Abgrund – Romain Rolland „Über den Gräben“

„Wird sich derjenige, der später vielleicht diese endlosen Aufzeichnungen liest, klar werden über die endlosen Tage, Monate, Jahre, die wir in einer seelischen Wüste gelebt haben (…).“

Im und um das Jahr 2014 stand ein Jahrestag im Mittelpunkt der literarischen Öffentlichkeit, dem zahlreiche Erscheinungen gewidmet waren: 100 Jahre waren seit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, vergangen. In diesem Umfeld veröffentlichte der Verlag C.H.Beck einen besonderen Band, der sowohl jenes geschichtliche Geschehen als auch ein weiteres Jubiläum zusammenführte: 1866, am 29. Januar und damit vor 150 Jahren, kam der französische Schriftsteller Romain Rolland zur Welt. Der Band „Über den Gräben“ gibt Einblicke in die Gedanken und Gefühle Rollands und ist ein Auszug seiner mehr als 2.000 Seiten umfassenden Tagebuchaufzeichnungen, die er in den Jahren 1914 bis 1919 niedergeschrieben hat.

Ein Eintrag vom 31. Juli 1914 eröffnet den Band, einige Zeilen vom 23. Juni 1919 stehen am Schluss. Knapp fünf Jahre, in denen die Völker ein großes Morden betreiben. In jener Zeit wird Rolland nicht an der Front sein, wie so einige Künstler, Maler wie Literaten. Vielmehr blickt er aus der Ferne auf die Ereignisse, die den Kontinent mit aller Wucht erschüttern. Nach einem Sommerurlaub am Genfer See bleibt er in der neutralen Schweiz. Das Alpenland soll bis zum Ende des Krieges eine vorübergehende Heimat bleiben, in der er sich auch nützlich macht: Er beginnt, ehrenamtlich in der Kriegsgefangenenauskunftsstelle des Internationalen Roten Kreuzes zu arbeiten. Hier erfährt er das Leid der Soldaten und ihrer Angehörigen aus den oft „herzzerreißenden“ Dokumenten, die er sichtet. Später wird er auch selbst verwundete und traumatisierte Soldaten auf einem Bahnhof sehen, unter anderem auch nach dem Krieg 1919 seinen französischen Kollegen Jean-Richard Bloch begegnen, der Zeuge des Massen-Sterbens in den Schützengräben und selbst verwundet wurde.

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Auch die Zeitungen sind seine Quelle. Zu zahlreichen Intellektuellen pflegt er eine regelmäßige Korrespondenz, mit manchen trifft er sich auch. Mit Hermann Hesse, Stefan Zweig und Albert Einstein teilt er den Hass auf den Krieg, den er im Gegensatz zu den meisten Europäern schon zu Beginn verurteilt und mit Angst entgegengesehen hatte. Seine Meinung wird ihn Schmähungen und Anfeindungen einbringen, andere hingegen verehren ihn. 1916 wird Rolland nachträglich für das Jahr 1915 der Literaturnobelpreis zuerkannt – für seinen Roman „Jean-Christophe“, in dem er in zehn Bänden von einer deutsch-französischen Freundschaft schreibt. Auch die Gruppe der Intellektuellen spaltet dieser Krieg – in Befürworter und Kritiker. Besonders enttäuscht ihn die Reaktion Thomas Manns, der sich in einem Aufsatz für den Krieg ausspricht.

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Seine Tagebuch-Aufzeichnungen berichten nicht nur von dem schrecklichen Ausmaß des Krieges, dem Leid der Soldaten und der Kriegsgefangenen sowie der Not der Zivilbevölkerung, die mit den Jahren durch die Bombardierung der Städte, mangelnde Versorgung und Krankheiten ausgezehrt wird, von der Ungerechtigkeit an der Front, wo Offiziere meist fern ab des Kriegsgetümmels Fehlentscheidungen treffen und wo die Kriegsmaschinerie Millionen Opfer kostet. Rolland richtet seine Kritik nicht nur an die Führungsspitzen der Armee, sondern gezielt gegen die Politiker beider Lager und die Wirtschaft, die maßgeblich Europa über den Abgrund geschoben haben und auch gut daran verdienen. Dabei nimmt er kein Blatt vor dem Mund. Doch auch sein eigenes Seelenleben macht er in seinem Tagebuch zum Thema. Er zeigt sich geschockt, angewidert, die Kriegsereignisse und das unmenschliche Handeln machen ihm seelisch zu schaffen. Er leidet unter einer nervösen Erschöpfung, Todessehnsucht erfasst ihn. Einer, der seinem Leben ein Ende ob der entsetzlichen Ereignisse setzt, ist der Dichter Georg Trakl, von dessen Schicksal Rolland erfährt.

„Das europäische Kriegsgetümmel erscheint mir mehr und mehr als eine kosmische Krise, als ein Phänomen kollektiver Pathologie, die ihre Wurzeln in den geheimnisvollen Gesetzen der Chemie der Völker und ihrer katastrophengleichen Mischungen hat, vielleicht sogar noch jenseits davon in einer Krankheit des Planeten oder in einer Wachstumskrise.“

Rollands Tagebuch-Aufzeichnungen sind unschätzbares und mahnendes Zeitdokument und zugleich Porträt eines sensiblen und innerlich leidenden Schriftstellers, dessen Gedanken zur Bedeutung Europas als Staatengemeinschaft wohl bis heute als Vermächtnis gelten können.  An einer Stelle heißt es dazu: „Das Nationalitätenprinzip hat Bankrott gemacht.(…) Ich gelange (und meine Gesprächspartner scheinen meine Ansicht zu teilen) zum Ideal von Staatenbünden verwandter oder benachbarter Nationalitäten, die einander durch eine Interessengemeinschaft nahegekommen sind.“

„Über den Gräben“ endet indes nicht mit der Kapitulation. Der Band reicht in das Jahr 1919. Aufstände und das Ende der Monarchie in mehreren Ländern sowie die russische Revolution tragen dazu bei, dass die kriegerischen Auseinandersetzung ein Ende finden. Doch in dieser Zeit, in dieser Konstellation verschiedener politischer System wird die weitere Saat gelegt für die spätere, weitaus größere Katastrophe. Rolland wird auch Zeuge des Zweiten Weltkriegs werden. Vor seinem Tod am 30. Dezember 1944 wird er noch die Befreiung seines Heimatlandes erleben. Es wäre zu wünschen, dass dieser Band dazu beitragen kann, dass der Franzose wieder mehr gelesen wird. Mit seinen klugen wie sprachlich pointiert wie poetischen Gedanken hat er uns bis heute sehr viel zu sagen.


Romain Rolland: „Über den Gräben. Aus den Tagebüchern 1914 bis 1919“, erschienen im Verlag C.H.Beck, aus dem Französischen von Cornelia Lehmann, herausgegeben von Hans Peter Buohler und mit einem Vorwort von Julia Encke; 175 Seiten, 16,95 Euro

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