Von Leid und Hoffnung – Sebastian Barry „Tage ohne Ende“

„Schätze mal, letzten Endes ist das Land der Verheißung in Grautöne gehüllt.“

Der Wildwestroman hat es noch immer schwer, als anspruchsvolle Literatur wahrgenommen zu werden. Abgesehen von großen Namen wie James Fenimore Cooper und Jack London, und obwohl es in den vergangenen Jahren mit Antonin Varennes Roman „Äquator“ und die Wiederentdeckung von „Butchers Crossing“ von John Williams schon herausragende Titel gegeben hat, an die ich an dieser Stelle gern erinnern möchte. Denn allzu eng ist dieses Genre noch immer mit den dünnen Heftchen verknüpft, die in Bahnhofsbuchhandlungen, Supermärkten und am Kiosk verramscht werden. Der irische Schriftsteller und Dramatiker Sebastian Barry legt mit seinem neuen Werk „Tage ohne Ende“ Maßstäbe und beweist, dass eine große Geschichte im historischen Amerika und große Poesie durchaus zueinander finden können.

Mit Tabu gebrochen

Der Held des schmalen Romans stammt wie Barry von der Grünen Insel. Thomas McNulty ist noch ein Kind, als er das Schiff über den großen Teich besteigt. Seine Familie gehört zu den unzähligen Opfern der Großen Hungersnot zwischen 1845 und 1852 in Irland. Thomas übersteht die Fahrt, schlägt sich schließlich von Kanada nach Süden durch und trifft eines Tages auf John Cole, der zu einem Freund – und zu seinem Geliebten und Lebenspartner wird. Schon allein mit diesem unverbrüchlichen Paar bricht Barry ein Tabu. Wohl noch nie und darüber hinaus noch nie mit so viel Aufgeschlossenheit und Selbstverständlichkeit hat ein Autor über Homosexualität in einem Wildwestroman geschrieben. Thomas und John treten als Tanzmädchen in Saloons auf und gehen gemeinsam durch die Hölle, als sie als Soldaten an den Kämpfen gegen Indianerstämme sowie gegen die Armee der Konföderierten während des Amerikanischen Bürgerkriegs teilnehmen.

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Es ist eine grausame Zeit, in der es kaum Platz für Menschlichkeit gibt. Es fließt Blut in Strömen, werden selbst Frauen und Kinder getötet. Rache gilt als oberstes Gebot. Und es reicht auch nicht, „nur“ zu töten. Die Leichen werden brutal zerteilt, Körperteile abgeschnitten, damit nach dem Glauben der Indianer die Seelen der Verstorbenen nicht in den Himmel gelangen. Der Roman zeigt die grausamen Seiten des Menschen in all ihren Facetten und ist eine nicht leicht zu ertragende Lektüre, in der Thomas sowohl Held als auch Erzähler und Chronist ist. Im Alter von 50 Jahren blickt er auf sein Leben zurück. Auf ein Leben, das ihn über den Ozean und durch weite Teile Amerikas geführt hat. Er ist ein Überlebender und Herumziehender – freiwillig wie unfreiwillig, der erst als gereifter Mann nach Jahren als Soldat und Gefangener seinen Platz finden wird – auf einer Farm des früheren Kameraden Lige in Tennessee. Hier lässt er sich mit John und dem Indianermädchen Winona, Nichte des gefürchteten Sioux-Häuptlings Caught-His-Horse-First und Adoptivkind der beiden Männer, nieder. Es ist ein schweres Dasein, die Farm-Arbeit hart. Aber sie bilden eine eng verbundene Familie und eine durchaus zufriedene Gemeinschaft, die mit drei einstigen Soldaten, einem Indianermädchen sowie zwei ehemaligen Sklaven allerdings auch ungewöhnlich, wenngleich nicht unreal erscheint.

„So desolat und dezimiert wir waren, es gab auch etwas Gutes. Etwas, das Flut und Hunger nicht auslöschen konnten. Den menschlichen Willen. Ihm gebührt Respekt. Ich hab ihn oft erlebt. So selten ist er gar nicht. Aber er ist das Beste an uns.“

Barry lässt seinen Helden in einer eigenwilligen, schnoddrig-poetischen, indes auch klugen weil lebenserfahrenen Art neben den persönlichen Erlebnissen und Gedanken zudem von den herausragenden wie auch schändlichen Ereignissen, die Grundlage für Amerikas Aufstieg waren, berichten: So vom Bau der Eisenbahn sowie von der unaufhaltbaren Besiedlung des weiten Kontinents von Ost nach West mit der Vertreibung der Ureinwohner und nahezu der völligen Ausrottung der riesigen Büffelherden. Trotz des Elends und der Qual, der Ungerechtigkeit und der unzähligen Begegnungen mit dem Tod erweist sich Thomas als Optimist, der an ein gutes Ende und an das Gute im Menschen glaubt und danach handelt. Er schützt seine Familie, versucht dem kriegerischen Geschehen dem Rücken zu kehren, das ihn indes immer wieder ereilt.

Preisgekröntes Werk

Der Ire stand für seinen Roman im vergangenen Jahr auf der Longlist des renommierten Man Booker Prizes, den schließlich George Saunders für „Lincoln im Bardo“ (Luchterhand) bekam, und erhielt für sein Werk indes den Costa Book Award sowie den Walter Scott Prize zugesprochen. „Tage ohne Ende“ vereint das Sujet und die Spannung eines großen Wildwestromans und schreibt sich wegen seiner ungewöhnlichen Helden sowie seiner großen Poesie und berührenden Lebensweisheit in die Liste der Meisterwerke ein und ergänzt meine ganz persönliche Ansammlung „Bücher des Jahres“.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „Leseschatz“.


Sebastian Barry: „Tage ohne Ende“, erschienen im Steidl Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser; 256 Seiten, 22 Euro

Foto: pixabay

5 Gedanken zu „Von Leid und Hoffnung – Sebastian Barry „Tage ohne Ende““

  1. Ich habe schon ein oder zwei Romane von Barry gelesen und mochte seine Art zu schreiben sehr. Dieses hier will ich deshalb auch noch lesen, obwohl es erstmal nicht unbedingt wie ein Buch für mich klingt. Hm, zur Zeit haben wir ziemlich viele Überschneidungen:) viele Grüße!

    Gefällt 2 Personen

    1. Für mich war es der erste Roman von ihm, kannte seinen Namen auch nicht, werde ihn nun aber ganz gewiss in Erinnerung behalten. Kannst Du ein weiteres besonders empfehlen? Ich finde Überschneidungen bei der Vielzahl der zu lesenden Bücher interessant. ;) Viele Grüße

      Gefällt 1 Person

      1. Leider ist das schon etwas länger her und es gibt auf dem Blog nur eine Besprechung zu „Mein fernes, fremdes Land“, das mir gut gefallen hat. Das zweite war „Ein verborgenes Leben“. Ich meine, das Land hätte mir noch etwas besser gefallen, aber lesenswert fand ich sie beide.

        Gefällt 1 Person

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