Das Grauen – Lee Miller „Krieg“

„Sie baten mich darum, amerikanisch zu sprechen, weil sie so großes Heimweh hätten, überbrachten mir Souvenirs und zogen dieselbe Nummer ab, die ich in Lazaretten, in der Schlacht und am Piccadilly Circus schon oft erlebt hatte: ,Hey Lady, machen Sie mal’n Foto und bringen Sie‘ s in der Zeitung‘.“

In den beiden vergangenen Jahren gab es sie in großer Zahl: Bücher über den Krieg, genauer die beiden großen Kriege in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sicherlich auch, weil Jahrestage Erinnerungen an die Vergangenheit stärker und bewusster hervorbringen. Das ist wohl im Privaten nicht anders wie in der großen Weltgeschichte. Unter der Vielzahl der Veröffentlichungen leuchten besondere Werke hervor, so die Kriegsreportagen der Amerikanerin Lee Miller.   

162_74901_153854_xxlDass die 1907 geborene New Yorkerin später an der Seite von US-Soldaten als Kriegsreporterin in Uniform und schweren Stiefeln Augenzeugin von dem Grauen und dem Elend des Zweiten Weltkrieges werden würde, hätte vermutlich keiner aus ihrer Familie oder ihrer Bekannten oder Freunde zuvor für möglich gehalten; sie vermutlich selbst nicht. Schließlich hatte sie als junge, umwerfend aussehende Frau und Model eine ganze andere Welt kennengelernt – die der Schönen und Reichen. Und dieses biografische Detail ist nicht das einzige faszinierende an der Amerikanerin. Sie war zudem eine der wenigen Frauen, die als akkreditierte Reporterinnen von der Front berichteten und sich damit auch in Lebensgefahr begeben haben. Ihre Artikel und Fotografien veröffentlichte die Modezeitschrift „Vogue“. Im btb-Verlag ist nun ein Sammelband erschienen, der erstmals elf Reportagen, zahlreiche Bilder sowie persönliche Briefe Millers, unter anderem an die „Vogue“-Herausgeberin Audrey Withers, vereint. Ein Vorwort des Kriegsjournalisten David E. Sherman (1916-1997), der für das Fotomagazin „Life“ einst ebenfalls von der Front berichtet hat, bildet den Beginn des Bandes.  Beide haben sich während ihrer Zeit in Europa mehrmals getroffen, führten zudem vor Millers Ehe mit dem britischen Kunstsammler Ronald Penrose eine Beziehung.

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Lee Miller Foto: Wikipedia

Viele markante Ereignisse aus den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges hat Miller als Begleiterin der amerikanischen Truppen – sie galt als inoffizielles Maskottchen der 83. Infanterie – selbst erlebt. Mit dem Flugzeug erreichte sie im August 1944 Frankreich – wenige Wochen nach dem D-Day, der Landung alliierter Truppen an der französischen Küste. Sie erlebt wenig später den ersten Napalm-Einsatz im Kampf um die Stadt Saint-Malo in der Bretagne, die zu 85 Prozent zerstört wurde und im aktuellen Roman von Anthony Doerr „Alles Licht, das wir nicht sehen“ zu einem historischen Schauplatz  ausgestaltet wird. Miller wird schließlich Zeugin der Befreiung von Paris, wo sie auf alte Bekannte und große Namen aus der Künstlerszene trifft. Dazu zählen unter anderem Pablo Picasso und Jean Cocteau, die sie bereits während eines früheren Paris-Aufenthaltes in den 20er Jahren kennen- und schätzen gelernt hatte. Die Amerikanerin erlebt eine Stadt voller Jubel und Euphorie angesichts der Befreiung, obwohl die Lebensumstände in der Metropole schwierig sind. Es gibt keinen Strom, nur wenige Lebensmittel. Die Kriegsreporterin beobachtet, wie Kollaborateure bestraft werden. Über Luxemburg und das Elsaß erreicht Miller schließlich Deutschland. Das Dritte Reich steht vor seinem Zusammenbruch. In den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald sieht sie das ganze Ausmaß des Faschismus: Leichenberge, SS-Angehörige, die sich ihrer Verantwortung entziehen und sich zuvor das Leben nahmen, Inhaftierte, die bei der Befreiung nicht mehr Menschen ähneln. Nahe Torgau erlebt Miller das Treffen der alliierten und der russischen Truppen. In München besucht sie die Wohnung Adolf Hitlers, wenig später auch Wachenfeld, Hitlers Haus in Berchtesgaden – wenige Tage vor Kriegsende. Miller nimmt ein Bad indes Führers Badewanne, gönnt sich ein Nickerchen im Bett von Eva Braun.

