Einer bleibt zurück – Ralf Rothmann „Im Frühling sterben“

„Das ist der Krieg von Zynikern, die an gar nichts glauben, außer an das Recht des Stärkeren. Dabei sind’s  nur Kleingeister und Schwächlinge, ich hab’s im Feld erlebt.“

Es sind nur noch wenige Wochen bis Kriegsende. Walter und sein Freund Friedrich „Fiete“ ahnen es. Die Nachrichten über das Vorrücken der Alliierten und der Russen sprechen eine deutliche Sprache – trotz der immer lauteren Propaganda, die sich schier zu überschlagen scheint. Beide hoffen in ihrem norddeutschen Dorf, wo sie als Melker-Lehrling arbeiten, die letzten Züge des Krieges heil zu überstehen Doch dann werden sie mit gerade mal 17 Jahren für eine Versorgungseinheit der Waffen-SS zwangsrekrutiert. Ralf Rothmann erzählt in seinem neuen Roman „Im Frühling sterben“ keine ausgedachte Geschichte. Der Berliner Autor hat die Erlebnisse seines Vaters in einem autobiografischen Roman verarbeitet, der schmerzt. 

rothmannWalter und Fiete lassen das Dorf, ihre Freundinnen, den Hof zurück. Nach nur drei Wochen Grundausbildung im Hamburg werden sie nach Ungarn versetzt. Walter landet in einem Nachschubbataillon, fährt als Kurier Munition, Medikamente, verwundete Soldaten. Fiete kommt hingegen an die Front. Beide treffen aufeinander, als Fiete verwundet im Lazarett liegt. Statt eines erhofften Heimaturlaubs muss er erneut ins Kriegsgetümmel. Bis er schließlich eine folgenschwere Entscheidung trifft: Er verlässt die Truppe, wird jedoch kurzerhand wieder von der Feldpolizei, den „Kettenhunden“, aufgespürt. Walters Freund wird zum Tode verurteilt. Beide stehen sich schließlich ein letztes Mal gegenüber: der eine gefesselt an einem Pfahl, der andere bewaffnet, dem Erschießungskommando angehörend.

Der Krieg und das Leid sind allgegenwärtig. Bereits im Dorf herrscht Angst vor Fliegerangriffen, leben die ersten Flüchtlinge aus dem Osten. An der Front gibt es kein Entrinnen vor dem Tod, ob als Beobachter des Grauens oder als Opfer. Beide Jugendlichen sehen das Entsetzliche, für das Rothmann klare Worte findet; keine poetischen Vergleiche und Metaphern, sondern  realistische Beschreibungen zeichnen diesen bemerkenswerten Roman aus. Es braucht keine Fotos oder Filme als Zeitzeugnisse, um das Leid fassbar zu machen. Die Sprache des Autors ist viel eindringlicher: So wenn die jungen, von der Front geflohenen Soldaten an den Bäumen hängen, Verwundete in einem Lastkraftwagen während eines Fliegerangriffs erschossen werden, ohne dass sie die Chance haben zu fliehen, und ungarische Zivilisten bestialisch hingerichtet werden. Walter macht auf der Suche nach dem Grab seines Vaters, der als Aufseher eines Lagers arbeitet, später an die Front strafversetzt wird, die traurige Erfahrung, dass für einen Gefallenen meist nur das Schlachtfeld „Begräbnisstätte“ ist.

„Ich hab viel gesehen“, sagte er endlich und schluckte. Zu viel, wenn du mich fragst. Aber das war der Krieg.“

Oft fragte ich mich: Wo ist die Menschlichkeit, jegliche Form von Menschlichkeit? Gerade dort, wo sie noch möglich gewesen wäre, herrschen Befehlshörigkeit und unfassbare Brutalität. Auch der Versuch Walters, seinen Freund, als „Kameradenschwein“ verunglimpft, vor der Hinrichtung zu bewahren, scheitert. Fiete hinterlässt seine Freundin Hedwig, die bald das gemeinsame Kind zur Welt bringen wird. Walter schafft es, in Kriegsgefangenschaft den Krieg zu überstehen. Doch seine Rückkehr hat er sich ganz anders vorgestellt. Essen, wo seine Mutter und Schwester leben, ist ein Trümmerhaufen, er selbst wird kaum wahrgenommen und von der Mutter überaus kühl empfangen, so dass er weiter gen Norden zieht, um den Hof zu erreichen.

Die Binnengeschichte um die letzten Wochen des Krieges und die folgende Zeit wird umgeben von Rothmanns persönlicher Begegnung mit seinem Vater, als der im Sterben liegt. Später macht sich der Autor, genau wie sein Vater einst im Krieg, auf die Suche nach dem Grab seiner Eltern, das eingeebnet werden soll. Nicht nur die eigentliche Kriegsgeneration erscheint traumatisiert angesichts der furchtbaren Ereignisse, auch kommende Generationen und das Verhältnis zwischen ihnen erscheinen ebenfalls „verwundet“. So heißt es an einer Stelle: „dass es ein Gedächtnis der Zellen in unserem Körper gibt, auch der Samen- und der Eizellen also, und das wird vererbt. Seelisch oder körperlich verwundet zu werden macht was mit den Nachkommen. Die Kränkungen, die Schläge oder die Kugeln, die dich treffen, verletzen auch deine ungeborenen Kinder, sozusagen.“ Über das oftmals schwierige Verhältnis zu seinen Eltern hat Rothmann in einem Interview für die „Literarische Welt“ gesprochen.

Viele Szenen und Dialoge machen sprach- und fassungslos, nicht nur aus Betroffenheit, sondern aus schierem Entsetzen. Rothmanns realistische Prosa schmerzt, weil sie die Gewalt gnadenlos beschreibt, gerade in ihren Einzelheiten und immer wiederkehrend, ohne dass es eine Chance auf Entkommen gibt. Gerade der Jugend wird klar, dass sie sinnlos verheizt wird. Nur die wenigsten glauben mit Überzeugung an einen Sieg, wenigstens an einen glorreichen Heldentod. Die Frage nach der Schuld eines einfachen Soldaten, zumal eines zwangsrekrutierten Jugendlichen und konkret am Fall von Walter dreht sich im Kreis, ohne Aussicht, beantwortet zu werden. Nur das eigene Gewissen, das jedoch bei einigen kümmerlich ausgeprägt war, kann eine Erklärung geben.

„Im Frühling sterben“ ist kein Buch der Woche, kein Buch des Monats und kein Buch des Jahres. Rothmanns Werk ist weit mehr: ein Buch für heutige und kommende Generationen, ein erschütternder Anti-Kriegsroman, der auch in vielen Jahren noch gelesen werden muss und für den Autor ein „Empfehlungsschreiben“ ist, in der Riege der bedeutenden deutschen Autoren aufgenommen zu werden.

Der Roman „Im Frühling sterben“ von Ralf Rothmann erschien im Suhrkamp Verlag, 234 Seiten, 19,95 Euro

Foto: H. D. Volz/pixelio.de