Der Junge und das Mädchen – Anthony Doerr „Alles Licht, das wir nicht sehen“

„Es gibt nur Zufälle auf dieser Welt, Zufälle und die Physik.“

Mehr als eine Million verkaufte Exemplare in den USA, nominiert für den renommierten National Book Award. Gut ein Jahr stand der Amerikaner Anthony Doerr mit seinem neuesten Roman „All the Light We Cannot See“ auf der Bestseller-Liste der „New York Times“. Im April bekam der Amerikaner zudem den Pulitzer-Preis für Belletristik verliehen. In Deutschland ist die Resonanz auf „Alles Licht, das wir nicht sehen“ verhaltener. Dabei siedelt Doerr seinen neuesten Roman hierzulande an, besser gesagt: Ein Schauplatz ist Schulpforte, die einstige Napola Schulpforta. 

Schulpforte ist heute ein sehr charismatischer Ortsteil der Saalestadt Naumburg, im südlichen Sachsen-Anhalt gelegen. Bekannt ist er für sein einstiges Zisterzienser-Kloster – einige mittelalterlichen Zeitzeugen wie die Klosterkirche sowie der Kreuzgang sind noch erhalten – sowie seine sehr lange Schultradition. Zu den bekanntesten Schülern zählt Friedrich Nietzsche. Heute ist hier die Landesschule Pforta ansässig, wo Jugendliche aus ganz Deutschland eine spezielle Begabtenförderung erhalten. Im Dritten Reich wurde die Eliteschule zu einer Napola umgewandelt. Das Verwunderliche: Nur wenige Kilometer entfernt, direkt in Naumburg, gab es eine zweite Napola, auf dem Gelände der sogenannten Kadette, der damaligen kaiserlichen Kadetten-Anstalt. Das Areal wird heute von der Bundeswehr genutzt.

In der Napola Schulpforta nun wird Werner aufgenommen, ein Waisenkind aus dem Ruhrpott, das wegen seiner Intelligenz und seiner immensen Technikbegeisterung auffällt. Trotz seiner kleinen Statur schafft er die harten Aufnahmeprüfungen. Während Werner unter die Fittiche von Dr. Hauptmann genommen wird, bekommt sein Freund Frederick die volle Härte und Kälte der nationalsozialistischen Erziehung zu spüren, in der jeder Funke Menschlichkeit und jede menschliche Schwäche getilgt werden sollen. Wenig später – noch nicht einmal 18 Jahre alt – wird Werner in den Krieg geschickt. In einer kleinen Wehrmachtseinheit, die mit Peilgeräten Feindsender aufspürt, erlebt er die Schrecken der Ostfront, im Sommer 1944 schließlich die letzten Anstrengungen der Deutschen in der Bretagne; nachdem die Alliierten in der Normandie gelandet sind. In der Stadt Saint-Malo trifft Werner auf Marie-Laure. Das blinde Mädchen war mit seinem Vater, ein im „Muséum National d’Histoire Naturelle“ in Paris tätiger Schlosser, von der Metropole an die Küste geflohen, wo sie zusammen im Haus ihres Großonkels Etienne Zuflucht suchen. Nicht ohne ein besonderen Schatz in Sicherheit zu bringen: einen mystischen Diamanten, dem Wunderkräfte zugesprochen werden.

„Wir alle entstehen aus einer einzigen Zelle, kleiner als ein Staubkorn. Viel kleiner. Dividiere, Multipliziere. Addiere und substrahiere. Materie wechselt den Besitzer, Atome verbinden und lösen sich, Moleküle drehen sich, Proteine fügen sich zusammen, Mitochondrien senden ihre oxidativen Weisungen aus. Wir beginnen als mikroskopischer elektrischer Schwarm. Die Lunge, das Gehirn, das Herz.“

Während Doerr, der in Deutschland durch seinen wunderbaren Roman „Winklers Traum vom Wasser“ einigen Literaturfans bekannt ist, die Kulisse der Küstenstadt detailliert beschreibt, bleibt im Vergleich dazu die Gestaltung der Napola und deren Umgebung zurück. Von „einem Schloss wie aus einem Märchenbuch“, von einem „hübschen kleinen Fluss“ und von Weinberg, Schießstand sowie Hügeln ist die Rede. Der Amerikaner setzt hingegen seine Fantasie und die Fiktion über die Authentizität des historischen Ortes, wenn er eine Schlucht sowie Seen in Schulpforte ansiedelt.

Das ist aber das gute Recht jedes Autors, schließlich macht dieses Zusammenspiel von Fiktion und Realität die Faszination von Literatur erst aus; gerade wenn man als Leser die Schauplätze kennt, liest man einen Roman mit einer anderen Aufmerksamkeit. Doerr soll Saint-Malo selbst besucht haben, wie er indes auf die Napola Schulpforta gestoßen ist, bleibt unklar. 38 dieser Elite-Schulen für die nationalsozialistische Erziehung hat es im Dritten Reich gegeben.


