Beschützerinstinkt – Derek B. Miller "Ein seltsamer Ort zum Sterben"

„Seine Erinnerungen wurden mit dem Alter einfach immer lebendiger. Die Zeit verstrich auf eine neue Art. Wenn man keine Zukunft mehr hat, besinnt sich der Geist auf sich selbst. Das war keine Demenz. Es war die einzige rationale Antwort auf das Unvermeidliche.“ 

Das Leben liegt nahezu hinter ihm. Doch noch einmal wagt das Schicksal Sheldon heraus – mit einem gewaltigen Satz auf die andere Hälfte der Weltkugel geht es für ihn von New York nach Norwegen, wo seine Enkelin Rhea, verheiratet mit einem Norweger, mittlerweile lebt. Sheldons Frau ist zuvor gestorben, ihr gemeinsamer Sohn schon längst tot. Im Vietnam-Krieg hat er als Soldat sein Leben gelassen, angetrieben von den Ermunterungen seines Vaters. Jetzt könnte der kauzige Amerikaner seinen Ruhestand in einem der reichsten Länder der Welt verbringen, Norwegisch lernen, frischen Fisch genießen.

Doch dem 82-Jährigen steht ein großer Einsatz bevor, in den er sich mutig stürzt – trotz dieser schwermütigen Gedanken über seine eigene Vergangenheit als Jude, den Kriegseinsatz in Korea, seine verlorene Familie sowie die eigenen schwerwiegenden Schuldeingeständnisse und Erinnerungen an längst vergangene Tage. Denn plötzlich steht ein kleiner Junge und dessen Mutter vor der Wohnungstür und brauchen seine Hilfe, drang doch aus deren Wohnung in den vergangenen Tagen und Wochen regelmäßig erschreckende Laute als Zeichen von Gewalt. Während die Mutter von ihrem Verfolger ermordet wird, suchen Sheldon und das Kind nach einem kurzen Aufenthalt in einem Schrank das Weite. Ihre Flucht nimmt ihren Lauf, in die schließlich auch Rhea und ihr Mann Lars sowie eine Jäger-Truppe auf tragische Weise mit hineingezogen werden.

Autor Derek B. Miller baut in seinem Roman „Ein seltsamer Ort zum Sterben“ jedoch nicht nur den bewährten Spannungsbogen mit verschiedenen Versatzstücken für einen Krimi auf. Und wenn auch auf den ersten Seiten vieles an die beiden Buch-Erfolge „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ oder auch „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ mit Blick auf die Themen Flucht und Reise erinnert – das Buch vermischt auf spektakuläre Weise verschiedene Genres und verschiedene Themen. Und so, dass daraus ein einzigartiger, sehr zu Herzen gehender wie auch nachdenklicher Roman entsteht.

Wie das Miller macht? Zuerst hat er eine besondere Begabung, seinen in die Jahre gekommenen Helden sympathisch zu gestalten. Er ist kauzig und liebenswürdig, vielleicht auch etwas grantig, doch sein Herz schlägt auf der richtigen Seite. Und selbst wenn er in seinen zahlreichen Lebensjahren viele Fehler gemacht hat – Sheldon ist ein wahrer Held und guter Mensch. Wie er sich dem Jungen annähert und ihm mit seinen Beschützerinstinkt umgibt, das rührt in der Seele, ganz warm wird da einem. Allerdings meist nur für kurze Momente, denn Miller streut nicht nur mit den Kriegen im 20. Jahrhundert sowie der Rolle Norwegens bei der Verfolgung des jüdischen Volkes während des Zweiten Weltkrieges und der Zeit der deutschen Besatzung immer wieder die traurigen, aber sehr realen Seiten der Menschheitsgeschichte in die Handlung ein. Sein Blick richtet sich zudem auf aktuelle Konflikte – und das durchaus auch kritisch. Denn kein geringerer als ein Kriegsverbrecher aus dem Kosovo ist hinter Sheldon und dem Kind hinterher. Es ist der leibliche Vater des Jungen, der mittlerweile in Norwegen einen Unterschlupf gefunden hat und Teil einer kriminellen Organisation geworden ist, die europaweit ihre Fäden zieht.

Die Seele des Lesers kann nicht nur mit diesen Extremen der Geschichte und dank des runden Erzählflusses wunderbar Achterbahn fahren. Der Autor beweist zudem viel Gefühl für seine Charaktere und streut in die Kapitel herrlich komische und originelle Wendungen und Dialoge ein, die diesen Kontrast zwischen Spannung und Gefühlsbetontheit um eine weitere Nuance bereichert. Ob Miller da von skandinavischen Kollegen abgeschaut hat – wer weiß. Sicher ist, dass der Amerikaner mit seinem Erstlingswerk einen Achtungserfolg setzen konnte und für seinen Roman mit dem „Crime Writers Association John Creasy Dagger Award“ als bestes Krimidebüt ausgezeichnet wurde. Gut, in diesem Buch gibt es auch Opfer (so viel sei an dieser Stelle verraten), aber deshalb aus dem Werk gleich einen Krimi oder einen Thriller zu machen, erscheint etwas übertrieben. Vielleicht ist es auch nur ein herrlich komischer und anrührender Roman mit Krimi-Elementen. In welche Schublade dieses Buch, das im Übrigen trotz eines amerikanischen Autors erstmals in Norwegen erschien, nun seinen Platz finden soll, entscheidet am besten der Leser. Aber vielleicht ist diese Schublade auch gar nicht wichtig, eher soll der Roman vor allem einen Platz im Herzen und in der Seele finden und vor allem unvergesslich bleiben.

Der Roman  „Ein seltsamer Ort zum Sterben“ von Derek B. Miller erschien im Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Olaf Roth.
416 Seiten, 9,99 Euro