Ralf Rothmann – „Die Nacht unterm Schnee“

„Das Normale, das war das Grauen.“ 

Er wird in den letzten Kriegsmonaten als Jugendlicher von der Waffen-SS zwangsrekrutiert, sie auf der Flucht aus Ostpreußen von russischen Soldaten gefangen gehalten und mehrfach missbraucht. Das spätere gemeinsame Leben von Walter und Elisabeth ist ein hartes, von schwerer Arbeit und Entbehrungen, von ihren traumatischen Erinnerungen geprägtes. Mit „Die Nacht unterm Schnee“ hat Ralf Rothmann seiner Trilogie über den Zweiten Weltkrieg einen fulminanten Abschluss gesetzt. Mit einem Roman, der tief berührt – nicht nur, weil der Schriftsteller damit die Geschichte seiner Eltern erzählt.

Ein Ungleiches Paar

Dieser dritte Teil ist zugleich eine Wiederbegegnung mit vertrauten Figuren. Mit „Im Frühling sterben“ und „Der Gott jenes Sommers“ hat der Leser bereits Walter Urban, Luisa Norff sowie Elisabeth Isbahner kennengelernt. Während der erste Teil an die Front führt, erzählt Band zwei von den Geschehnissen der letzten Kriegswochen auf einem norddeutschen Bauernhof. Standen Walter und Luisa im Mittelpunkt, wird nun auch die tragische Geschichte von Elisabeth geschildert. Die 16-Jährige flieht aus Danzig vor den heranrückenden russischen Truppen. um schließlich von der Gewalt eingeholt zu werden. In stetiger Todesgefahr gelingt es ihr, in dieser Zeit der Grausamkeit zu überleben. Sie strandet auf einem norddeutschen Bauernhof, wird später von Luisas Vater für die Arbeit in einem Kasino eingestellt. Sie und Walter werden ein Paar, ein ungleiches, das indes keine  großen Gefühle füreinander empfindet.

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Elisabeth träumt von einem trubeligen sorgenlosen Stadtleben, er fühlt sich auf dem Land wohl, ist ein ruhiger, in sich gekehrter, fleißiger Mensch. Doch auf dem Land ist die Idylle nur scheinbar und von kurzer Dauer. Der Arbeitsalltag auf den Feldern und zwischen den Kühen ist entbehrungsreich, kaum ein Moment bleibt, um durchzuatmen, sich eine Auszeit zu gönnen. Mit Wolf kommt das erste Kind zur Welt. Nach den ersten Jahren als Melker-Paar auf einem Gut, zieht es die kleine Familie ins Ruhrgebiet, wo Walter in der Zeche unter Tage schuftet – um sich, seine Frau und die Kinder – später wird noch eine Tochter geboren – durchzubringen. Auf einen grünen Zweig kommen sie nie. Gesundheitliche Probleme stellen sich ein. Beider Leben ist von kurzer Dauer, von der Härte des Daseins aufgefressen.

„Wahrscheinlich sind Menschen, die einmal im Krieg waren, lebenslang im Krieg, und die einmal fliehen mussten, sind für immer wurzellos. Beiden war das Schweigen über die Zeit gemeinsam (…).“

Die gemeinsame Zeit von Walter und Elisabeth wird aus der Sicht von Luisa erzählt, die einen gänzlich anderen Weg nimmt. Schon als Kind von der Literatur geprägt, studiert sie, Mauerblümchen und zugleich Vielleserin, Bibliothekswesen. Obgleich ihr Literaturprofessor ihr späterer Mann wird, schlägt ihr Herz lange Zeit für Walter. Gefühle, die nie vergehen werden und immer wieder diese eine Frage aufwerfen: Was wäre wenn. Nie bricht der Kontakt zu den Beiden ab. So wird Luisa zur Beobachterin eines Paares, das sich aneinanderklammert. Doch auch Luisa, zwar eingetaucht in die Welt der Literatur und Sprache, die einen Gegenentwurf zum harten Leben ihrer Freunde bildet, kennt das Grauen des Krieges: Ihre Schwester gilt als vermisst, ihr späterer Mann war im KZ Neuengamme inhaftiert.

Blick auf das Grauen

In diesen Erinnerungen an das gemeinsame Leben von Walter und Elisabeth mischt sich ein zweiter Handlungsstrang, in dem die Flucht Elisabeths im eisigen Winter 1945 geschildert wird. Mit diesem Rückgriff in die unmittelbare Kriegszeit spannt Rothmann den Bogen zwischen den Zeiten, zeigt auf, was die Ursachen waren für das spätere Traumata. Die Vergewaltigung und das Leid des jungen Mädchens wird in entsetzlichen weil deutlichen Bildern geschildert. Da wird kein Filter über das Leid gespannt oder der erzählerische Blick abgewandt, um dem Leser das Grauen zu ersparen. Diese Flucht ins Vergnügen, diese Empfindungslosigkeit gegenüber ihren Mann und die Kinder, die sie schlägt – in der Brutalität und Todesnähe, zu der später eine Todessehnsucht kommt, liegen die Ursachen für ihr Handeln. Wie Rothmann mit bildhaften Szenen nah am Geschehen ist, ist er mit den Innenansichten nah an den Figuren. Es gibt kaum ein Entkommen aus dieser tragischen wie dramatischen und ein halbes Jahrhundert umspannenden Familiengeschichte und einer wahrhaftigen wie poetischen Sprache.

„Das Wort Liebe hatte man ihm womöglich ausgetrieben im Krieg, nicht aber den Atem für das Wort.“

Wer womöglich am Ende der Lektüre einen Blick in die Biografie Rothmanns wirft, wird schließlich die Parallelen zwischen dem Roman und seiner Familiengeschichte erkennen. Er ist der Junge namens Wolf, um den sich Luisa kümmert, mit dem sie nach dem Tod seiner Eltern weiterhin im Kontakt steht. Rothmann macht sich so zu einer Nebenfigur, lässt eine fiktive Heldin über seine Eltern erzählen. Nicht nur mit diesem Erzählen von realen Begebenheiten entstehen tiefe Emotionen. Vielmehr wird darüber hinaus allzu deutlich, dass die Schicksale von Walter, Elisabeth und Luisa auch für viele andere aus der Kriegsgeneration sprechen, deren Leid wiederum folgende Generationen prägte.

Mit „Die Nacht unterm Schnee“ hat Rothmann ein aufwühlendes und alle Generationen ansprechendes Meisterwerk geschrieben. Und obwohl bereits in seinen früheren Romanen seine Lebenserfahrungen eingeflossen sind, bleibt eine leise Hoffnung, dass die Geschichte von „Wolf“ vielleicht weiter erzählt wird.


Ralf Rothmann: „Die Nacht unterm Schnee“, erschienen im Suhrkamp Verlag; 304 Seiten, 24 Euro

Bild von Janusz Walczak auf Pixabay

2 Kommentare zu „Ralf Rothmann – „Die Nacht unterm Schnee“

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