Fratze des Krieges – Ralf Rothmann „Der Gott jenes Sommers“

„Die ahnen nicht, wofür man lebt! Wo andere Leute Träume haben, hängen bei denen Würste oder Ritterkreuze.“

Wie nur beginnen, wenn bereits so vieles geschrieben und gesprochen wurde – über jene Zeit, über jenes Buch, das einen bereits bekannten Zwilling kennt. Schrieb Ralf Rothmann in seinem erfolgreichen Roman „Im Frühling sterben“ über die Fronterfahrungen zweier Jugendlicher während des Zweiten Weltkriegs, rückt in seinem neuesten Werk „Der Gott jenes Sommers“ das Leben und Leid der Zivilbevökerung in den letzten Wochen und Monaten vor Kriegsende in den Mittelpunkt, wobei es mit dem jungen Melker Walter eine Wiederbegegnung mit einem Helden aus dem 2015 erschienenen Buch gibt.

Aufs Land geflohen

Walter ist ein Vertrauter, vielleicht sogar die erste gefühlte Liebe von Luisa Norff, die mit ihrer Mutter und ihrer Schwester aus Kiel aufs Land geflohen ist, um den Bombardierungen der Alliierten zu entkommen. Der dem Alkohol sehr zugeneigte Vater ist indes in der Stadt geblieben und arbeitet im Casino einer Kaserne. Das zwölfjährige Mädchen ist wissbegierig, eine Leseratte, die Bücher regelrecht verschlingt – von Karl Mays Abenteuerromanen über den verbotenen Erich Kästner bis hin zu Margaret Mitchells Klassiker-Schmonzette „Vom Winde verweht“. Ihr Vater rettet für seine Tochter aus den Trümmern Kiels eine Shakespeare-Ausgabe im Original. Ihr neues Zuhause: das Gut des Schwagers und Mannes ihrer Stief-Schwester Gudrun. Vinzent dient in der Waffen-SS und hat eine Affäre mit Luisas Schwester Sibylle, die aufreizend gekleidet und geschminkt als ganzes Gegenteil der grau-braunen Nazi-Welt erscheint und das Dritte Reich wüst beschimpft, aber sich trotzdem mit ihrer Zeit arrangiert hat und sich auf ihre spezielle Art und Weise einfügt. Trotz der Entfernung zur Front wird der Krieg zum düsteren Alltag: Die Lebensmittel werden knapp. Es gibt Notschlachtungen, um die Reserven für die Front zu sichern. Tiefflieger versetzen die Bewohner in Angst und Schrecken, auch die Schüler, die in der Schule von einem hitlertreuen Lehrer unterrichtet werden. In einem nahe gelegenen Nonnenkloster, das zu einem Lazarett unfunktioniert wurde, werden verwundete Soldaten gepflegt. Mit dem Nachbarsjungen Ole, dessen Vater an der Front dient, stromert Luisa umher, wobei sie auf ein Arbeitslager stoßen. Walter wird in die Wehrmacht eingezogen. Auf dem Gut werden Flüchtlinge aus dem Ostgebieten aufgenommen.

btr

Sind die ersten Kapitel noch von dem Gedanken an eine gewisse Sicherheit im Ländlichen getragen und teils mit Blick auf die Geschichte und das Kriegsende von einer verstörend wirkenden Komik geprägt, wandelt sich die Stimmung infolge der Zuspitzung der dramatischen Ereignisse, nach denen die Kindheit von Luisa schlagartig beendet wird. Nach dem Absturz eines englischen Bombers und wenig später auf der Feier zu seinem 40. Geburtstag zeigt Vinzent sein wahres Gesicht. Nicht die herannahenden feindlichen Soldaten, sondern ihr Schwager und damit Mitglied der Familie, hat sie zu fürchten. Luisa wird daraufhin schwer krank,  überlebt nur knapp.  Und der Höhepunkt dieser tragischen Ereignisse ist noch längst nicht erreicht.

„(…) umgab ihren Vater eine eigene tiefernste Stille. Unter deren Gewicht schien sich die Dunkelheit um sie herum noch einmal zu verdichten, und sie fühlte deutlich, dass sie die eigentliche Bedeutung, das geheime Herz des Wortes Tod war.“

Der Stil dieses ersten Erzählfadens, der zeitlich am Kriegsende verortet ist, wird geprägt vom Erlebten und der Sicht des Mädchens. Es gibt keine Erklärungen, weil alles wohlbekannt ist, was nur angedeutet wird: die Menschen hinter dem Stacheldraht-Zaun, das Haar, das die Mutter des Nachbarsjungen zu Perücken verarbeitet. All diese vor allem sinnlichen Erfahrungen und Erlebnisse formen ein stilles, nicht minder furchtbares Grauen, das vorerst im Hinterhalt existiert, um nach und nach in den Vordergrund zu rücken und das Leben von Luisas mehr und mehr einzukreisen.  Welches Unheil dieser Krieg anrichtet, wird nicht nur am Leben jedes Einzelnen deutlich. Rothmann schreibt in einer Szene, wie die Tiere auf das furchtbare Geschehen reagieren. Hingegen glauben einige Vertreter der Menschheit realitätsverweigernd noch an den großen End-Sieg, manch einer stürzt sich in den vermeintlich letzten Rausch und genießt die Macht.

Glaubenskrieg vor 400 Jahren

Mit dem zweiten Handlungsstrang, der die Erzählung über Luisa und ihre Familie mehrfach unterbricht, führt Rothmann den Leser rund 400 Jahre zurück in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges, nicht ohne in dem Part über den Weltkrieg einen Verweis, eine Verbindung zwischen beiden Teilen, natürlich literarischer Art, zu setzen und eine Art Spiegelbild zu entwerfen.  In einem jener Zeit vertrauten Sprachstil wird von dem fiktiven Schreiber Bredelin Merxheim berichtet, der Zeuge wird, wie der Krieg sich wie eine Feuerwalze durch das Land frisst und alles zerstört, was sich ihm in den Weg stellt. War es damals die Religion, die den Krieg entfacht hat, ist es in der Mitte des 20. Jahrhunderts eine menschenverachtende Ideologie, der Millionen von Menschen gefolgt sind. Dass Luisa sich schließlich für die Gefolgschaft Gottes entscheidet, während einst die von Merxheim und dessen Gefährten Bubenleb errichtete hölzerne und schwimmende Kapelle zerstört wurde, lässt die Gedanken des Lesers wohl erst nach der Lektüre und der Verarbeitung des Geschehens kreisen.

Beide eindringlichen Romane Rothmanns haben es meiner Meinung auch verdient, nicht unbedingt miteinander verglichen zu werden, gerade wegen ihrer Unterschiede. Genauso sollte man niemals das Leid der Soldaten mit dem der Zivilbevölkerung gegeneinander setzen. Jeder hat gelitten – körperlich wie seelisch -, an Ereignissen, deren Folgen nur die Zeitzeugen, von denen es bekanntlich immer weniger gibt, wirklich fühlen und nachempfinden können. Den Nachgeborenen, den folgenden Generationen bleiben bis heute glücklicherweise nur die Lektüre oder die Begegnungen mit den Zeitzeugen, und dafür sollte man unendlich dankbar sein.

Weitere Besprechungen auf den Blogs „Peter liest“, „literaturreich“, „literaturleuchtet“ und „buchrevier“.


Ralf Rothmann: „Der Gott jenen Sommers“, erschienen im Suhrkamp Verlag; 254 Seiten, 22 Euro

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