„Europa ist da“ – Autorengipfel in Berlin

Begrüßungen in mehreren Sprachen an die Wand projiziert, Gespräche in mehreren Sprachen in den verschiedenen Salons: Ein besonderer Abend in der Bertelsmann Repräsentanz in Berlin zeigte sich rundum international. Liegt auf den beiden Buchmessen in Leipzig und Frankfurt der Fokus meist gezielt auf einem speziellen Gastland, standen zum Europäischen Autoren-Gipfel  mit Unterstützung von 19 europäischen Botschaften und Kulturinstituten Schriftsteller aus 20 Ländern anlässlich des Europäischen Kulturerbejahres 2018 im Mittelpunkt. Und nicht nur diese.

Auch einem farblich markanten Möbelstück, das mittlerweile zu einer literarischen Instanz geworden ist, war dieser Abend gewidmet: dem Blauen Sofa, auf dem die Autoren des Gipfels schließlich in Gesprächsrunden zu erleben war und das seit Jahren als gemeinsame Initiative von Bertelsmann, ZDF, Deutschlandfunk Kultur und 3sat auf keiner der beiden Buchmessen in Deutschland fehlen darf. „Es ist ein großartiges Möbelstück“, bemerkte denn auch Dr. Helen Müller, Leiterin Cultural Affairs und Corporate History bei Bertelsmann, zur Begrüßung. 2.500 Autoren haben bisher darauf gesessen, um in den Gesprächen über sich und ihre Bücher zu erzählen, nannte Daniel Fiedler, Leiter der ZDF-Redaktion Kultur in Berlin, eine Zahl, die auch die Tradition des Blauen Sofas unterstreicht. „Wer darauf sitzt, hat es geschafft“, sagte Fiedler und betonte mit Blick auf den Autorengipfel und im Gegensatz zur derzeitigen Fußball-Weltmeisterschaft in  Russland: „Hier spielt Europa zusammen.“

„Europa ist da. Wir sind in Europa mittendrin.“ (Hans Maarten van den Brink)

Die insgesamt 20 Autoren kamen aus 20 verschiedenen Ländern, 19 von ihnen sind in Europa zu Hause, im Norden und Süden, im Westen und Osten des Kontinents. Zaza Burchuladze aus Georgien vertrat das Gastland der kommenden Frankfurter Buchmesse. Auf die Frage, wo er denn sein Heimatland verorte, sagte der mittlerweile in Berlin lebende Schriftsteller auf Englisch: „In the middle of nowhere“. Jeder dieser Autoren nahm auf dem Blauen Sofa Platz, das in fünf verschiedenen Sälen aufgebaut war, so dass fünf halbstündige Gespräche gleichzeitig stattfanden und es nicht immer einfach war, sich aus dem Programm für eines zu entscheiden.

Die Bertelsmann Repräsentanz Unter den Linden in Berlin

So verschieden die Herkunft der jeweiligen Autoren ist, so verschieden waren die Themen, über die debattiert wurde. Die Dänin Janne Teller sprach über Migration, den wachsenden Nationalismus und die Bedeutung von Mitmenschlichkeit sowie der Aufgabe der Literatur in Zeiten wie diesen. „Wir können Geschichten erzählen, die eine tiefere Wahrheit erzählen“, sagte Teller im Gespräch mit dem Leiter der ZDF-Redaktion Kultur in Berlin. Als eine „mythische halbe Stunde“ sowie pointiert und humorvoll erwies sich die Unterhaltung zwischen dem Isländer Sjón (kurz für Sigurjón Birgir Sigurðsson) und Matthias Hügle, Redakteur der ZDF-Sendungen „aspekte“ und „Das literarische Quartett“. Der Verfasser von Prosa wie Lyrik spannte den Bogen thematisch weit, sprach sowohl über die Bedeutung der Mittsommernacht – an jenem Abend fand der Autorengipfel statt – bis hin zu Bewegung und Reisen als Grundlage für gute Geschichten und das Surreale als dritte Dimension. „Die Poesie ist eine wundervolle Erfindung“, sagte der Isländer, der zudem eine Handvoll Gedichte aus dem Band „Bewegliche Berge“ (Edition Rugerup) in seiner Muttersprache vorlas, ins Deutsche übertragen von der Übersetzerin und Verlegerin Margitt Lehbert.

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Der Isländer Sjón (links) im Gespräch mit ZDF-Redakteur Matthias Hügle

Mit dem Niederländer Hans Maarten van den Brink, dessen jüngster Roman den Titel „Ein Leben nach Maß“ (Hanser) trägt, saß ein Autor auf dem Blauen Sofa, der indes erst spät zum Schreiben von Prosa gefunden und zuvor viele Jahre als Journalist und Auslandskorrespondent, unter anderem in Spanien und den USA, gearbeitet hatte. Van den Brink sprach mit 3sat-Moderator Gert Scobel über seine Leidenschaft für Fernsehserien genauso wie über Leitkultur und Literatur in Europa. „Es gibt keine einheitliche europäische Leitkultur und keine nationale Literatur“, meinte van den Brink, dessen familiäre Wurzeln ähnlich wie bei Teller in verschiedene Länder reichen. Angesichts anti-europäischer Tendenzen in mehreren Ländern zeigte sich der Niederländer indes optimistisch: „Europa ist da! Wir sind in Europa mittendrin.“

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Die norwegische Autorin Maja Lunde signiert ihren Roman.

Spannend indes waren nicht nur die verschiedenen persönlichen wie politischen Sichtweisen auf das große, den Abend umspannende Thema. Persönlich gab der Autoren-Gipfel mir und sicherlich weiteren Gäste zudem die besondere Möglichkeit, Schriftsteller und ihre Werke aus den Bereichen Prosa, Lyrik und Sachbuch – ein Büchertisch war dazu im Foyer aufgebaut – kennenzulernen. Besonders interessant für mich mit Blick auf künftige Lektüren: Geert Buelens und sein Band „Europas Dichter und der Erste Weltkrieg“ (Suhrkamp) sowie die osteuropäischen Autorinnen Radka Denemarková mit „Ein herrlicher Flecken Erde“ (btb) sowie Dana Grigorcea mit „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“ (Dörlemann), für den die gebürtige Rumänien und heute in Zürich lebende Autorin 2015 den „3sat-Preis“ während des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs 2015 erhielt.

Ebenfalls auf dem Blauen Sofa saßen die Autoren: Hédie Kaddour (Frankreich), Jacques De Decker (Föderation Wallonie-Brüssel), Claire North (Großbritannien), Hugo Hamilton (Irland), Laurynas Katkus (Litauen), Guy Helminger (Luxemburg), Pierre Mejlak (Malta), Terézia Mora (Deutschland), Maja Lunde (Norwegen), Tomasz Rózycki (Polen), Hélia Correia (Portugal); Svetlana Zuchová (Slowakei) und Sabine Gruber (Südtirol).

Weitere Beiträge zu diesem Abend erschienen in der „Berliner Zeitung“ und „Deutschlandfunk Kultur“. Auch die 3sat-Sendung „Kulturzeit“ berichtete über den Europäischen Autoren-Gipfel.