Backlist #11 – James Hanley „Ozean“

„Wie erbärmlich unzulänglich wir doch sind.“ 

Es sind nur wenige Minuten, die zwischen einer vermeintlich sicheren Schiffsfahrt und ihrem tragischen Ende, zwischen Leben und Tod entscheiden. Mit einem Torpedoschuss versenkt  ein deutsches U-Boot das Passagierschiff „Aurora“, das unterwegs nach Amerika ist. Eine Handvoll Männer findet sich schließlich auf einem Rettungsboot wieder. Über sich den Himmel, um sich die unermessliche Weite des Meeres. Mit seinem 1941 erschienenen Roman „Ozean“ hat der Engländer James Hanley eine eindrückliche und psychologisch spannende Parabel über die Nichtigkeit des Menschen und über dessen Stärken wie Schwächen geschrieben. 

Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Das Erscheinungsjahr des Buches verweist auf ein dunkles Kapitel des 20. Jahrhunderts. Zwei Jahre zuvor war der Zweite Weltkrieg ausgebrochen. Welche konkrete Schiffstragödie für Hanley Vorbild hätte sein können, habe ich nicht herausfinden können. Doch stoße ich im Internet auf den Untergang des britischen Dampfers Athenia, der nach einem Torpedoschuss des deutschen U-Boots U 30 am 4. September 1939, wenige nach dem Beginn des Weltkriegs, in den Tiefen des Atlantiks verschwand. Das Schiff war auf dem Weg von Glasgow nach Kanada. An Bord befanden sich 315 Besatzungsmitglieder und 1.102 Passagiere. 112 von ihnen starben. Mehrere Schiffe aus unterschiedlichen Ländern beteiligten sich an der Rettungsaktion.

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Die Handlung des Romans beginnt, als der plötzliche Angriff bereits vorbei ist. Sechs Männer sitzen in einem Rettungsboot, einer von ihnen ist bereits tot. Es ist Crilley, Seemann und Kamerad von Joseph Curtain. Der übernimmt unfreiwillig, aber bestimmt ob seiner Erfahrung das Kommando der überschaubaren Mannschaft, setzt sich auf die Ruderbank und kümmert sich zudem fortan um die Männer und die Verteilung des kleinen Vorrats an Wasser und Zwieback. Es ist ein zusammengewürfelter Haufen, den das tragische Unglück zusammengeführt hat. Die Männer sind unterschiedlichen Alters, haben verschiedene Professionen. Da ist Pfarrer Michaels, der Geschäftsmann Gaunt, der Lehrer Stone sowie Benton, der Jüngste von ihnen. Jeder schwankt zwischen Hoffnung und Verzweiflung, leidet auf  seine Art unter den lebensbedrohlichen Bedingungen. Denn der Ozean ist weit, das Boot ist klein, so heißt es an einer Stelle des Romans.

Stimmung heizt sich auf

Obwohl sich das Kammerspiel auf nur wenige Protagonisten, einen kurzen Zeitraum und einen kleinen Schauplatz beschränkt, berichtet der Erzähler nicht nur von dem eintönigen, wiederkehrenden Geschehen, in dem die Figuren ihr Zeitgefühl verlieren. Die Handlung hält so manche Überraschung bereit. Dazu trägt auch die Stimmung bei, die sich aufheizt und zunehmend aggressiver wird. Denn die Nerven liegen blank, haben einige Männer Zweifel an den Fähigkeiten des Seemanns, der wiederum versucht, die zwischenmenschliche Balance innerhalb der Gruppe zu wahren. Curtain will die gerechte Verteilung des Proviants, sorgt sich um die Männer, allen voran den Pater, dessen Kräfte angesichts seines Alters und der Seekrankheit, unter der er leidet, zunehmend schwinden.

„Ein Tag verging, die Nacht kam, die Nacht verging: Und das Boot kroch dahin, ein Insekt auf dem Ozean, glatt und geräuschlos. Die Stille glich großen Bögen, unter denen es hindurchglitt, und hoch darüber ein Himmel, wässrig blau, darin wie mit Bleistift hineingezeichnet helle Wolkentupfer.“

Trotz eines geringen Umfangs des Werkes werden die Charaktere in ihren Eigenheiten und samt ihres Hintergrundes geschildert. Der Leser bekommt Einblick in deren Gedankenwelt und den oft zwiespältigen Gefühlen, wird die Handlung doch aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt. Der Roman ist sowohl eine psychologische Studie als auch ein sprachgewaltiges Werk über die Weite des Meeres, die Kraft der Elemente und die Nichtigkeit des Menschen. Die Männer sind bis auf Curtain der gefahrvollen Situation nicht wirklich gewachsen. Sie ringen um Wasser, anstatt gemeinsam eine Lösung zu finden, um jede Möglichkeit einer Rettung zu ergreifen und erst einmal ihre schwierige Lage so gut es geht ertragbar zu machen. Doch die charakterlichen Schwächen stehen dem entgegen – auch darüber erzählt dieses großartige Buch, in dem poetische Landschaftsbeschreibungen einen breiten Raum einnehmen, ist doch das Meer und der Himmel bestimmend für das Geschehen.

Autor wird wiederentdeckt

Hanley, 1897 in Liverpool geboren und einige Jahre als Matrose auf dem Nordatlantik und im Mittelmeer unterwegs, hat mehrere Werke mit maritimen Hintergrund geschrieben, so dass einst Vergleiche zum weitaus berühmteren Schriftsteller Joseph Conrad gezogen wurden. Bekannt wurde Hanley mit seinem zweiten Roman „Boy“, der nach einer zweiten überarbeiteten Auflage öffentliches Aufsehen erregte. Wegen seiner vermeintlich obszönen Szenen wurde die Restauflage eingestampft, der Verlag sogar verklagt.  Hanley und seine Werke gerieten in Vergessenheit. Erst nach seinem Tod 1985 erwachte mit Neuausgaben seiner Bücher – auch in deutscher Übertragung – wieder ein Interesse. So erschien „Boy“ mit dem Titel „Fearon“ 2014 im Arco Verlag, 2015 veröffentlichte der Schweizer Dörlemann Verlag den Roman „Ozean“ in der von Nikolaus Hansen, Verleger und Übersetzer, herausgegebenen Edition Kattegat.  Diese literarische, indes auch düstere Perle bereitet eine besondere Lektüre all jenen, die psychologisch aufgeladene Handlungen und kluge Kammerspiele mögen, die Freude an Landschaftsbeschreibungen haben und die gern über ein uneindeutiges Ende sinnieren, und erinnert zudem an einen großen Autor, der es verdient, wiederentdeckt zu werden.

In der Reihe „Backlist“ werden Romane verschiedenster Verlage vorgestellt, die bereits vor einigen Jahren erschienen und womöglich bereits leicht in Vergessenheit geraten sind, doch die es wert sind, dass an sie erinnert wird. Bisher in dieser Reihe veröffentlichte Besprechungen gibt es zu

Carmen Laforet „Nada“

Davide Longo „Der aufrechte Mann“,

Per Petterson „Nicht mit mir“

Agota Kristof „Das große Heft“

Michela Murgia „Accabadora“

Robert Seethaler „Der Trafikant“

John Wray „Die rechte Hand des Schlafes“

György Dragomán „Der weiße König“

Einar Már Gudmundsson „Engel des Universums“

Gila Lustiger „Die Schuld der anderen“


James Hanley: „Ozean“, erschienen in der Edition Kattegat im Dörlemann Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Nikolaus Hansen; 256 Seiten, 23 Euro

Bild von Free-Photos auf Pixabay

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