Über Grenzen hinweg – Jørn Lier Horst „Winterfest“

„Was ist das gute Leben?“

Kein Krimiautor sollte man mit einem anderen vergleichen; selbst wenn es nach meinen Erfahrungen in einigen Online-Foren oder Social-Media-Kanälen häufig praktiziert wird. Allein mit Blick auf den Umfang der Titel, die alljährlich erscheinen, den Handlungsort, die Herkunft des Autors  und auf die Art und Weise des Schreibstils zeigt sich dieses Genre ungemein vielfältig.  Womöglich liegt auch darin dessen Faszination. Und nicht jeder Skandinavien-Krimi lässt sich in eine solche Schublade stecken. Der Roman „Winterfest“ des Norwegers Jørn Lier Horst ist nicht der klassische nordische Krimi, aber in seiner unaufgeregten Spannung und seinem politisch-gesellschaftlichen Hintergrund ein starkes Buch.

Ein Toter in der Hütte

Denn wer glaubt, hier nimmt ein „kaputter“, vom Leben enttäuschter und von herben Schicksalsschlägen verfolgter Kommissar seine Ermittlungen auf, in einer Umgebung, die als farblichen Grundton nur ein sattes Grau kennt, der irrt. Selbst dem Regen und Nebel, typische Witterungserscheinungen, die im Setting eines nordischen Krimis bekanntlich nicht fehlen dürfen, wird der Leser nur an wenigen Stellen antreffen; obwohl die Handlung im Herbst spielt. Als in einer Hütte nahe Larvik, unweit von Oslo gelegen, die Leiche eines Mannes gefunden wird, werden Kommissar William Wisting und sein Team zum Tatort gerufen. Es ist kein „normales“ Tötungsverbrechen: Nicht nur wurde in mehreren Hütten, so auch jener, eingebrochen. Das Häuschen – denn Hütten verdienen in Norwegen aufgrund ihrer Größe und Ausstattung nicht mehr diese Bezeichnung, auch wenn sie dort so genannt werden –  gehört einem bekannten TV-Moderator.

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Es braucht einige Zeit, bis sowohl die Identität des Toten geklärt ist, als auch Wisting mit seinen Kollegen etwas Ordnung in diesen recht merkwürdigen weil  vielschichtigen Fall gebracht hat. So fallen plötzlich zahlreiche Vögel tot vom Himmel, verschwindet jene Leiche, fragen sich die Ermittler, was eine polizeibekannte dänische Drogenbande mit den Einbrüchen zu tun hat. Und welche Rolle spielt Tommy, der Freund von Wistings Tochter Line, die erfolgreich als Journalistin arbeitet, in diesem Geschehen? Er arbeitet in einem Restaurant, in dem ein Drogenboss seine Finger im Spiel hat. Und mehr noch: Wisting wird nahe dem Tatort zusammengeschlagen, sein Dienstwagen geklaut. Weitere Leichen sowie der Brand in einer Wohnung fordern die Polizei weiter heraus. Ein Toter stammt aus Litauen, wohin später Wisting reist, um etwas Licht in den komplizierten Fall zu bringen.

„Ein Tatort war wie ein Kunstwerk. Jedes kleine Detail im Bild, von einem einzelnen Pinselstrich bis zum fertigen Gemälde, verriet etwas darüber, wer der Maler war.“

Hier bekommt dieser Roman auch jenen politisch-gesellschaftlichen Hintergrund, mit dem sich meist sehr gute Krimis von anderen ihres Genres abheben, weil sie eben nicht nur den Fall und die Ermittlungen in den Mittelpunkt stellen, sondern darüber hinaus blicken. So auch Horst, der den Leser mit den Themen grenzenloses Europa sowie die Kluft zwischen Arm und Reich in den Ländern des Baltikums konfrontiert. Horst bringt in seinem Werk die negative Seite des Schengener Abkommens, das auch Norwegen als Nicht-EU-Land unterzeichnet hat, zur Sprache. Zwar hat es viele Vorteile, aber ermöglicht auch international agierenden Banden leichter ins Land zu kommen, um nicht nur kriminell, sondern im großen Stil netzwerkartig zu agieren.  Des Weiteren beschreibt Horst die Lage in Litauen, dessen wirtschaftliche Entwicklung nicht jeden erreicht, es viel Armut in der Bevölkerung gibt und einige Litauer in der Kriminalität den letzten Ausweg suchen.

Autor selbst Ermittler

Der kritische wie kenntnisreiche Blick des Autors sowie die umfassenden Beschreibungen zur Polizeiarbeit kommen nicht von ungefähr: Horst, 1970 geboren, war einige Jahre als leitender Ermittler in der südnorwegischen Stadt Stavern (Provinz Vestvold) tätig, wo die Handlung des Romans auch spielt. Für ein spannendes Geschehen braucht er keine atemberaubenden Verfolgsjagden, keine in Blut schwimmenden Szenarien. Er konzentriert sich auf die Arbeit von Polizei sowie Geheimdienst und blickt hinter die Kulissen. Auch Wisting ist eben nicht der von der Dunkelheit des Lebens heimgesuchte Ermittler, den schwere Selbstzweifel quälen. Zwar hat er seine geliebte Frau Ingrid verloren, ist sein Gemüt noch immer leicht von Trauer durchzogen, doch Wisting steht mit beiden Beinen fest im Leben – als Polizist, Vater und Mann, der eine neue Frau fürs Leben gefunden hat und seinen herausfordernden und auch gefährlichen Beruf lebt und liebt.

Zudem gelingt es dem Norweger auf beeindruckende Weise, jeder Szene ihre besondere Atmosphäre zu geben,  lässt er doch die Landschaft samt ihrer Vegetation sowie die Elemente wie Wasser und Wind, die Norwegen bekanntlich auch prägen, nicht unbeachtet. Horst hat für seine Romane bereits mehrere literarische Auszeichnungen erhalten, so den Riverton Prisen und den Preis für den besten skandinavischen Kriminalroman des Jahres. Wer Spannung nicht unbedingt in aufgedrehten und brutalen Szenen sucht, sondern Wert legt auf Einblicke in die Ermittlungsarbeit und einen sympathischen Charakterkopf als Helden sollte diesen Autor und seine Werke unbedingt kennenlernen.


Jørn Lier Horst: „Winterfest“, erschienen im Droemer Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Dagmar Lendt; 368 Seiten, 10,99 Euro

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