Wenn Töne Farben sind – Svenja Leiber "Das letzte Land"

„In dem Moment, wo du anfängst, tritt … der Ton vor dich … hin, und du hörst deine eigene … Musik. Du hörst das, was an dir … Musik ist. Es kann … einen um den Verstand … bringen, weil man plötzlich … ahnt, was wir sind – ja, ich glaube … nämlich, wir sind zum … größten Teil einfach … Musik!“

Mit der Geige des Joseph findet Ruven den Weg in die bunte Welt der Musik. Da ist er noch ein Kind. Er spielt begnadet und wechselt mit der Zeit die Lehrer, weil diese mit der Entwicklung des Kindes nicht mithalten können. Die Begabung des Sohnes des Stellmachers stellt die Erwachsenen vor ein Rätsel. Auch sein innerstes Geheimnis gibt er kaum preis: dass er Töne als Farben sieht, die Noten in seinem Kopf sind.

Sein Weg zu einem Musiker scheint vorgegeben zu sein – trotz seiner Herkunft aus einfachem Hause. Doch man schreibt eine Zeit, in der es im Land düster wird, selbst das kleine Dorf hoch oben im Norden von den Ereignissen überrollt wird. Vater Nils Preuk und der Bruder ziehen in den Krieg. Der zweite kommt mit zerrüttetem Gemüt wieder, der erste bleibt auf dem Schlachtfeld zurück. Ruvens einziger Trost: die Musik, die Stunden beim jüdischen Lehrer Goldbaum und dessen Enkelin Rahel. All das ist seine ganz eigene Welt.
Die Jahre vergehen. Und es ist gerade dieser Lauf der Zeit, der in Svenja Leibers neuestem Werk „Das letzte Land“ sich zum Thema Musik hinzugesellt – die Takte gehen mit dem Ticken der Uhr einher. Unwiderruflich wird die Gegenwart zur Geschichte. Nichts kann verändert werden, wenn es schon geschehen ist.

Die großen Ereignisse im Leben des Ruven treffen auf die großen Ereignisse der Welt. In der Wirtschaftskrise versucht er, sich mit kleineren Auftritten in Gasthöfen und in gut situierten Kreisen finanziell über dem Wasser zu halten. Dabei trifft er auf die Familie Linde, die ihn fördert, auch mit einer guten Geige.  Er selbst zieht schließlich in die Stadt, dann in den Krieg – der zweite große. Seine Frau Lene bleibt mit der mittlerweile geborenen Tochter Marie zurück. Im Haus wird eine jüdische Familie – später wird klar, dass es die Goldbaums sind – vor den Nazis versteckt. Um sie nicht zu verraten, lässt sich Lene in Ruves Abwesenheit mit einem alten Bekannten ein, der für die Gestapo arbeitet: Fritz, Sohn von Ruvens erstem Geigenlehrer Dordel. Ein Kind wird gezeugt – der kleine Friedjof, der seine Mutter aufgrund ihres selbst gewählten Todes nie kennenlernen wird.  Das Ende des Krieges bringt Ruven wieder zur Musik zurück, er wird Teil eines Orchesters. Die Jahre ziehen ins Land. Mehr und mehr rückt dann die Tochter Marie in den Mittelpunkt des Romans, die als Jugendliche ein Jahr als Haushälterin auf einem Bauernhof verbringt, später selbst Herrin über einen geerbten Gutshof wird. Beide finden schließlich wieder zueinander, als Ruven alt ist, Hilfe braucht.

Ruvens Leben steht exemplarisch für all jene Schicksale, in denen der Lauf der großen Ereignisse, die später Weltgeschichte genannt werden, die eigene Entwicklung und Möglichkeiten unwillentlich in eine ganz andere Richtung lenken. So erscheint der Ton des Buches meist melancholisch, da die ganze Vergeblichkeit eigener Anstrengungen und die daraus entstehende Hilflosigkeit des Individuums keinen anderen Ton zulassen. Hinzu kommt das Janusgesichtige einer besonderen Begabung, die sowohl ein Gewinn als auch eine ungeheure Last sein kann. So drehen sich Ruvens Gedanken und Gefühle vor allem um seine Rolle als Außenseiter, die ihm als Musiker zugewiesen wird. Ein Ausweg ist der Humor, der immer wieder zwischendurch stille und leise anklingt, und die Kraft, die mit dieser Begabung einhergeht. Leibers Sprache ist dabei ungemein poetisch. Markante Bilder entstehen im Kopf. Regelmäßig findet sich eine Spur von Mystik, beispielsweise in Form des Orakelstocks, den Ruvens Mutter kaum aus den Augen lässt und verehrt.  Orakelhaft geäußerte Hinweise auf die drohende Zukunft des Landes gibt es mehrfach.

Die besondere Rolle einer Schlüsselszene kommt dabei dem Gespräch zwischen Ruven und dem Professor sowie jenes über die Rolle der Kunst im Hause der Lindes zu, wo kein Geringerer als der norwegische Expressionist Edvard Munch einen „Gastauftritt“ erhält. Gerade auch hier zeigt sich, wie der Roman mit seiner thematischen Tiefe überzeugt. Am Ende des Romans ist ein kräftiger Nachhall des Werkes zu spüren, das innerlich nachwirkt, weil es ergreift, über all die großen Lebensthemen nachdenklich stimmt und mit seiner bildgewaltigen Sprache das Lesen zu einem besonderen Erlebnis macht. So nimmt denn auch eine spezielle Überzeugung Gestalt an: Dieser grandiose Roman hätte ebenfalls den Deutschen Buchpreis verdient. Dass Svenja Leiber nicht einmal der Sprung auf die Longlist zugestanden wurde, lässt dann doch Zweifel an Entscheidungen entstehen.

Der Roman „Das letzte Land“ von Svenja Leiber ist im Suhrkamp Verlag erschienen.
320 Seiten, 19,95 Euro

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