Grenzenlos – Reif Larsen „Die Rettung des Horizonts“

„Denken ist zum Geändertwerden da.

Reichlich Zeit hat er sich gelassen. 2009 erschien sein einzigartiges Debüt „Die Karte meiner Träume“. Nun ist der Amerikaner Reif Larsen zurück – mit seinem neuen Roman „Die Rettung des Horizonts“, der wohl nicht minder eindrucksvoll ist, obwohl er in der Gestaltung – sein Erstling war ein Konglomerat aus Text, Skizzen und Fußnoten – nicht gar so überbordernd erscheint. Vielmehr ist diesmal die Geschichte ein kleines Wunderwerk. Sie nachzuerzählen ist dabei gar nicht so leicht. Denn Larsen spannt die Handlung mit ihren fünf Teilen nicht nur geografisch über vier Kontinente und zeitlich über drei Jahrhunderte. Mehrere Erzählfäden fügen sich über mehrere Personen und eine ganz eigene, aus Wissenschaftlern und kreativen Köpfen zusammengewürfelte Aktionsgruppe, die ihre Wurzeln im Norden Europas weiß, zusammen.  

Alles beginnt mit einem Stromausfall. Im ungünstigsten Moment. Denn der Sohn von Charlene und Kermin, ein gebürtiger Serbe, drängt am 17. April 1975 im Kreißsaal auf die Welt. Es soll ein besonderes Kind werden, das nicht nur die Talente seines Vaters erben soll, mit Technik aller Art nahezu geniehaft umzugehen. Radar, so sein Name, hat schwarze Haut, obwohl seine beiden Eltern hellhäutig sind. Vater und Mutter suchen verzweifelt nach einer Möglichkeit, ihrem Sohn die „richtige“ Farbe zurückzugeben. Bis sie nach unendlich vielen Arztbesuchen einen Brief aus Nord-Norwegen erhalten, wo Wissenschaftler sich zu einer skurrilen Gemeinschaft zusammengefunden haben. Mit Elektrizität, konkret mit Elektro-Schocks, können sie die Hautfarbe des Jungen wandeln. Doch ihr Interesse gilt nicht nur den Thesen und Theorien der Quantenphysik, sondern auch dem  Puppenspiel: Mit eigenwilligen Kunstperformanes mit Hilfe lebendig wirkender Vogelpuppen – die erste geschah 1944 – treten sie an verschiedenen Orten der Erde auf und setzen ein Zeichen gegen Gewalt und die Nutzung der Atomenergie, ohne jedoch ein großes Publikum, überhaupt Zuschauer zu erhoffen.

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So erzählt der Roman auch von Miroslav, der in den 1990er Jahren mit seiner Familie den verheerenden Balkankrieg erlebt und von Kindesbeinen fasziniert ist von den möglichen Imaginationen durch das Puppenspiel. Im französischen Protektorat Kambodscha wächst hingegen Raksmey in den 1950er Jahren auf, der einst als Findelkind aus einem auf den Wasser treibenden Hut gefischt und damit vor dem sicheren Tod durch Ertrinken gerettet wurde. Als Wunderkind erfährt er dank seines Ziehvaters, Besitzer einer Kautschuk-Plantage, eine besondere Ausbildung, um später eine Karriere als Quantenphysiker zu machen, während sein Land durch die Schreckensherrschaft der Roten Khmer und heftige Unruhen zerrüttet wird.  Der rote Faden, das alles verbindende Element, ist eben jene Gruppe Wissenschaftler beziehungsweise Puppenspieler mit ihren verrückten und nicht minder gefährlichen Aktionen – zu der schließlich auch der nunmehr erwachsene, nach seiner besonderen Behandlung von epileptischen Anfällen verfolgte Radar gehört. Er soll im Jahr 2010 auf einer Fahrt in den Kongo seinen Vater vertreten, der nach einem plötzlichen Blackout vom Erdboden verschwunden ist.

