Backlist #5 – Michela Murgia „Accabadora“

„(…) der Schmerz ist eine unangenehme Angelegenheit, wer ihn nicht empfindet, kann das nicht verstehen…“

Um dieses Buch habe ich, ehrlich gesagt, mehrmals einen großen Bogen gemacht. Immer wieder hatte ich es beim Stöbern in der Buchhandlung in der Hand, immer wieder habe ich es wieder ins Regal gestellt. Doch jedes Buch hat seine Zeit, in jenem Fall indes entschied der Lesekreis, den ich mit einer Naumburgerin kürzlich ins Leben gerufen habe,  „Accabadora“ der italienischen Schriftstellerin Michela Murgia zu lesen und zu diskutieren. Der Tod ist ein ungemein schweres Thema, zumal, wenn man ihm mehrfach begegnet ist, von geliebten Menschen Abschied nehmen musste. Der Schmerz liegt sowohl in dem Verlust als auch in der Endgültigkeit und Unwiderruflichkeit dieses einschneidenden Ereignisses.

Glocken verkünden den Tod

Bonaria Urrai hat viele Gesichter. Im kleinen sardischen Dorf Soreni ist sie als Schneiderin und als Pflegemutter für die kleine Maria bekannt, die im Alter von sechs Jahren von ihrer leiblichen Mutter abgegeben wurde wie ein mit Kleidung gefüllter Koffer. Doch sie ist auch die Accabadora. Jene Frau, die Sterbenden von ihrem qualvollen Leid erlöst. Nachdem sie des Nachts in ein Haus gegangen war, wohin sie zuvor gerufen wurde, läuten meist am Morgen des kommenden Tages die Glocken, um den Tod eines Menschen zu verkünden. Nie hat Maria beide Ereignisse – den Weggang ihrer Pflegemutter und die Nachricht vom Tod eines Einwohners – miteinander in Verbindung gebracht. Oft weiß sie nicht, dass Bonaria Urrai das Haus überhaupt verlassen hat.

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Jahre vergehen, in dem das Verhältnis zwischen Maria und ihrer „zweiten Mutter“ enger wird. Eine enge vertraute Bindung, die weit über das Verhältnis Pflegemutter und Pflegekind hinausgeht und auch beide schätzen. Doch nach dem plötzlichen Tod von Nicola, des ältesten Sohnes der Familie Bastiu, der aufgrund des Verlustes seines Beines infolge einer Schussverletzung am Leben verzweifelt, erfährt sie von dessen Bruder Andria, dass Tzia Bonaria zuvor im Zimmer des jungen Mannes war.  Maria verlässt Hals über Kopf ihre Pflegemutter und wird Kindermädchen in einer wohlhabenden Turiner Familie, bis eine traurige Nachricht und auch das eng gewordene Verhältnis zum Sohn Piergiorgio sie zwingt, nach Sardinien zurückzukehren.

Traditionelles Leben im Dorf

Der Roman der Italienerin, die 1972 in Cabras auf Sardinien zur Welt kam, umfasst zwar nur etwas mehr als 170 Seiten und ist damit recht schmal an Umfang. Allerdings wächst dieses Buch weit über sich hinaus: durch die Vielfalt seiner Themen, den eindrucksvollen Figuren und seiner Sprache, die Worte findet für eindrückliche Szenen, in denen die Atmosphäre sowie Gesten und Bewegungen der handelnden Personen verstärkt auf den Leser wirken. Auch ist dieser Roman reich an wundervollen Metaphern und Bildern. Dabei lenkt die Autorin nicht nur die Aufmerksamkeit auf das Thema Tod und Sterbehilfe, das noch immer brisant ist und gerade auch in Deutschland noch immer teils heftig diskutiert wird. Im Mittelpunkt steht auch das traditionelle, von Religion, Ritualen und Aberglauben geprägte Leben im Dorf und dessen Einwohner, meist alteingesessene Familien, die ihrem Tagwerk nachgehen. Für die kleine Maria wird ihre Tzia („Tante“) zu einer Lehrmeisterin, die das Mädchen immer wieder daraufhin weist, wie wichtig es ist, zur Schule zu gehen, Tugenden zu verinnerlichen und zu leben. Im Herzen beider fühlen sie, dass sie Tochter und Mutter sind, mehr und mehr geht für Erstere zudem die Bindung an ihre ursprüngliche Familie und ihre leibliche Mutter, für die Maria nur das ungewollte Kind ist, verloren.

„Es gibt Gedanken, die, wie die Augen der Eule, das Tageslicht scheuen. Sie entstehen in der Nacht, wo sie dieselbe Funktion haben wie der Mond: ganze Meere von Gefühlen in irgendwelchen geheimen Winkeln der Seele zu bewegen.“

„Accabadora“ geht der Frage nach, wann ist Sterbehilfe ethisch vertretbar sowie für den Sterbenskranken und seiner Familie eine Erlösung, ein Abschied mit Würde. Drei Fälle, die unterschiedlicher nicht sein können, beschreibt Murgia in ihrem sehr ergreifenden Roman, der vor allem am Schluss Emotionen des Lesers freisetzt und somit prägend ist; vielleicht bei dem einen oder anderen sogar unvergesslich sein wird.

In der Reihe „Backlist“ werden Romane verschiedenster Verlage vorgestellt, die bereits vor einigen Jahren erschienen und womöglich bereits leicht in Vergessenheit geraten sind, doch die es wert sind, dass an sie erinnert wird. Bisher in dieser Reihe veröffentlichte Bespechungen gibt es zu

Carmen Laforet „Nada“

Davide Longo „Der aufrechte Mann“,

Per Petterson „Nicht mit mir“

Agota Kristof „Das große Heft“


Michela Murgia: „Accabadora“, erschienen im dtv Verlag, in der Übersetzung aus dem Italienischen von Julika Brandestini, nur antiquarisch erhältlich, aber ebenfalls im Verlag Klaus Wagenbach erschienen; 176 Seiten, 10,90 Euro

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