Die Handlung springt dabei immer wieder zwischen den Schauplätzen, Personen und Zeiten hin und her. Manche Szenen und Kapitel sind nur zwei bis drei oder sogar nur eine Seite lang. Dieser besondere Stil, zudem im Präsent verfasst, erinnert dabei an die Dramaturgie eines Filmes mit schnell geschnittenen Bildern und erzeugt eine sehr große Spannung und zieht den Leser tief in die Handlung hinein. Man möchte wissen, wie geht es weiter mit Werner, mit Marie-Laure und was geschieht mit dem Diamanten, auf den es Stabsfeldwebel von Rumpel es abgesehen hat. Neben weiteren Kunstobjekten und Schätzen.

Die Magie dieses Roman liegt in dieser Konstruktion sowie in einer sehr faszinierenden Mischung unterschiedlichster Themen. Inhaltlich besonders interessant: die Rolle des Radios als wichtiges Medium, um Informationen und Propaganda zu übermitteln. Und das verbindet auch die beiden Jugendlichen. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn Werner spürt das Mädchen über einen Sender auf, der genutzt wurde, um kriegswichtige Botschaften des Widerstandes zu übermitteln. Außerdem beschreibt Doerr, wie Marie-Laure die Welt trotz ihrer Behinderung entdeckt, wie sie sich die Umgebung zu eigen macht, ein Buch mit den Händen liest – vor allem die Romane von Jules Verne haben es ihr angetan. Gerade in seinen Werken spielt die Naturwissenschaften und die Technik eine ganz wesentliche Rolle.

„Alles Licht, das wir nicht sehen“ ist trotz kleiner stilistischer Makel in Form merkwürdig erscheinender Bilder und Vergleiche („Der Sperling neigt den Kopf und überlegt.“) ein vielschichtiger, spannender und zugleich berührender Roman.  Das wird nicht nur am traurigen Schicksal von Frederick deutlich. Mit Fassungslosigkeit wird der Leser das Ende von Werners und Marie-Laures Geschichte aufnehmen. Denn Doerr vermeidet hier jeglichen Pathos, den sicherlich der eine oder andere womöglich erwartet hat. Denn im Gedächtnis des Lesers bleiben auch jene Szenen, die schonungslos von den unmenschlichen Gräuel sowie dem Schrecken des Krieges erzählen und vor allem darüber berichten, wie die Diktatur die junge Generation geopfert hat. Aber auch die Verfolgung und Vernichtung der Juden, die Nöte und Ängste der Zivilbevölkerung und die Jagd nach Widerständlern finden sich immer wieder und wenn auch nur in kleinen, aber umso eindringlicheren Szenen.

Ohne Zweifel: Der Roman ist ein wunderbares Werk, das einen sehr berührt und eine ganz eigene Faszination verströmt. Doch dafür den Pulitzer-Preis vergeben, einen der größten Literaturpreise der USA? Ich habe da so meine Zweifel und frage mich, ob bei der Vergabe mittlerweile nicht nur ästhetische, sondern auch wirtschaftliche Gründe beachtet werden. Sollte der Preis nicht Werke auszeichnen, die sich durch einen besonderen, vielleicht richtungsweisenden literarischen Stil auszeichnen? Schon im vergangenen Jahr wurde mit „Der Distelfink“ von Donna Tartt ein, wie ich finde, eher ungeeigneter Kandidat gekürt. Mich konnte der Roman nicht 100-prozentig überzeugen.

Der Roman „Alles Licht, das wir nicht sehen“ von Anthony Doerr erschien im Verlag C.H. Beck, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Werner Löcher-Lawrence, 528 Seiten, 19,95 Euro

Foto: Elke Barbara Bachler/pixelio.de

3 Comments

  1. trotz deiner hervorragenden Rezension reizt mich das nicht so sehr. Der Pulitzer Preis ist eigentlich sowieso eher im Journalismus so bedeutend, in der Literatur haben den schon einige eher nicht so tolle Leute bekommen.(im Gegensatz zum Bookerpreis).

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    1. Danke für Deinen Kommentar, liebe Elvira. Ja, es zeigt sich in den vergangenen Jahren, dass ein Preis nicht immer Zeichen von sehr hoher Qualität/Innovation ist. Und nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. So ist es auch schade, dass viele sehr gute Bücher in der Öffentlichkeit nahezu untergehen, weil sie nicht die Werbung/Aufmerksamkeit erhalten, die durch größere Öffentlichkeitsarbeit oder eben auch durch einen literarischen Preis erreicht wird. Viele Grüße

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