Töten in Trance – John Williams „Butcher’s Crossing“

„Was er suchte, war das, was seine Welt nährte und sie erhielt, eine Welt, die sich stets ängstlich von ihrer Quelle abzuwenden schien, statt danach zu suchen, so wie das Präriegras um ihn herum faserige Wurzeln in die satte, dunkle Feuchte schickte, in die Wildnis, und sich so erneuerte.“

Einst streiften sie in schier unermesslichen Herden über die weite Landschaft Nordamerikas. Doch der Mensch machte dem Bison, auch Indianer-Büffel genannt, nahezu den Garaus. Ende des 19. Jahrhunderts lebten nur noch rund 800 Tiere auf dem Kontinent. Wie es dazu kommen konnte, erzählt auf beeindruckende Weise John Williams, der in den vergangenen Jahren mit seinem wiederentdeckten Roman „Stoner“  Berühmtheit erlang. Der mit dem National Book Award geehrte Amerikaner erlebte diesen späten Ruhm nicht mehr. Er starb 1994, neun Jahre nachdem er als Hochschullehrer für englische Sprache emeritiert worden war.  9783423280495

Während Williams in „Stoner“, 1965 erschienen, den beharrlichen Aufstieg eines jungen Mannes aus einfachen Verhältnissen in die Bildungselite beschreibt, bildet sein Roman „Butcher’s Crossing“ aus dem Jahr 1960 nahezu einen kompletten Gegenentwurf. Erzählt wird von Will Andrews, einem 23-jährigen Harvard-Studenten und Sohn eines Laienpriesters aus Boston, den es um 1870 in das kleine Städtchen Butcher’s Crossing im Bundesstaat Kansas verschlägt. Er setzt eine mögliche Karriere aufs Spiel, um der Natur nah zu sein, nahezu mit ihr eins zu werden. Die Schriften des amerikanischen Schriftstellers und Philosophen Ralph Waldo Emerson, zu deren Lektüre ihn einst sein Vater ermuntert hatte, haben ihn dazu inspiriert. In dem Städtchen, das nur aus einigen Häusern, einem Hotel und einem Saloon besteht, lernt Andrews nicht nur die Prostituierte Francis kennen. Auf der Suche nach Arbeit und einer Herausforderung macht er die Bekanntschaft mit dem Jäger Miller. Gemeinsam mit Miller, dem windigen Häuter Schneider und dem verkrüppelten Hoge geht er auf die Büffel-Jagd. In einem Tal nahe der Rocky Mountains in Colorado soll es nach den Erinnerungen Millers noch eine große Anzahl geben, nachdem bereits der Tierbestand drastisch geschrumpft ist.

„Eine Stille schien von diesem Tal aufzusteigen, eine Stille, ein Schweigen, die vollkommene Ruhe eines Stück Landes, das keines Menschen Fuß je betreten hatte.“

Doch für Andrews wird das Vorhaben auf Pferd und samt eines Ochsengespanns zu einer lebensgefährlichen Tortur. Auf dem Hinweg wird nahezu das Wasser für Mensch und Tier knapp, kurz vor dem Ritt zurück werden die vier Männer durch einen Blizzard, der mehrere Tage wütet, eingeschneit. Sie müssen vor Ort überwintern. Zuvor wurde der junge Mann indes Zeuge eines wahnsinnigen Gemetzels. Mehrere Tausend Tiere sterben während der unerbittlichen Jagd. Andrews erkennt, dass sie wie in Trance die Büffel abschlachten. Allen voran Miller, der seine Männer in Griff hat, Befehle erteilt. Sie sind ihm und seiner Manie nahezu ausgeliefert – trotz immer wiederkehrender Streitereien. Am Ende ist das ganze Tal von Kadavern, kleinen und großen leblosen Körpern, übersät, die einen unbeschreiblichen Gestank verbreiten. Am Ende kehrt die Truppe nach einem tragischen Zwischenfall ohne ein einziges Fell und einen Mann weniger nach Butcher’s Crossing zurück – das nach mehreren Monaten Abwesenheit der vier Männer, die schon für tot geglaubt waren, einer Geisterstadt gleicht.

Williams erzählt eine der düstersten Kapitel der amerikanischen Geschichte. Es tut weh, davon zu lesen, wie nur wenige Männer Tausende Tiere in nur wenigen Wochen abschlachten. Nur um an die Haut der Büffel zu kommen, das große Geld zu machen, eine Macht über die Natur zu spüren. Der Amerikaner beschreibt ungemein genau die Jagd und das spätere Häuten, wie Millers Männer zudem Tiere für die Selbstversorgung mit Fleisch ausweiden. Ein wohltuender Kontrast bilden hingegen die grandiosen Naturbeschreibungen. Das Geschehen und die einzigartige Landschaft wird vor allem in Andrews Gedanken und Beobachtungen an den Leser weitergeben. Nicht nur die Weite des Landes sowie dessen Konturen und die verschiedenen Erscheinungen spielen eine ganz wesentliche Rolle , sondern auch welchen Einfluss sie auf die Psyche der Männer haben. Das tagtäglich wie zauberhafte Auf und Ab der Sonne und die unvergleichliche Farbenpracht finden sich ebenso in den Beschreibungen. Große Bilder entstehen im Kopf und ein unbeschreiblicher Sog, der einen schnell in die Geschichte hineinzieht, so dass der Leser zu einem Begleiter des jungen Mannes wird. Während Andrews als Greenhorn in Sachen Wilder Westen erscheint, der die erlebten Geschehnisse versucht in das große Ganze einzuordnen, erweist sich McDonald, ein Fellverkäufer in Butcher’s Crossing, als mahnende Stimme.

Am Ende gibt es keinen Gewinner, wurde jeder der Männer auf besondere Weise von dieser Jagd geprägt, die Sinnbild ist für eine beispiellose Unmenschlichkeit und einem Hochverrat an der Natur. Einmal mehr beweist Williams sein wortgewaltiges Schreiben, das zugleich mit seiner wichtigen Botschaft hoffentlich unvergessen bleiben wird.

Der Roman „Butcher’s Crossing“ von John Williams erschien im dtv-Verlag, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben; 368 Seiten, 21,90 Euro

Foto: Peter Reichel/pixelio.de