Wort und Bild – Zoran Drvenkar und Corinna Bernburg „Könnte ich meine Sehnsucht nach dir sammeln“

„wir werden durch unsere freunde sichtbar unsere selbstzweifel lassen uns verschwinden“

Ein Autor trifft auf eine Fotografin. Gemeinsam planen sie, einen Moment auf ihre ganz eigene Weise zu erfassen. Der Autor mit seinen Worten, die Fotografin mit einem Bild. Es ist fast ein Wettkampf, eine besondere Verbindung. Die Fotografin nimmt eine Szene auf, der Autor soll bis zum Ende des Tages ein Gedicht dazu schreiben. Entstanden ist ein Band, der beglückt – mit wunderbaren Aufnahmen und herausragenden Texten. Und dies ist nur der erste Streich. Nach dem ersten Buch mit 90 Fotografien und Gedichten sollen nach dem Wunsch von Zoran Drvenkar und Corinna Bernburg drei weitere entstehen. 

Drvenkar_ZSehnsucht_159767Der Reiz des Buches mit dem poetischen Titel „Könnte ich meine Sehnsucht nach dir sammeln“ liegt dabei nicht nur in jenem Pakt zwischen beiden Künstlern. Jedes Einzelwerk steht für sich und geht zudem einen Dialog, eine Verbindung mit dem anderen Kunstwerk ein. Beide werden zu einem Gesamtwerk, das aber auch gestalterisch als eine Einheit präsentiert wird. Das Foto steht jeweils auf der linken Seite, der Text auf der rechten Seite.  Der Blick des Lesers kann so, ohne umzublättern, hin und her wandern, um die Verbindung zu entdecken. Ein spannendes Unterfangen, das dem Betrachter in eine gar meditative Stimmung versetzt.

Corinna Bernburgs Fotos in Schwarz-Weiß gelingt es, den Brückenschlag zwischen dem Alltäglichen und dem Besonderen zu schlagen. Gute Beobachtungsgabe, ein geschulter Blick sind dafür nötig. Dies unterscheidet bekanntlich den sehr guten Fotografen von dem eher weniger begabten. Versammelt sind im Band dabei eine ganze Palette verschiedener Genres; Porträts und Stillleben genauso wie Landschaft- und Momentaufnahmen. Oft fällt dabei eine spezielle Perspektive oder Lichtstimmung auf. Die Aufnahmen entstanden zwischen dem 8. Juli und dem 5. Oktober in verschiedenen Teilen von Deutschland sowie in den Niederlanden. Am Ende des Buches wird zu jedem Bild Informationen zum Moment und dem Ort seiner Entstehung gegeben.

„während du mir die sterne vom himmel holst verlange ich nach dem fremden raum dahinter“

Gerade ein besonderes Detail des Bildes bildet oft die Verbindung zum Gedicht. Das kann ein Gegenstand oder eine spezielle Szenerie sein. Verschieden sind die Themen, die von Liebe und Verlust bis hin zu Begegnung und Abschied reichen. Zeit und Vergänglichkeit sowie Erinnerungen spielen ebenfalls eine Rolle. Auch die Stimmungen können unterschiedlicher nicht sein: Melancholie und Nachdenklichkeit treffen auf Humor und Lebensfreude. Herrlich beispielsweise wie bei „uraufführung: berlin-tokio-mini-drama“ die Dinge und Personen, die auf dem Bild zu sehen sind, zu sprechen beginnen, selbst ein Mülleimer und eine Parkbank. Fantasievoll erscheint hingegen ein fliegendes Baumhaus, das nur durch eine besondere Perspektive zu schweben scheint. Das lyrische Ich berichtet von vergangenen Zeiten, beobachtet Szenen oder verortet sich im Verhältnis zu anderen Menschen oder auch im eigenen Leben.  Besonders auffällig: die fehlende Punktion und die Kleinschreibung, die die meisten Texte auszeichnen.

Dabei ist der Schriftsteller Zoran Drvenkar, 1967 in Jugoslawien geboren, aufgewachsen in Berlin, bekannt für ein ganz anderes literarisches Genre: Mit „Du bist zu schnell“ und „Sorry“ erschienen in den vergangenen Jahren zwei sehr erfolgreiche Thriller. Heimisch fühlt sich der Autor aber auch im Metier der Kinder- und Jugendbuchliteratur. Für seine Werke wurde er bereits mehrfach ausgezeichnet. Corinna Bernburg hat ihre Leidenschaft für das Fotografieren und zur Buchgestaltung vor zehn Jahren entdeckt.

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Ihr gemeinsames Werk lädt vor allem ein, sich in jenen Moment, den Bild und Wort beschreiben, zu versinken. Gerade in einer immer schnelllebigen Zeit kann das ein großes Geschenk bedeuten. Dem Leser bleibt zudem die Wahl, sich ebenfalls jeden Tag jeweils einem Bild und einem Gedicht zu widmen. Oder sich mehr Zeit nehmend mit einer ganze Reihe von Seiten zu beschäftigen. Sicher ist, das Buch lädt auch dazu ein, immer wieder nach ihm zu greifen. Womöglich verändern sich nach mehrmaligem Lesen und Betrachten die eigenen Gedanken.  Wohin werden uns wohl die kommenden drei Bände führen? Man kann sehr gespannt sein auf die folgenden Momentaufnahmen voller Poesie.

Der Band „Könnte ich meine Sehnsucht nach dir sammeln“ von Zoran Drvenkar und Corinna Bernburg erschien im cbj Kinder- und Jugendbuch Verlag; 220 Seiten, 22,99 Euro

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