Bild des Lebens – Donna Tartt "Der Distelfink"

„Aber ist es nicht immer das Unpassende, das, was nicht so recht funktioniert, was uns komischerweise am liebsten ist?“

Wenn die Welt um einen zusammenbricht, hält man sich am Unbekannten fest, weil das Bekannte nicht mehr existiert. Theo macht diese schmerzliche Erfahrung. Gemeinsam mit seiner Mutter besucht der 13-Jährige das New Yorker Metropolitan Museum of Art mit berühmten Kunstwerken der Malerei. Vor allem ein Bild hat es Theos Mutter angetan: die kleine Miniatur „Der Distelfink“ des holländischen Malers Carel Fabritius (1622-1654), eines der wenigen Gemälde, die von dem Künstler geblieben sind. Bei einer Explosion der Delfter Pulvermühle 1654 starb nicht nur Fabritius. Ein Großteil seiner Werke wurde bei dem Unglück vernichtet. Auch Theo erlebt eine Explosion – mehr als drei Jahrhunderte später: Eine Bombe geht im Museum in die Luft. Seine Mutter stirbt, mit dem Ölgemälde unter der Jacke flieht Theo aus dem Museum.

Fortan sind der Junge und das Gemälde miteinander verbunden. Die Geschichte von Donna Tartt beginnt. Seit ihrem Welterfolg „Die geheime Geschichte“ sind nahezu zehn Jahre vergangen. Mit dem voluminösen Roman „Der Diestelfink“ meldet sich die amerikanische Autorin zurück und zeigt, dass sie diese Jahre gut genutzt hat. Auf mehr als 1.000 Seiten breitet sie den weiteren Lebensweg des Jungen aus, der nach dem Tod seiner Mutter in der Familie seines Schulfreundes Andy aufgenommen wird. Die Barbours sind reich, etwas „unterkühlt“ und bekannt in der New Yorker Promi-Szene. In der Zwischenzeit lernt Theo indes den warmherzigen und freundlichen Antiquitätenhändler und Restaurator Hobie kennen, Geschäftspartner von Welty, der bei der Bombenexplosion im Museum ebenfalls um Lebens gekommen war. Schwer verletzt hat ihn Theo aufgefunden. Vor seinem Tod steckte er dem Jungen noch seinen Ring zu, den Theo Hobie schließlich übergibt. Schon während des ersten Besuches sieht er Pippa wieder, die er in Begleitung von Welty im Museum kennengelernt hatte und die den Anschlag schwer verletzt überlebt hat. Doch die kurze, aber besondere Bindung zwischen Theo und Pippa wird unterbrochen: Theos Vater taucht wie aus dem Nichts plötzlich auf und nimmt den Jungen mit zu sich nach Las Vegas. Krumme Geschäfte, Gewalt und Drogen begleiten fortan Theos Leben, der in Las Vegas zudem die Bekanntschaft mit Boris macht, den Sohn eines Russen. Sie werden dicke Freunde. Aber auch ihre gemeinsame Zeit wird beendet: Theos Vater kommt ums Leben. Der Junge entscheidet sich, wieder nach New York zurückzukehren und findet bei Hobie einen Ersatzvater, der ihn die Geheimnisse der Antiquitäten einweiht.


Deutlich wird an diesen Figurenkonstellationen: schicksalhafte Begegnungen und Wiederbegegnungen sind eines der großen Themen, die in Tartts Geschichte immer wieder auftauchen. Man geht verloren und findet sich wieder. Auch das Gemälde verschwindet schließlich. Theo erfährt dies jedoch erst, als er erwachsen ist, kurz vor der Ehe mit Kitty, Andys Schwester, steht und als Hobys Geschäftspartner arbeitet. Doch Theo erscheint nur äußerlich als erfolgreich. Innerlich zerreißen ihn seine Depressionen und die Drogensucht, von der er seit der Jugend nicht losgekommen ist. Außerdem quält ihn die Trauer über den Tod seiner Mutter, das furchtbare Ereignis, das über Sohn und Mutter wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel gekommen ist, scheint er nicht überwinden zu können. Diese Erfahrungen verbindet ihn mit Pippa, die einen ähnlich melancholischen Charakter entwickelt hat, für Theo jedoch nahezu unerreicht bleibt.

Sprachlich entwickelt Tartt in ihrem Roman einen wunderbaren Sog, den man sich als Leser vor allem im ersten Drittel ausliefert. Wie schon mit ihrem ersten erfolgreichen Werk „Die geheime Geschichte“ bleibt dem Leser nur, sich an dieses Buch zu binden, Zeit und Raum zu vergessen sowie Teil der Geschichte und der intensiven Gedankenwelt zu werden. Mit der Ich-Perspektive – das Geschehen wird aus der Sicht Theos erzählt – hat sich die Autorin für ein bewährtes wie auch ein besonderes Erzählinstrument entschieden. Doch diese einzigartige Erzählbegabung scheint mit dem neusten Mammut-Werk indes an Grenzen zu stoßen. Die Handlung erfährt einige weiße Flecken, in denen nicht viel geschieht, sich das Geschehen nahezu um sich selbst dreht, Redundanzen entstehen. Vor allem als Theo in Las Vegas lebt, kreist alles um die Freundschaft zu Boris und deren extensiven Drogenkonsum. Für jene Stellen sind Ausdauer und Geduld nötig, für die man wiederum mit späteren, weit spannenderen Kapiteln entschädigt wird. Außerdem verliert Theos Charakter deutlich an Sympathie-Werten und kann diesen Verlust auch nicht mehr im Verlauf des Buches entscheidend aufholen. Theo bleibt für den Leser unnahbar.
Was diesem Roman allerdings besonderen Glanz verleiht, ist die Art und Weise, wie die Autorin die nahezu magische Beziehung Theos zum Gemälde beschreibt, das Wirken von großer Kunst allgemein über ihre Entstehungszeit hinaus und ihren unschätzbaren Wert für die gesamte Menschheit.

So bleibt der Leser doch etwas zwiegespalten zurück – auf der einen Seite entzückt von dieser besonderen Geschichte rund um das reale Gemälde und seine Wirkung in die Gegenwart, auf der anderen Seite etwas enttäuscht. Denn angesichts der zahlreichen Lobeshymnen kann der Roman die entstandene Erwartungshaltung nicht vollständig erfüllen.

Der Roman „Der Distelfink“ von Donna Tartt erschien im Verlag Goldmann, ins Deutsche übertragen von Rainer Schmidt und Kristian Lutze.
1.024 Seiten, 24,95 Euro

3 Comments

    1. Ja. Das hast Du ganz richtig bemerkt. Ich war vom Distelflink nicht 100 Prozent überzeugt und konnte in die Lobeshymnen nicht einstimmen. „Die geheime Geschichte“ hat mir da besser gefallen. Falls Du aber gern mal einen schönen amerikanischen Roman lesen willst, kann ich Dir „Die Kunst des Feldspiels“ von Chad Harbach sehr empfehlen. Viele Grüße

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