Ihre elf Reportagen erzählen nicht nur vom Einsatz und dem Leid der Soldaten und der Zivilisten, von dem riesigen Ausmaß der Zerstörung und den Gräueltaten in den Konzentrationslagern. Wie ihre Fotos besondere Situationen und Szenen einfangen, so beweist sie in ihren Texten Aufmerksamkeit und Gespür für die Menschen und ihre Schicksale. Sie berichtet unter anderem von einem französischen Jungen, der sich den GIs angeschlossen hat. Sein Vater war in Kriegsgefangenschaft geraten, die Mutter getötet worden. Eindrucksvoll sind auch ihre Berichte über die Arbeit in den Lazaretten, den Einsatz der Zivilbevölkerung gegen die Nazis. Alle Reportagen sind dabei aus der Ich-Perspektive geschrieben, ein Stil, der im amerikanischen Journalismus sehr wohl anerkannt, in Deutschland indes weniger verwendet wird und sogar als eher verpönt gilt. Eine Meinung, die ich, selbst journalistisch tätig, bis heute nicht wirklich verstehen kann.

„Ich glaube nicht, dass sie je aus dieser Erfahrung lernen werden, und ich weiß, dass ich sie nie verstehen werde. Mir geht es so wie den Soldaten hier, die die schöne Landschaft betrachten, den supermodernen Komfort der Häuser nutzen und sich fragen, warum eigentlich die Deutschen noch mehr wollte.“

In ihren subjektiven Reportagen macht sie keinen Hehl aus ihrem Hass gegenüber den Deutschen. In einem Nachwort schreibt ihr Sohn Antony, der auch eine Biografie über seine Mutter verfasst und nun ihre Kriegsreportagen zusammengebracht hat, dass sie diese Abneigung bis zu ihrem Lebensende nicht abgelegt hat.  In einem Beitrag zum Abschluss des Bandes ordnet Klaus Bittermann, Autor und Verleger,  Millers Leistung in das Schaffen weiterer Kriegsreporterinnen, wie Martha Gellhorn, Janet Flanner und Margaret Bourke-White, ein. Wie viele  andere wird die „Vogue“-Reporterin mit ihren Erlebnissen und Erinnerungen im Anschluss an den Krieg kämpfen müssen. Miller kehrt nach einer Reise durch Osteuropa nach England zurück, verabschiedet sich von ihrem Beruf und verfällt dem Alkohol. Ihre Fotografien verstaut sie in Schuhkartons.  Dass ihre eindrucksvollen Bilder und Texte wieder zurück ans Tageslicht geholt worden und in einem Band versammelt worden sind, ist für die Nachwelt ein großes Glück und Ereignis zugleich. Millers Werke sind wertvolle Zeitzeugnisse, die hoffentlich nicht mehr vergessen werden, sondern an jene grausame Zeit erinnern, und somit auch ein Erbe für kommende Generationen sind.

Wer sich für dieses Thema interessiert, dem sei an dieser Stelle auch der Band „Und alles war still. Deutsches Tagebuch von 1945“ von Melvin J. Lasky empfohlen, der als Militärhistoriker und Chronist mit der US-Armee nach Deutschland gekommen war.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Muromez von Ilja Regier.

Der Band „Lee Miller: Krieg. Reportagen und Fotos. Mit den Alliierten in Europa 1944 – 1945“ erschien im btb-Verlag, herausgegeben von Antony Penrose, aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt von Norbert Hofmann; 272 Seiten, 11,90 Euro

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