Vor und nach der Stunde Null – Melvin J. Lasky "Und alles war still. Deutsches Tagebuch 1945"

„Ein Waldstück war weggesprengt worden, und die kahle Stelle war über Kilometer hin sichtbar, ein Beweis am Himmel, dass nichts gegen menschliche Teufelei immun ist.“

Er sieht Trümmerberge, Leichen, Städte mit ausgebombten Straßenzügen, Dörfer ohne jegliches Leben. Als der Amerikaner Melvin J. Lasky im Februar 1945 nach Europa kommt, erlebt die Welt ihren Krieg. Den zweiten seiner Art, der Millionen von Menschen den Tod bringt und Länder an den Abgrund drängt. In der Uniform des amerikanischen Militärs ist Lasky, Nachkomme einer polnisch-jüdischen Familie und 1920 in New York geboren, als Militärhistoriker tätig. Seine Aufgabe ist es, den Verlauf von Kämpfen und anderer Kriegsgeschehnisse aufzuarbeiten und zu dokumentieren. Von Frankreich aus kommt er schließlich nach Deutschland. Seine Wege führen ihn unter anderem auch in die Schweiz und Nordeuropa. 
Was er in den folgenden Monaten erlebte, hat Lasky in einem Tagebuch niedergeschrieben. Sein Werk ist nun im Rowohlt Verlag mit dem Titel „Und alles war still“ erschienen. Dessen Frau, die Romanautorin Helga Hegewisch („Die Totenwäscherin“ etc.),  habe die Veröffentlichung angeregt, schreibt Wolfgang Schuller, ein langjähriger Freund der Familie, in seinem Nachwort. Und dieser Band zeigt einmal mehr, wie wichtig nicht nur die Aufarbeitung der Geschichte, sondern vor allem der Blick eines Außenstehenden ist.

Denn Lasky erkennt, dass Deutschland ein gewaltiger Trümmerhaufen und dass Leben und Tod oft nur eine Frage des Zufalls ist. Während Kinder in einer Straße spielen, woanders womöglich getanzt wird, sterben nicht weit entfernt Menschen im Bombenhagel oder Soldaten im Gefecht. Der Autor läuft auf einer Spur des Todes, nahe am Kriegsgeschehen. Er schreibt sowohl von der nervenaufreibenden Anspannung und Todesangst der Soldaten und den unfassbaren Ereignissen in den Konzentrationslagern als auch über die Schönheit der Natur und der Landschaft, die einen gewaltigen Kontrast zum Krieg bildet, für Lasky nahezu als ein Paradies erscheint.

Als am 8. Mai 1945 die Kapitulation der Deutschen Wehrmacht erfolgt, der Krieg nach fünfeinhalb Jahren ein Ende findet, verändert sich die Rolle der Amerikaner und ihrer Verbündeten. Sie werden zu Besatzern, die Deutschland einen neuen Weg ebnen wollen. Doch einiges läuft auf falschen Bahnen – dem Land wird durch die Demontage ganzer Industrieanlagen und noch vorhandener Reste der Infrastruktur die letzte Kraft geraubt. Als Beute verlassen kostbare Kunst- und Kulturgüter das Land. Hohe Nazi-Funktionäre verbleiben auf ihrem Posten, während Überlebende der Konzentrationslager vor dem Nichts stehen. Lasky ist oft auf Reisen, pendelt vom Westen in den Osten und wieder zurück, erkennt die Unterschiede in den einzelnen Besatzungszonen und schildert auch das nicht immer gute Verhältnis zwischen den Alliierten.

Das Tagebuch geht dann über seine erste Aufgabe, Stimmungsbilder zu vermitteln und Ereignisse zu schildern, hinaus, wenn es Raum gibt für die weisen Reflexionen des Autors. Lasky ist nicht nur ein guter Beobachter, sondern zugleich ein fabelhafter Denker, der nicht an der Oberfläche des Geschehens bleibt, sondern die Tiefe ergründet und seine eigenen Gefühle schildert. Nicht nur seine Zuneigung zu Frauen, die er auf seinen Reisen und Aufenthalten kennenlernt, sondern auch Niedergeschlagenheit, Zorn und Abscheu wegen der Gräueltaten und der Gewalt sowie Freude angesichts besonderer Begegnungen mit Menschen, die ihn prägen, wie mit dem Schriftsteller Klaus Mann, mit dem Philosophen Karl Jaspers und mit der Familie des Philosophen Max Weber. Das Werk ist ein bedeutendes und einzigartiges, beeindruckendes und bewegendes Zeitdokument mit seinen plastischen Schilderungen und faszinierenden Gedanken, den Fotografien und Briefen. Zu wünschen wäre es ihm, viel und oft gelesen zu werden, vielleicht Eingang in den Schulunterricht zu finden, so dass es in die Zukunft wirken kann und kommende Generationen berichtet von einer Zeit, die aus den Fugen geraten war, weil der Mensch vergessen hat, Mensch zu sein.

Laskys Nachlass wird heute an der Universität München verwahrt. Dass das Tagebuch des 2004 in Berlin verstorbenen Publizisten und Gründer der Zeitschrift „Der Monat“ nun den Weg in die Öffentlichkeit gefunden hat, ist ein großes Glück und literarisches Ereignis, das womöglich Anregung seine könnte für weitere Veröffentlichungen.

Das Buch „Und alles war still. Deutsches Tagebuch 1945“ erschien im Rowohlt Verlag Berlin, in der Übersetzung aus dem Englischen von Christa Krüger und Henning Thies.
496 Seiten, 24,95 Euro