Backlist #4 – Agota Kristof „Das große Heft“

„Alle Welt ist in Schwierigkeiten.“

Manche Bücher begleiten einen, obwohl sie noch nicht gelesen worden sind, aber weil man sie unbedingt kennenlernen möchte. Egal aus welchem Grund. Der Roman „Das große Heft“ der ungarischen Schriftstellerin Agota Kristof ist solch ein Buch. Mich faszinierte das besondere Foto auf dem Cover, mich machten auch der Klappentext sowie die Aussagen zur Biografie der Autorin neugierig. Doch irgendwie fanden wir nicht zusammen. Eines Tages drückte mir jedoch die Leiterin einer Sekundarschule den schmalen Band in die Hand, als sie mir ein Buch zurückgab, das ich ihr zuvor ausgeliehen hatte. Tage, Wochen, ja Monate vergingen. Kristofs Roman blieb ungelesen im Regal liegen. Bis sie mich eines Tages daraufhin ansprach, mich auch ein schlechtes Gewissen quälte. Nun las ich es, und ich frage mich, warum dies nicht eher geschehen ist. Aber oft brauchen die gerade guten Dinge ihre Zeit. 

Wer „Das große Heft“ liest, wird es nicht vergessen. Und womöglich wird es Leser geben, die von der Gewalt, dem Leid, Elend und Tod, die in der Handlung beschrieben werden, abgeschreckt, ja womöglich auch angeekelt werden. Doch der Roman handelt im und vom Krieg, und da ist jeder Mensch, egal ob er jung oder alt ist, betroffen, gibt es kaum Möglichkeiten, den entsetzlichen Geschehnissen zu entkommen, existieren gesellschaftliche und soziale Normen einfach nicht.  Wer nur den Frieden kennt, wird wohl dieses Grauen und seine Auswirkungen auf Land und Leute nicht im Entferntesten erahnen können. Deshalb dürfen Bücher über den Krieg gegenüber dem Leser nicht zimperlich sein oder Rücksicht nehmen.  Und „Das große Heft“ ist unerbittlich und schmerzt.

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Die Mutter glaubt ihre beiden Söhne, zwei Zwillingsbrüder, in Sicherheit, als sie diese von der großen Stadt auf das Land bringt – der Vater ist an der Front – und in die Obhut der Großmutter gibt, die von allen nur die Hexe genannt wird. Die alte Frau lebt in Armut und Schmutz, unter ihrem Dach hat auch ein Soldat Quartier bezogen. Der Garten und der Anbau von Obst und Gemüse sorgen für Nahrung.  Sie arbeitet hart und unermüdlich, um zu erleben. Frühzeitig machen die beiden Jungen, die unzertrennlich sind, die Erfahrung, was Krieg, Gewalt und Tod bedeuten. Sie lernen Menschen kennen, die später sterben. Mehrfach wird in Andeutungen auf die Vertreibung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung hingewiesen. Um sich auf besondere Weise gegenüber Leid und Schmerz zu rüsten, sich emotional abzuhärten, führen sie verschiedene Übungen durch, in denen sie unter anderem betteln, fasten, sogar selbst zu Tätern werden, anderen Wesen Schmerz zufügen und damit ihre kindliche Unschuld verlieren. Die Flucht am Ende ist die letzte Bewährung.

Kristof lässt die Zwillingsbrüder erzählen, sie berichten in der seltenen „Wir“-Form von ihren gemeinsamen Erlebnissen, Gefühlen und Gedanken, schreiben diese auch nieder – in eben jenes große Heft. Auch über die verschiedenen Bewohner des Dorfes berichten sie. Über die Tochter der Nachbarin, über die Magd, den Pfarrer. Keiner dieser Personen trägt im Buch einen Namen. Es ist von Gewalt, Missbrauch, Heuchelei und Zerstörung die Rede. Die einzelnen, mit Überschriften versehenen Kapiteln sind kurz, die Sätze ebenso. Die Sprache ist kühl und karg. Keines der grausamen Geschehnisse wird von Emotionen begleitet. Es ist die Sprache eines Kindes, das die Hintergründe nicht weiß und nur davon berichtet, was es sieht, oder aber auch eines Erwachsenen, der ein nüchternes Protokoll zu Papier bringt. Gerade deshalb besitzt dieser trotz seiner einfachen stilistischen Form sprachgewaltige Roman diese eindrückliche Wirkung auf einen schier erschütternden Leser.

„Später mit der Zeit, brauchen wir kein Tuch mehr für die Augen und kein Gras mehr für die Ohren. Derjenige, der den Blinden spielt, wendet einfach seinen Blick nach innen, der Taube verschließt seine Ohren vor jedem Geräusch.“

Erschienen ist das Buch erstmals 1986 in französischer Sprache, obwohl die Autorin in Ungarn geboren wurde. Bereits im Alter von 21 Jahren floh sie infolge des Ungarischen Volksaufstandes gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer viermonatigen Tochter in die Schweiz, wo sie in der ersten Zeit Arbeit in einer Uhrenfabrik fand und Französisch lernte. In den 1970er-Jahren erschienen erste literarische Werke, so auch Hörspiele und Theaterstücke. Mit „Das große Heft“ verfasste sie ihren Debüt-Roman. Für ihr Werk, das in zahlreichen Sprachen übersetzt wurde, erhielt Kristof viele Preise, so auch den Gottfried-Keller-Preis sowie den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. „Das große Heft“ wurde 2013 sowohl in Dresden als auch Osnabrück auf die Bühne gebracht. In jenem Jahr drehte zudem der ungarische Regisseur János Szász einen Film auf der Basis des Romans, der eine unvergessliche Lektüre bietet und den Anlass geben kann, sich mit dem weiteren Werk der ungarisch-schweizerischen Schriftstellerin näher zu beschäftigen.

In der Reihe „Backlist“ werden Romane verschiedenster Verlage vorgestellt, die bereits vor einigen Jahren erschienen und womöglich bereits leicht in Vergessenheit geraten sind, doch die es wert sind, dass an sie erinnert wird. Bisher in dieser Reihe veröffentlichte Bespechungen gibt es zu:

Carmen Laforet „Nada“

Davide Longo „Der aufrechte Mann“,

Per Petterson „Nicht mit mir“


Agota Kristof: „Das große Heft“, erschienen im Piper Verlag, in der Übersetzung aus dem Französischen von Eva Moldenhauer; 176 Seiten, 10 Euro (Taschenbuchausgabe)

Foto: pixabay