutschen Verlag

328  Seiten, 24,90 Euro

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