Zugegeben: Für die meisten lesen sich diese Zeilen sicherlich etwas verrückt und überdreht und erst spät wird der Zusammenhang deutlich, finden die Fäden einer Marionette gleich zueinander. Doch wer skurrile und tiefgründige Geschichten mag, die die Grenzen zwischen möglicher Realität und Fantasie ausloten oder sogar überschreiten, wird den neuesten Streich von Larsen lieben. Dabei zählt dieser nicht zu jenen Romanen, die man oberflächlich und so ganz nebenbei „durchackern“ sollte. Er saugt einen vielmehr auf und beansprucht den Leser voll und ganz: Sei es durch seine eigenwilligen Charaktere und deren Lebens- und Familiengeschichten, sei es durch die Anspielungen zum schwierigen Thema Quantenphysik und den Bereichen Mechanik und Elektrik. Begleitet wird der Text durch Dokumente, so Zeichnungen, Briefe, Skizzen und Zeitungsausschnitte. Auch Fußnoten werden ab und an gesetzt. Dabei spielt der Amerikaner mit möglichen Erwartungen an die Authentizität dieser vermeintlich realen Zeitzeugnissen und deren Schöpfer, die es teils so nicht gibt, aber neben wirklichen Werken im Anhang genannt werden. Wer beispielsweise den Namen Tofte-Jebsen im weltweiten Netz sucht, stößt zwar auf einen norwegischen Physiker, der allerdings bereits im Jahr 1922 gestorben war.

„Die Gruppenidee entstand also in den Pausen zwischen schwerster Arbeit. Die Naturwissenschaftlehrer trafen sich und redeten über ihre Fächer, den Krieg, das Theater, und stellten fest, dass sie so vieles gemeinsam hatten. Wenn sie nicht arbeiteten, gab es außer Reden nichs zu tun. Und am Rande der Welt können Ideen zu einer großen Sache werden. Ideen können größer werden als die Wirklichkeit. Und deswegen haben sie damit Ernst gemacht. Außerdem war es in dem Winter furchbar kalt.“

Larsens erzählerische Begabung, sein Gespür für besondere Helden erinnerte mich so manches Mal an die Werke eines Haruki Murakami, eines David Mitchell oder eines John Irving auf Speed. Neben kreativen Wortschöpfungen zeichnet diesen opulenten und gedankenreichen Roman auch ein sanfter Humor aus, zu dem sich die melancholische Schwester Tragik gesellt. Denn in jeder Familiengeschichte finden sich tragische Ereignisse: Radars Großvater war einst im Zweiten Weltkrieg mit seinem Sohn, Radars Vater, vom Balkan in die USA geflohen, Miroslav, der später seinen Namen ändert, wird den Zerfall seiner Familie durch den Balkankrieg erleben.

Wer indes womöglich die intensive Auseinandersetzung mit Wissenschaft und Technik scheut, wird sich allerdings über Anspielungen auf Bücher, Bücherschätze und ihre Bedeutung freuen. Neben Radars eigenwilliger Mutter, eine manische Leserin, taucht am Ende des Buches in Gestalt des Professors Funes ein Büchersammler mit einem gigantischen Projekt in Form einer herausragenden Vision auf. Einzig das ungeklärte Schicksal von Radar und seinen Eltern, das angesichts einer riesigen von Menschen gemachten Katastrophe in Vergessenheit gerät, lässt das Gefühl aufkommen, dass in diesem reichen, vitalen und grenzenlosen Larsen-Universum ein Mosaik-Steinchen fehlt.


Reif Larsen: „Die Rettung des Horizonts“, erschienen im S. Fischer Verlag, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Malte Krutzsch; 768 Seiten, 26 Euro

Foto: pixabay

3 Comments

    1. Man sollte neben eigenwilligen Helden auch etwas opulente Lebensgeschichten mögen. In der Süddeutschen wurde der Roman dafür eher kritisiert – nach dem Motto: Larsen habe zu viel gewollt. Ich fühlte mich trotz der tragischen Ereignisse durchaus wohl in der Geschichte. Viele Grüße

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